Zum Inhalt springen

Fahrbericht: MG Cyberster in Shanghai und China

Roter Sportwagen mit Flügeltüren parkt auf Kopfsteinpflaster in Altstadt bei sonnigem Wetter.

Elektrische Motorroller sind hier die, die dich umbringen wollen. Sie schiessen von Fusswegen auf die Strasse, zischen ohne erkennbares System über Ampeln, überholen und schneiden dich in aggressiv klappernden Mini-Rudeln. Manche haben kistenbreite Boxen hinten drauf, um Zeug auszuliefern, das für eine Topcase zu gross und für ihren eigenen Rahmen eigentlich zu schwer ist. Einer trug sogar eine kleine Schonung aus 2,5 m langen Bambusstäben, seitlich festgezurrt – wie ein Holzfäller-Ritter, bereit, Unachtsame aufzuspiessen. Selbst im Auto sind Vorfahrtsregeln hier launisch, schwammig und auslegungsfähig. Und jenseits jeder vernünftigen Erwartung funktioniert es irgendwie trotzdem. Für einen zeitverzerrten Ausländer bleibt die Innenstadt von Shanghai zur Rushhour allerdings ein pulsierender Kulturschock.

Es macht die Sache nicht leichter, dass ich ausgerechnet in einem MG Cyberster sitze: ein elektrischer, zweisitziger Cabrio-Sportwagen – in Shanghai, ja in China insgesamt, kein allzu alltäglicher Anblick. Und Angst hast du erst dann wirklich kennengelernt, wenn du beinahe frontal mit einem Passat mit langem Radstand kollidierst, dessen Fahrer danach seelenruhig aufs Auto deutet und dir freundlich zuwinkt. Die sechs Stunden für meinen – sehr – provisorischen Führerschein? Völlig sinnlos. Ich wäre besser direkt zur Therapie gegangen. Oder gleich zur Grundausbildung.

Schocktherapie im Berufsverkehr von Shanghai

Trotzdem: Wir sind nun einmal hier, und MGs kleiner Störenfried fühlt sich auf Anhieb erstaunlich gut an. Ein elektrischer, offener Zweisitzer, der lange vor einem Porsche EV Boxster oder Polestar 6 auftaucht – vom Tesla Roadster ganz zu schweigen. Und ein Auto, das in Grossbritannien mit einem Einstiegspreis von rund 50.000 £ ein Vielfaches günstiger sein dürfte als all diese Alternativen. Der erste Eindruck sitzt: bequem, ordentlich gefedert, innen qualitativ auf einem hohen Niveau und mit wirklich beeindruckenden Screen-Grafiken. Das Dach arbeitet extrem schnell und lächerlich einfach per One-Touch. Das ist kein Witz – egal, wie sehr manche es dazu machen wollen.

Nicht viel später landen wir in einem Ort namens Thames Town im Bezirk Songjiang, ungefähr 20 Meilen (ca. 32 km) vom Zentrum Shanghais entfernt. Für einen neuzeitlich pseudo-britischen, MG-beklebten Zweisitzer könnte es kaum einen absurdere Kulisse geben: Thames Town ist eine hemmungslose Fotokopie einer britischen Marktstadt. Die Kirche ist nach der Christ Church Clifton bei Bristol nachgebaut, der Fish-and-Chips-Laden eine Blaupause eines Ladens aus Lyme Regis in Dorset, und der Pub – irgendwo aus Chester. Kein Scherz. Rote Telefonzellen, Kopfsteinpflaster, angedeutetes Tudor-Fachwerk, das in die Szenerie getackert wurde. Es ist die Disney-Version von Stevenage.

