Klischees darüber, wie verschiedene Autos genutzt werden oder was ihre Käufer auszeichnet, sind schnell dahingesagt. Trotzdem bin ich sicher, dass sich diese Beobachtung belegen lässt: Der Volvo XC90 ist so etwas wie das Standardauto für kinderreiche, wohlhabende Familien. Man sieht diese hohen skandinavischen Kolosse in Reihe vor teuren Privatschulen stehen, wie sie geschniegelt wirkende, gut erzogene Kinder ausspucken. Und man sieht sie im Februar in den Ferien prall gefüllt mit Skiausrüstung auf dem Weg Richtung Alpen über die Autoroute Blanche rollen.
Wenig überraschend hat Volvo nicht vor, dieses Revier im Elektrozeitalter kampflos zu räumen. Der vollelektrische EX90 steht bereits in den Startlöchern.
Nur: Vielleicht kommt er nicht schnell genug – denn Kia verfolgt eigene Pläne, und der EV9 steht schon heute beim Händler. Übersehen kann man ihn nicht. Er ist riesig. Er wirkt sogar größer als der Volvo, obwohl beide in Wirklichkeit fast identische Außenmaße haben. Unsere Runde führte uns in und um Milton Keynes, eine Stadt, die für Autos geplant wurde: breite Boulevards wie eine Kulisse von Los Angeles. Nur eben mit Regen und Kreisverkehren.
Fotografie: Jonny Fleetwood
Selbst dort war das Rangieren über Parkhaus-Rampen und entlang der Reihen an Schnellladern ein nervöses Unterfangen – ohne die Rundumkameras wäre es unerquicklich geworden. In Innenstädten, die noch nach dem Maß von Pferd und Wagen funktionieren, sind XC90 und EV9 ohnehin schwierig. Beim EV9 gilt das erst recht, weil sein Radstand absurd lang ist. Wobei es nicht nur die Abmessungen sind, die ihn auffällig machen: Er wirkt wie ein Konzeptfahrzeug für die Straße. Scharf geschnittene, facettierte Flächen und sauber gesetzte Details lassen an eine Art „Escalade nach dem nächsten“ denken.
Dass der Kia rein elektrisch fährt, schützt ihn in Milieus, in denen so etwas Gewicht hat, nicht automatisch vor einer Anti-SUV-Reaktion. Der Volvo – oder rutsche ich gerade von Beobachtung zurück ins Klischee? – entgeht dieser Art Missbilligung erstaunlich oft. Die großen Schweden wirken bewusst unaggressiv. Es geht um Sicherheit für die Kleinen, nicht wahr? Anders gesagt: Es ist gut möglich, dass der Kia – ebenfalls ein großer Siebensitzer-SUV, mit ähnlich beeindruckender Sicherheitsausstattung und zum ähnlichen Preis – in der Praxis eher um Käufer in einem anderen Teich wirbt, weil die Wahrnehmung unterschiedlich ist, nicht die Realität.
Hier soll es jedoch um Autos gehen, nicht um psychografische Signale. Beide erledigen denselben Auftrag. Und der Unterschied im Antrieb – vollelektrisch im EV9, Plug-in-Hybrid im XC90 Recharge – ist schlicht ein weiterer Teil der Rivalität.
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Kia EV9 vs Volvo XC90: Platzangebot und Familiennutzen
In ihrem Job sind beide herausragend. Stopft man Kinder, deren Freunde und noch die Großeltern in eines dieser Autos, liegt sofort dieses „ooh“ und „aah“ in der Luft. Das beginnt bei der Fülle an Luftauslässen, Leseleuchten, Becherhaltern und USB-Anschlüssen. Es geht weiter mit den akrobatischen Sitzlösungen – beim sechssitzigen Kia können die beiden mittleren Einzelsitze sogar nach hinten drehen (alternativ gibt es dort auch eine Bank). Und dann kommen Ablagen, Tische, Stauraum.
Der Volvo kontert mit einem integrierten, ausklappbaren Kindersitz. Der Kia wiederum hat eine Taste, die die Musikanlage beruhigt und das Mikrofon des Fahrerhandys als Durchsage über die hinteren Lautsprecher nutzt. Eine endlose Sammlung an Dingen, die entweder wirklich nützlich sind – oder zumindest Spaß machen, sie auszuprobieren.
Vorn sind Volvos Sitze seit jeher berühmt dafür, lange Strecken besonders entspannt zu machen. Dahinter schafft der XC90 Platz für fünf weitere Erwachsene, solange die Personen in der dritten Reihe beweglich sind. Der Einstieg nach hinten ist nämlich alles andere als elegant. Die zweite Reihe lässt sich verschieben, um den Raum aufzuteilen – nur: Die Hebel und Entriegelungen, damit die Sitze „ihre Nummer“ abspielen, verlangen etwas Übung.
