Kürzlich fuhr ich den Ferrari 849 Testarossa Spider. Das Ganze war ausgesprochen aussergewöhnlich: ein Denkmal für Maranellos Fähigkeit, rasende Komplexität in verblüffende Einfachheit zu überführen.
Diese Fähigkeit zeigt sich auch darin, wie Ferrari seinen eigenen Gründervater zur Legende erhebt.
Wer Zeit mit Ferrari verbringt, merkt schnell, wie schwer Enzos Geist noch immer über dem Unternehmen schwebt. Dafür gibt es einen guten Grund: Ferrari lädt diesen Geist nur allzu gern zum Verweilen ein.
Ob bei einer Technikpräsentation oder in einer Pressemitteilung: Da ist er stets, Il Commendatore, in kinoreifem Schwarz-Weiss inszeniert, hinter seiner Sonnenbrille unergründlich und in ehrfürchtigen Worten beschworen. Der gute Herr Enzo, Ferraris Leitstern.
Ein typisches Ferrari-Zitat lautet: „Die Lehren unseres Gründers, sein visionärer Geist, sein Antrieb, die Grenzen des Möglichen mutig neu zu definieren, und seine tief verwurzelte Leidenschaft für den Motorsport prägen bis heute, wer wir sind.“
So erscheint Enzo als makelloser, heiliger Geist der Ingenieurskunst: die Mutter Teresa und Sir David Attenborough der vom Motorsport abgeleiteten Performance.
Enzo Ferrari zwischen Mythos und Realität
Natürlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Unternehmen ihre Gründer als gottgleiche Figuren feiern – besonders dann, wenn deren Name über der Tür steht. Seltsam am Enzo-Kult ist womöglich nur, dass er noch gar nicht so lange tot ist. Keine 40 Jahre. Viele Menschen, die mit Enzo arbeiteten, leben noch.
Und kaum jemand, der Zeit mit Enzo verbrachte, beschrieb ihn je als reinen, heiligen Ingenieursgeist. Er behandelte seine Kunden herablassend und seine Rennfahrer noch deutlich schlechter. Schon beim geringsten vermeintlichen Mangel an Loyalität verstoss er selbst engste Verbündete. Zudem führte er eine geheime zweite Familie.
Ferraris Neudeutung Enzos folgt zumindest einer grossen italienischen Tradition. Die alten Griechen verstanden, dass Götter zugleich brillant und launisch sein können. Die Römer bevorzugten Gottheiten, die für Ordnung und Zivilisation standen. Falls Enzo irgendeine Art Gott war, dann ein griechischer. Ferrari hat ihn stillschweigend ins römische Pantheon befördert.
Auch das ist keineswegs ungewöhnlich. Im Fall von Ferrari frage ich mich jedoch, ob die Darstellung Enzos als einfacher, alter Weihnachtsmann der Ingenieurskunst den Autos letztlich nicht etwas von ihrer Wirkung nimmt. Denn Supersportwagen – und unser Verhältnis zu ihnen – sind weder schlicht noch geradlinig.
Ferrari 849 Testarossa Spider: Die reizvolle Absurdität des Supersportwagens
Der 849 Testarossa Spider ist schliesslich von Grund auf absurd. Er ist ein 1.000-PS-starkes, mit Carbonfaser verkleidetes Übermass, das die britische Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen in zweieinhalb Sekunden erreicht und Leistungsreserven bietet, die auf öffentlichen Strassen unerreichbar bleiben. Er ist eine Torheit, eine Fiktion und dauerhaft nicht mit der Welt vereinbar, in der er unterwegs ist. Mit anderen Worten: ein moderner Supersportwagen.
Doch Ferrari, mit dem heiligen Enzo als Orientierungspunkt, reduziert Supersportwagen gern auf reine Ingenieursobjekte: Querbeschleunigung, Abtrieb, Rundenzeiten in Maranello.
Gewiss fühlen sich Menschen von Supersportwagen wegen ihres Tempos und bahnbrechender technischer Entwicklungen angezogen. Daneben gibt es aber viele andere, vielleicht unerquicklichere Motive: Ego, Überfluss und der Wunsch nach einem teuren, glänzenden, lauten Ding, das sonst niemand besitzt.
Kurz gesagt: Supersportwagen sind ein wenig albern. Zwar lautet die erste Regel beim Bau teurer, exotischer und absurder Dinge, dass man unbedingt behaupten muss, sie seien nicht absurd. Ein Drei-Sterne-Michelin-Restaurant wird kaum einräumen, sein 16-Gänge-Degustationsmenü sei ein aufwendiger Vorwand, 400 £ für ein Abendessen zu verlangen.
Doch genau darin liegt der Punkt: Enzo verstand die Absurdität. Er betrachtete die Strassen-Supersportwagen seines Unternehmens nicht als schlichte Suche nach technischer Tugend. Ihm war klar, dass seine Kunden die Autos aus ganz unterschiedlichen Gründen kauften – und einige davon warfen kein besonders gutes Licht auf diese Kunden.
In einem Nachruf hiess es über Enzo, er habe „es zutiefst missbilligt, dass die Mehrzahl von reichen Dilettanten bestellt wurde, von Menschen, die der Ruf des Namens anzog und die vermutlich nicht in der Lage waren, einen Ferrari richtig zu fahren“.
Zu meiner Enttäuschung bin ich kein reicher Dilettant. Vermutlich bin ich aber ebenfalls nicht fähig, einen Ferrari richtig zu fahren – jedenfalls keinen Ferrari mit 1.000 PS auf öffentlichen Strassen. Gerade weil das Fahren des 849 Spider absurd, unsinnig und ein wenig falsch ist, ist es jedoch ein grossartiges Erlebnis.
Wenn Ferrari uns glauben machen will, Enzos Geist fliesse ununterbrochen durch den 849, wird dieses Erlebnis dann nicht eingeebnet, sobald der grosse Chef zum mittelalterlichen Heiligen mit Schraubenschlüssel umgemalt wird? Enzo selbst hätte das ganz sicher nicht beeindruckt.
Wir leben im 21. Jahrhundert. Mit komplizierten Protagonisten können wir umgehen; womöglich ziehen wir sie sogar vor, besonders wenn sie für komplizierte Schöpfungen verantwortlich sind. Heilige sind langweilig. Menschen sind interessant. Aus demselben Grund sind auch Supersportwagen interessant. Das Chaos sollte man annehmen.
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