Fotografie: Jonny Fleetwood

Eigentlich müsste das doch passen: MG auf dem Platz, dazu die schwere Portion Hànzì auf den Schildern. Ein bisschen Verweis auf das MGB-Erbe, gewürzt mit einem Hauch der Nationalfarbe des chinesischen Eigentümers SAIC. Tut es aber nicht. Thames Town wirkt wie ein Freizeitpark – und der Cyberster fühlt sich nicht wirklich wie ein MGB an. Irgendwann zerrt diese Kulisse an den Nerven, also suchen wir uns auf der Karte einen vagen Kritzelpunkt irgendwo Richtung Ningbo und flüchten in die Berge, um endlich vernünftig zu testen: Kurven, weniger Kameras – denn davon gibt es hier unfassbar viele. Shanghai dürfte zu den am stärksten überwachten Städten der Welt gehören: Kameras überall. Verkehrs-Drohnen, die prüfen können, ob du am Handy bist, und Anlagen, die an mehreren Kreuzungen jede Durchfahrt erfassen. Das ist nicht der Ort, um einen schnellen Wagen auszuloten.

Zum Glück ist – wie so oft – eine Perspektive nicht das ganze Bild. China kann atemberaubend schön sein. Es dauert ein paar Stunden, bis man sich aus dem städtischen Teppich Shanghais herausgeschält hat: auf der Autobahn G15 entlang und dann über die 22,2 Meilen (ca. 35,7 km) lange Hangzhou-Bucht-Brücke, die im Seefog verschwindet wie eine Strasse ins Nichts – aber sie führt ans Ziel. Und dort wird das endlose Grün zur Wohltat. Unerwartet gut asphaltierte Strassen ziehen sich durch Bambuswälder, deren Stämme bis zu 18 m hoch aufragen und vor lauter Mythos-Potenzial zu vibrieren scheinen. Kehren, schnelle Bögen – alles dabei. Klar, die Fahrweise vieler Verkehrsteilnehmer erinnert noch an die Stadt, aber es gibt 99 Prozent weniger Verkehr. Plötzlich lässt sich alles besser verarbeiten. Auch der Cyberster. Denn bis hierhin haben wir ihn betrachtet, gefahren, geladen – und ich bin beeindruckt.

MG Cyberster: Design, Türen und Innenraum

Der Cyberster stammt aus einem Team unter Leitung von Carl Gotham (European Advanced Design Director bei SAIC) und wurde aus einem Studio in Marylebone heraus entwickelt. Optisch ist er eher attraktiv als überwältigend – leicht zu „verstehen“. Vorn sitzt eine lange Haube mit hübschen Kanten und Linien, dazu etwas generisch wirkende Scheinwerfer. Vergleiche liegen förmlich auf der Hand: Alpine, Porsche, BMW, Jaguar – im Grunde jeder offene Zweisitzer wurde schon genannt. Trotzdem hat die Silhouette Kraft, auch weil eine schwarze Gürtellinie unter dem Dach das Auto optisch verschlankt. Hinten steht er breit und satt, mit einem durchgehenden Leuchtenband. Die pfeilförmigen Rückleuchten sind ein wenig zu offensichtlich – sie sollen angeblich dezent an den Union Jack erinnern –, insgesamt aber ist das Auto sauber proportioniert und gut detailliert: lang, aber ordentlich aufgeräumt. Und: Er ist grösser, als man erwartet – grösser als ein BMW Z4, eher Richtung F‑Type. Mit geschlossenem Dach sieht er immer noch stimmig aus, und es gibt zudem einen brauchbaren Kofferraum.

Die elektrischen Scherentüren sind ein kleines Stück Show, von dem ich dachte, es würde mir nach kurzer Zeit auf die Nerven gehen. Tut es nicht. Stehst du zu nah, verhindern Sensoren, dass dir die Tür ins Gesicht schlägt. Ausserdem kommt man leicht rein und raus – selbst in engen Parklücken. Freundliche Erwähnung an den Van, der beim Laden rund 20 cm neben der Seite parkte: Ich bekam die Tür trotzdem auf. Drinnen geht es mit den positiven Überraschungen weiter. Verarbeitung, Passgenauigkeit und Materialanmutung sind ausgezeichnet; die Anordnung ist klassisch, aber sinnvoll, und die Ergonomie passt.