Beim Kia erledigen Elektromotoren das Umklappen und Verschieben weitgehend selbst. Das ist komfortabler, wenn auch nicht unbedingt schneller.
Bedienung und Innenraum: Technik vs Zeitlosigkeit
Der Arbeitsplatz im Kia ist überwiegend logisch und ergonomisch – und an manchen Stellen sogar richtig charmant. Der zentrale Bildschirm deckt die nötigen Funktionen ab, und die Anzeige lässt sich unkompliziert in verschiedene Modi schalten. Zwischen ihm und dem Fahrerdisplay sitzt zusätzlich ein quadratischer Touchscreen, auf dem die Klimatisierung dauerhaft zu sehen ist. Dazu kommen echte Tasten für Dinge, die man sofort braucht – etwa für die Rundumkameras, wenn man beim Anblick einer Breitenbegrenzung kurz ins Schwitzen gerät.
Trotz der aufgeräumten Architektur wirkt das Armaturenbrett aber in seinen Variationen aus elefantengrauem Kunststoff etwas langweilig.
Der Volvo ist in seinen gesamten neun Jahren Laufzeit ohne größere optische Kur geblieben. Und warum auch? Das Design ist so stimmig, dass jede größere Eingriffslust eher Schaden anrichten würde. Neben dem Kia wirkt die Außenhaut zwar ein wenig geschäftig und schmuckbetont, doch der Innenraum ist zeitlos, hochwertig und materiell reich. Besonders in der hier gezeigten Kombination aus hellem Leder und aschgrauem Holz.
Eine wesentliche Änderung gab es dennoch: Das Infotainment ist von Volvos eigenem System auf eine Android-basierte Lösung umgestellt worden. Das funktioniert meist sauber – nur ist der Bildschirm nicht riesig, weshalb Funktionen, die beim Kia permanent sichtbar sind (allen voran die Klimaeinstellungen), beim Volvo eine Menüebene tiefer versteckt liegen.
Antrieb und Laden: Elektro gegen Plug-in-Hybrid
Wenn der eine Wagen zeitweise von kontrollierten Explosionen lebt und der andere durchgehend von elektromagnetischem Fluss, überrascht es nicht, dass sich ihre Beschleunigung unterschiedlich anfühlt. Der EV9 verzichtet erfreulicherweise auf den theatralischen Vorwärtsschlag, den manche Elektroautos schon bei der kleinsten Pedalbewegung auspacken. Sein Fahrpedal ist progressiv abgestimmt – wofür die Mitfahrer dankbar sein werden.
Tritt man dennoch entschlossen durch, geht es sehr zügig voran. Die Motoren leisten 378bhp, und die 5.3 Sekunden auf 62mph – also auf rund 100 km/h – wirken gleichzeitig überraschend und erstaunlich unspektakulär. Größe und Gewicht des EV9 laden zwar zu Vergleichen mit dem National Theatre ein, doch an Durchzug und Nachdruck mangelt es ihm nicht. Kia will außerdem noch eine „powerful and wild“ GT-Version nachschieben – das wirkt allerdings, als würde man den Rahmen des Vernünftigen bewusst überdehnen.
Kia ist bei Elektrofahrzeugen so weit, dass hier bereits die dritte Generation des E-Antriebs arbeitet. Dazu gehört eine 800V-Architektur für Batterie und Lade-/Antriebselektronik. Das eröffnet die Chance auf sehr schnelles Nachladen – sofern man den passenden Schnelllader findet: 15 Minuten an einer nahezu leeren Batterie können im Alltag weitere 135 miles Reichweite bringen, also grob rund 217 km.
Steht dagegen nur einer der verbreiteten 50-kW-Lader zur Verfügung, braucht es ein paar Stunden, bis der 100kWh-Akku wieder in die Nähe von „voll“ kommt. Es ist ein wenig wie ein sehr großer Benzintank für ein sehr durstiges Fahrzeug. In unserem Einsatz kamen wir auf etwa 2.8 mpkWh, also rund 4,5 km/kWh, und im Winter auf eine reale Reichweite von 250 miles – ungefähr 402 km. Das ist im Verhältnis zum idealisierten WLTP-Wert von 313 miles (rund 504 km) nicht schlecht.
Beim Volvo sitzt hinten ein Elektromotor mit ordentlichen 145bhp, und bei sanften Pedalbewegungen wirkt der XC90 genauso bereitwillig wie der Kia. Beschleunigt man moderat mit laufendem Verbrenner, füllt der E-Motor das Turboloch angenehm auf – der XC90 fühlt sich dadurch erstaunlich flott an. Für einen Plug-in-Hybriden ist das Zusammenspiel insgesamt ziemlich geschmeidig: keine unangenehmen Rucke, keine harten Übergänge.