[Inline-Galerien: themenbezogenes Delta 0]

Vor dem Fahrer zieht sich ein breites Screen-Band, aufgeteilt in drei Bereiche: links Informationen zu Ladezustand, Reifendruck und Hintergrunddaten; in der Mitte Tempo und Fahrmodi; rechts Radio. Es wirkt ein bisschen wie im TV-Showroom – aber es funktioniert. In der Mittelkonsole sitzt ein weiterer Bildschirm für die Klimaanlage, daneben die Schalter für die Gangwahl.

Und diese Displays sind, ehrlich gesagt, grossartig. Angetrieben von Chips, die im Kern eher an Gaming-PCs erinnern, spielen die Animationen in einer anderen Liga. Manchmal lenkt das ab, manchmal ist es etwas kitschig – schaltest du in den Sportmodus, fangen die Räder auf dem Bildschirm Feuer; im individuellen Modus gibt es Blitzeffekte und Ähnliches. Unterm Strich liegt das aber mehrere Stufen über dem, was einige europäische Wettbewerber derzeit zeigen.

MG Cyberster: Antrieb, Reichweite und Fahrgefühl

Wichtig ist auch: Der Cyberster basiert nicht auf einem gigantischen Elektro-Kompromiss. Das macht ihn im Alltag attraktiv. Es gibt zwei Varianten. Unser Auto hier: ein einzelner Motor an der Hinterachse, 64 kWh Batterie, 335 bhp und 0–62 mph in 5,2 Sekunden, dazu in der Realität grob 250 Meilen (ca. 402 km) Reichweite. Die andere Version bekommt zusätzlich vorn einen 201 bhp Motor, damit Allradantrieb, 536 bhp und einen Sprintwert von 3,2 Sekunden. Dort steckt ein grösseres 77 kWh Zellpaket – da rechnen wir eher mit etwa 300 Meilen (ca. 483 km).

Es kursierten zwar auch grössere Zahlen, doch die beziehen sich meist auf den CLTC (China Light-Duty Vehicle Test Cycle). Der ist sehr China-spezifisch: in der Regel warme Temperaturen und viel Stadtverkehr. Man sollte den CLTC-Wert eher wie die „City“-/Leichtlast-Reichweiten betrachten, die man bei europäischen E‑Autos kennt – während der amerikanische EPA-Wert meist näher an dem liegt, was man im echten Leben schafft.

Trotzdem: Für den Alltag reichen diese Werte mehr als aus. Und selbst mit der kleineren Batterie sowie einem Mix aus Autobahn und flotten Bergstrecken kam der 64-kWh-Cyberster tatsächlich auf etwas über 250 Meilen (ca. 402 km). Offizielle Ladeleistungen sind noch nicht veröffentlicht worden, aber ein Ladevorgang von 30 Prozent auf deutlich über 80 Prozent ergab im Schnitt gut 90 kW. Heisst: DC-Laden ist vollkommen schnell genug.

Die eigentliche Nachricht ist jedoch, wie viel Spass der Cyberster macht. In dieser schwächeren Ausführung ist er nicht absurd schnell – aber für eine kurvige Runde absolut ausreichend. Manche Autos werden zur harten, brutalen Arbeit, sobald man Tempo macht. Das hier nicht. Es ist nicht dieses kurze „Stossen und Einrasten“ eines Rennwagens, eher ein längerer, weich ausrollender Kraftschlag. Das lässt sich gut lesen, gut abfangen – und es fühlt sich tatsächlich irgendwie… vergnügt an. Schnell fahren wird hier nicht zur Stressübung, was es dir erlaubt, das Erlebnis zu geniessen. Und genau dieses Geniessen war hier entscheidend.

Die Strassen sind meist gut, mit gelegentlichen groben Wellen. Der Cyberster glitt darüber, ohne sich zu beschweren, und wenn man ihn drückte, kam das Heck leicht – wobei ich die Traktionskontrolle nicht komplett deaktivieren konnte (vor allem, weil das Menü auf Chinesisch war und mir niemand verraten wollte, wie es geht). Die Karosseriekontrolle ist gut, aber etwas weich; das gilt auch für die Lenkung. In der Stadt angenehm leicht, bei hohem Tempo wirkt sie allerdings ein wenig unpräzise. Die gute Nachricht: Man spürt, dass im Setup dynamischer Spielraum steckt. Die Grundlagen sind stark, das Fundament sauber gelegt.