Nur wenn man im E-Betrieb gemütlich rollt und dann plötzlich für die volle Systemleistung von 449bhp „alles“ abruft – etwa aus einer engen Kurve heraus oder beim Überholen –, zeigt sich der typische PHEV-Nachteil. Für maximale Beschleunigung müssen Motorstart, Turboaufbau und Kickdown im Getriebe erst zusammenfinden. Das dauert. Im Kia gilt: volle Leistung sofort, sobald man jetzt das Pedal drückt. Im Volvo bekommt man „jetzt“ eher, wenn man vor anderthalb Sekunden gedrückt hat.
Der XC90 Recharge nutzt knapp unter 15kWh netto, untergebracht dort, wo in einem klassischen 4x4 die Kardanwelle verlaufen würde. Laden kann er ausschließlich per AC; bis die 44 miles WLTP-E-Reichweite – etwa 71 km – wieder drin sind, vergehen ein paar Stunden. Realistisch sind 30–35 miles, also ungefähr 48–56 km, und danach landet man bei 25mpg, was grob rund 11,3 l/100 km entspricht.
Wer zu Hause eine Wallbox hat und täglich ziemlich genau diese elektrische Distanz pendelt – ohne Autobahnanteil –, kann so auf etwa 8.000 miles E-Fahrt pro Jahr kommen, also rund 12.875 km, plus der beruhigenden Möglichkeit, für die Skireise schnell Kraftstoff nachzufüllen. Wer jedoch auswärts laden müsste oder gar nicht lädt, für den ist der Akku eher ein Feigenblatt. Plug-in-Hybride … hängt eben stark vom Profil ab.
Fahrverhalten, Komfort und die Sache mit der Masse
Neun Jahre haben den Fahrwerksqualitäten des Volvo erstaunlich wenig anhaben können. Vermutlich, weil er nie versucht hat, diese modische Sport-SUV-Rolle zu spielen. Das Setup zielt auf Gelassenheit und Stabilität, nicht auf Fahrer-Entertainment. Bei normalem Tempo ist er dennoch präzise genug.
Man kann zwar einen Sportmodus aktivieren, der permanenten Allradantrieb bereitstellt – nur: wozu? Das Regelwerk muss ohnehin einen schnell reagierenden E-Motor hinten mit dem langsamer ansprechenden Verbrenner vorn austarieren; Torque Vectoring gelingt dabei nicht besonders fein. Deutlich sinnvoller ist der Modus für Schnee und Matsch, der Allrad mit sanfterer Pedalkennlinie und angepassten ESP-Programmen kombiniert. Der XC90 federt bisweilen etwas schütter, beruhigt sich auf der Autobahn aber angenehm. So, wie es bei 2,2 Tonnen auch sein sollte.
„Das Fahrgefühl des EV9 erinnert meist an ein großes Schiff in kurzem Seegang“
Trotz seines absurden Leergewichts von 2,640kg schlägt sich der Kia in Kurven bemerkenswert gut. Er hält das Wanken der Karosserie im Griff, bis man ihn in ziemlich extreme Bereiche zwingt – was man sechs Mitfahrern ohnehin nicht antun sollte. Wie beim Volvo gibt es kaum Lenkradgefühl. Dafür ist das Kurvenverhalten sauber austariert, und die Traktion ist robust, selbst in engen Radien, weil die Vorder-/Hinterachs-Torque-Vectoring-Regelung über zwei E-Motoren ohne Verzögerung arbeitet.
Beim Federungskomfort wirkt der EV9 tatsächlich wie ein großes Schiff auf kurzer Welle: Durch seine Masse vermittelt er eher das grobe Bild der Fahrbahn als die feinen Details. Das ist positiv.
Ja, man kann beide Fahrzeuge wegen ihrer schieren Größe und Masse leicht angreifen. Aber zumindest beim Volvo – und ich unterstelle, beim Kia gilt dasselbe – wird die Größe sinnvoll genutzt. Manche teuren SUVs fahren oft ohne Passagiere herum; diese hier transportieren regelmäßig viele Menschen. Dadurch sinkt der Ressourcenverbrauch pro Kopf in Richtung dessen, was man sonst mit einer Kolonne kleiner Kompakter erreichen müsste, um denselben Transportauftrag zu erfüllen.
Wirklich sinnvoll sind weder der elektrische Kia noch der Plug-in-Volvo, wenn man keine Lademöglichkeit zu Hause hat. Ohne Heimladepunkt ist der alternative Benziner-XC90 die bessere Wahl. Mit Wallbox hingegen wird die große, wohlhabende Familie am Kia mehr Freude haben.
1: Kia EV9 8/10
Konzeptauto-Optik mit enorm viel Raum und Variabilität. Sehr gute Bedienlogik und reichlich 4WD-Performance … aber monumental riesig
2: Volvo XC90 7/10
Wunderschöner Innenraum und sehr bequem, doch der PHEV-Antrieb passt nicht für jeden. Eine sichere Wahl mit festem Platz in der Gesellschaft
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