15 Minuten 24 Sekunden

Auf der S33 hinaus Richtung Simingshan-Nationalwald und Xikou zeigte er dann wirklich, was er kann. Nicht der schnellste, nicht der messerscharfste – aber verdammt unterhaltsam. Natürlich bleibt das Thema Gewicht. Der Dual-Motor-Cyberster liegt bei fast zwei Tonnen, und ja: Die Version mit der kleineren Batterie und nur einem Motor ist spürbar weniger schwer und fühlt sich gut ein paar Hundert Kilo leichter an. Trotzdem: Selbst ein eher massiger F‑Type bringt rund 1.600 kg auf die Waage – Masse ist also immer ein Faktor.

Dafür ist die dynamische Komplexität beim Single-Motor geringer, und man bekommt nicht diese Dissonanz, die bei manchen Dual-Motor- (und meist sehr starken) Elektroautos auftaucht. Übersetzt: Bei einigen sehr schnellen EVs wirkt der vordere Motor, als würde er irgendwo vorn sein eigenes Ding machen, während hinten der andere Motor eine Solo-Party feiert. Ohne physische Verbindung und mit nicht ganz sauberer Kalibrierung entsteht keine Beziehung, die man nutzen kann – also passieren Dinge zu unterschiedlichen Zeiten, und das Auto fühlt sich unnatürlich an. Und unnatürlich schafft kein Vertrauen. Ganz offen: Ich bin sicher, die Dual-Motor-Variante wird schneller sein – ob sie sich besser fährt, da bin ich mir nicht so sicher.

Der leicht nerdige Punkt: Obwohl das hier eine Spezifikation für den chinesischen Heimatmarkt ist, sitzen die Basics wirklich an den richtigen Stellen. China legt möglicherweise mehr Wert auf Federungskomfort als auf messerscharfes Einlenken – aber genau das lässt sich anpassen. Federn, Dämpferabstimmung, Buchsen: alles relativ einfach zu verändern. Das Ganze nennt sich „Vehicle Attribute Integration“. Und es ist nicht abwegig zu vermuten, dass der Cyberster für Europa eine schärfer abgestimmte Lenkung und etwas straffere Dämpfung bekommen könnte. Am Ende hängt es davon ab, wie MG möchte, dass man den Cyberster „liest“.

"Eines ist sicher: Das wird europäischen Herstellern ordentlich Angst machen"

Klar ist aber auch, was viele denken: Ein Elektro-Cabrio ohne Motorensound sei wie Apfelkuchen ohne Vanillesoße, und das Fahrerlebnis im Vergleich zu einem offenen Verbrenner ist natürlich anders. Für dieses Konzept aber nicht schlechter. Beim Beschleunigen gibt es ein leises Surren, und sonst hörst du tatsächlich den Wind um den Kopf. Es ist näher an der Umgebung – du nimmst wahr, was um dich herum passiert, inklusive des Raschelns und „Singens“ eines uralten Bambuswaldes. Das stand definitiv nicht auf meiner Roadtest-Bingo-Karte.

Und das Urteil? Der MG Cyberster ist ein richtig starkes Stück Arbeit. Er führt die Marke an einen neuen Ort – auch wenn er mit einem klassischen MGB ausser einer groben Layout-Idee herzlich wenig zu tun hat. Der Name ist albern, aber aktuell ist er in seinem Segment ziemlich einzigartig: macht Spass, ist gut gebaut und preislich relativ ambitioniert. Als kompromissloser „Sportwagen“ im engsten Sinne ist er mir zu weich gezeichnet – als offenes GT‑Auto dagegen ist er ein ausgesprochen angenehmes Ding. "Eines ist sicher: Das wird europäischen Herstellern ordentlich Angst machen" – und wenn Wettbewerb die Entwicklung vorantreibt, profitieren wir am Ende davon. Denn da kommt noch sehr viel Konkurrenz.


Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen