Ibiza in der Nebensaison: Erwartung und Wirklichkeit
Wenn man schon einmal an einem Samstagmorgen kurz ins Büro musste – oder die Schuldisco geschwänzt hat, um nach Feierabend durch dunkle Flure zu streifen –, kennt man dieses eigenartig belebende Gefühl: ein Ort, der eigentlich brummen, wimmeln, lärmen und leben müsste, wirkt plötzlich wie stillgelegt. Ein wenig unheimlich, aber auch angenehm aufregend.
Genau diese Stimmung hatte ich von Ibiza ausserhalb der Saison erwartet. Karge Schönheit, leere Kulissen: Die Superclubs haben ihre Closing-Partys hinter sich, die DJs sind längst in ihre Privatjets gestiegen, und die Hotels starten „Operation Ausräuchern“. Für ein halbes Jahr soll dieser Fels im Balearischen Meer angeblich Winterschlaf halten. Niemand reisst die Hände in die Luft.
Ausser mir.
Wir wollten eigentlich auf die schicke Marina von Ibiza-Stadt rollen, neben den Yachten parken und den kantig-gutaussehenden Kia EV9 so richtig mondän in Szene setzen. Nur: Es geht nicht – weil hier schlicht alles brechend voll ist. Ungeduldige Taxis und hektische Rollerfahrer hupen wütend bei jeder meiner Zögern-am-Stoppschild-Sekunden. Verkehrspolizei, Absperrungen und Poller machen den Weg zur Riviera dicht. Touristen schlendern über die Boulevards, völlig ungerührt davon, dass ein riesiger, lautloser SUV sich gerade vom Kai wegschiebt. Die Clubber sind weg, aber Ibiza ist nicht im Kater-Modus. Es ist rappelvoll.
Fotografie: John Wycherley
Ich war seit meinem 17. Lebensjahr nicht mehr hier. Ja: so eine „nach dem Abitur“-Reise, wie sie in The Inbetweeners karikiert wird – nur mit weniger happy End. Ich war deutlich überfordert, und zwar nicht nur, weil ich schlecht schwimme. In meinem Kopf landete die Insel komplett im Ordner „zu viel trinken, zu wenig schlafen, Sonnenbrand und pleite“.
Kia EV9: Mehr als nur „Garantie“
Welche Wortassoziation löst „Kia“ bei dir aus? „Garantie“, „inzwischen gar nicht schlecht“. Aber vermutlich nicht: „Rivale für den Range Rover Sport“. Genau dahin zielt der EV9 jedoch – und ist in einem Punkt sogar früher dran als Land Rover, ganz zu schweigen von BMW, Audi oder Porsche. Keiner von denen hat bisher die Aufgabe „Luxus-SUV mit sieben Sitzen“ einem reinen Elektroauto anvertraut.
In Grossbritannien gibt es derzeit überhaupt nur wenige siebensitzige Fahrzeuge mit Batterieantrieb: den Mercedes EQB (etwas eng), den Citroën Berlingo (gut, aber die Reichweite müsste ungefähr doppelt so hoch sein) – und die Heathrow-Pod zur Rushhour. Nur Spass. Die ist ohnehin meistens ausser Betrieb.
Der EV9 ist für Kia – im wahrsten Sinne – ein massives Statement. Selbstbewusstsein im Design: ein regelrechter Koloss, rund fünf Meter lang und zwei Meter breit, der grösste Kia aller Zeiten. Und Selbstbewusstsein in der eigenen Wahrnehmung: Wenn der Verkauf im Januar 2024 startet, beginnen die Preise bei £73,245. Im Sommer soll ein Heckantrieb-„Appetiser“ mit etwas weniger Ausstattung für ungefähr £65k folgen. Und ja: Wenn Volvo für den EX90 beinahe sechsstellige Beträge aufrufen will, wirkt das wie viel Auto fürs Geld. Trotzdem: fünfundsiebzig Riesen. Für einen Kia. Ernsthaft?
In den drei Jahrzehnten, die die Koreaner gebraucht haben, um die Herzen und Köpfe der britischen Kundschaft zu erobern, gab es ein paar echte Marksteine. Der Hyundai Getz als erster glaubwürdiger Kleinwagen-Hit. Der Kia Ceed, der dem Astra Beine gemacht hat. Und der Sportage der dritten Generation, der einfach besser aussah als die Konkurrenz. Der Überraschungseffekt ist inzwischen weg – aber die Treffer landen weiterhin: Ioniq 5, EV6 und die N-Division, nach mutigen, eher experimentellen Fehlschlägen wie Veloster und Stinger.
Der EV9 wirft Kia nun ambitioniert in eine ganz neue Liga: alte Vorurteile begraben – und nebenbei die Ressourcen des Planeten schonen.
Warum ausgerechnet Ibiza?
Eben deswegen habe ich ihn nach Ibiza gebracht. Denn auch hier kämpfen einige Einheimische seit Jahren dagegen an, auf das Klischee einer kotzfleckigen Partygrube reduziert zu werden. Die Behörden probierten Förderungen für Hoteliers aus, die neue Unterkünfte bauen wollten – allerdings nur, wenn es fünf Sterne oder mehr werden. Beachclubs bekamen strengere Lärmgrenzen. Bora Bora ist komplett verschwunden. Privilege, einst der grösste Nachtclub der Welt, hat nach dem Lockdown gar nicht erst wieder aufgemacht.
Statt auf immer grössere Rave-Schuppen zu setzen, fokussiert sich Ibiza auf Projekte, die Regenwasser auffangen (und das Flaschenwasser verdrängen), Deponiemüll reduzieren und den Lebensraum der lokalen Igel schützen.
Und natürlich: E-Autos.
Ibizas 50,000 Einwohner haben aktuell pro Kopf etwa doppelt so viele Ladepunkte wie wir, um die in Grossbritannien gestritten wird … wobei es den Glanz der grünen Visitenkarte ziemlich matt macht, dass die ersten drei Säulen, die wir ansteuern, vandalisiert und ausser Betrieb sind. Zum Glück finden wir schliesslich einen 100-kW-Anschluss – bei nur noch 20 Prozent Restladung im EV9. Kurz darauf fliesst Strom in seinen 100-kWh-Akku wie Sambuca in einen Sonnenanbeter.
[Knoten: Feld_Karussell-Thema]
Mit frischer Ladung stellt der EV9 292 Meilen Reichweite in Aussicht – kein schlechter Wert gegenüber der offiziellen Ansage von 318 und absolut respektabel für einen zweimotorigen Wohnblock auf Rädern. Wenn man den 0–62-mph-Sprint (0–100 km/h) ein paar Mal wie im Civic Type R auskostet, schmilzt das natürlich dahin – aber bevor der Akku einknickt, melden sich ohnehin die Mitfahrer. Warum ausgerechnet ein 600+bhp EV9 GT auf dem Weg ist, weiss vermutlich niemand so genau.
Fahreindruck: schnell, aber kein Sportler
Ein Performance-Car ist das hier nicht, auch wenn er beängstigend zügig ist. Die Lenkung wirkt entkoppelt und federnd – ausser im Sportmodus, da wird sie so gummiartig, dass ich kurz prüfen musste, ob da wirklich eine Lenksäule aus Metall verbaut ist und nicht irgendein Drive-by-Wire-Quatsch.
Aktive Stabilisator-Tricks, um das Wanken eines komfortablen Kreuzers zu kaschieren, gibt es nicht. Und der eingespielte Cyberpunk-Sound, sobald man das Fahrpedal drückt, ist nicht einmal laut genug, um die Reifen zu übertönen, wenn sie schon bei moderatem Tempo anfangen zu quietschen. Das ist ein 2,7-Tonnen-Tier – und man spürt es jederzeit.
Solange man allerdings eher 38 PS nutzt statt 380, fährt sich der EV9 durchaus angenehm: ruhig, abgeschirmt, irgendwie beschützend. Über eine grössere Bodenwelle merkt man, wie diese Masse einmal extra nachfedert, bevor der Wagen wieder in seinen entspannten, schaukelnden Rhythmus zurückfindet. Und dennoch: Die 21-Zoll-Räder poltern nicht so laut in Schlaglöcher wie bei einem Range Rover.
Auch beim Verzögern vermittelt er Sicherheit. Kias Rekuperationsbremse ist richtig gut abgestimmt und lässt sich über vier Stufen der Energierückgewinnung per Schaltwippen hinter dem Lenkrad simpel anpassen.
Die Sitzposition ist dabei nicht dieses G-Wagen-mässige „ich herrsche über alle“-Podest, und die hohe Motorhaubenkante macht das Platzieren in einer durchschnittlichen britischen Marktstadt zur Aufgabe. Aber das ist eben ein globaler Kia – in Kalifornien wirkt er dagegen eher wie ein Winzling.
Assistenzsysteme, Bedienung und der „Touchscreen-Umweg“
Weil Kia sehr genau weiss, wie man so einen riesigen, kantigen Pfropfen in Englands niedliche, enge Realität stopfen muss, packt der EV9 gefühlt eine ganze Küchenspüle an Fahrerassistenten ein.
Einige lassen sich leicht beruhigen – etwa der etwas bevormundende Spurhalte-„Assist“, den man per Knopf am Lenkrad entschärft. Andere gehen mehr auf die Nerven: der Aufmerksamkeitsmonitor, der motzt, wenn man an einer Kreuzung nach links und rechts schaut, oder die Tempolimit-Hilfe, die fröhlich piept, wenn man 1 mph über dem letzten erkannten Schild liegt. Das Abschalten führt dann gern auf eine zähe Reise durch den Touchscreen.
Der Prog-Rock-Xylophon-Solo-Sound ist schade – denn innen ist der EV9 ein hervorragender Reiseraum.
Innenraum des Kia EV9 GT-Line S: Sitze, Platz und Alltag
Der grosse Grund sind die Sitze. Dieses £77k teure GT-Line S-Modell verzichtet auf die dreisitzige Mittelbank und serviert stattdessen Businessjet-Feeling: vier Liegesessel mit integrierten Beinauflagen. Die perforierten Kopfstützen stützen den Kopf wie ein Kissen. Ein kurzes Nickerchen beim Schnellladen klingt plötzlich verlockend.
Das ist ein echter Sieben- (hier: Sechs-) Sitzer: Hinten passen zwei Erwachsene in die dritte Reihe, und jeder Platz bietet sein eigenes Paket aus USB-Anschlüssen und Ablagefächern.
Wie bei SUVs mit drei Sitzreihen üblich bleibt der Durchstieg nach hinten eng – selbst wenn der Sitz motorisch aus dem Weg fährt. Aber wer einen wirklich praktischen Familien-Van will, kauft einen niedrigen Minivan mit Schiebetüren. Macht heute nur keiner mehr. Erinnerst du dich an den Kia Sedona? Carens? Eben.
John, der Fotograf, ist insgesamt beeindruckt, wie solide sich alles anfühlt – und seine Meinung zählt, denn er hat Kinder grossgezogen. Ich selbst war in letzter Zeit eher damit beschäftigt, Autos zu zerpflücken; deshalb bin ich etwas enttäuscht, dass unter dieser gigantischen Haube nur ein winziger Frunk sitzt, der gerade so das Ladekabel schluckt.
„Vielleicht nicht mit weisser Polsterung“, merkt John an.
Materialien, Nachhaltigkeit und der „vegetarische“ Innenraum
Doch die grösste Stärke des EV9 ist nicht Tempo, Platz, Ruhe oder Technik – sondern das, woraus er besteht. Kia hat verstanden, ähnlich wie Polestar mit seinem umfassenden Lebenszyklus-Emissionsregister, dass es wenig bringt, Auspuffemissionen zu eliminieren, wenn die Herstellung des Autos an sich so Attenborough-freundlich ist wie eine brasilianische Rinderfarm.
Darum besteht der Innenraum aus durchdachten Materiallösungen. Diese gepolsterten Kopfstützen? Ein Schaum-Mix aus Pflanzenfasern namens „Biopolyurethan“. Leder gibt es hier überhaupt keines. Armaturentafel, Mittelkonsole und Säulenverkleidungen nutzen Kunststoffe, die aus Maisextrakt, Zuckerrohr und Sägemehl stammen – statt aus Erdöl. Dachhimmel und Sonnenblenden bestehen aus recycelten Stoffen, und bei den Teppichen folgt Kia Fiats Idee, ausrangierte Fischernetze wiederzuverwenden. Lieber mit den Krümeln der Kinder gefüttert als einen Delfin gewürgt, oder?
Auch beim Lack wurden weniger von diesen unheimlich klingenden Mixturen eingesetzt, die nach Zutatenliste für Industriebadreiniger wirken. Und die Nähte, die vieles zusammenhalten, waren früher einmal eine Plastik-Getränkeflasche. Die Dämmung ebenfalls.
11 Minuten 24 Sekunden
Mir ist klar, dass da ein Widerspruch steckt: eine Kabine aus Ozeanmüll auf einem halben Tonne Lithium, Kupfer und seltenen Erden. Gleichzeitig argumentieren Bentley und Rolls-Royce gern, ihre üppigen Häute stammten von Rindern, die ohnehin für Steak tartare vorgesehen seien – man verwerte also ein Nebenprodukt. Wir müssen hier keine Kulturkriege lostreten. Das ist ein vegetarischer Innenraum, aber er sieht richtig aus, riecht richtig, verwöhnt den Hintern und dürfte sich gut abwischen lassen.
Was der EV9 am Ende ausstrahlt
Trotz meiner Nörgelei mag ich den EV9. Mir gefällt seine gelassene Art und dieses luftige, „Surfin’ USA“-Auftreten. Mir gefällt die umgekehrte Noblesse seines Emblems – dieses „nichts zu beweisen“ – und dass man sich nicht so fühlt, als müsse man dem Ruf eines BMW-X6-Fahrers gerecht werden.
Ich mag auch, dass er – sobald man den Robo-Doubtfire deaktiviert hat – weniger nervt als ein VW ID.Buzz und mit einer Ladung deutlich weiter kommt. Ich mag die Bentayga-artigen Sitze mit Massage, Heizung und Belüftung, die vielen Staufächer, wie einfach die automatische Sitzverstellung klappt, und dass das Design aussieht wie eine Kreuzung aus Ford Flex, Volvo XC90 und Iron Mans Kopf.
Eines der interessantesten Autos ist er nicht primär wegen dessen, was er kann, sondern wegen dessen, wofür er steht: Grün und Premium gleichzeitig. Die Koreaner wollen nicht länger nur die günstigen, gut gelaunten Underdogs sein – und sie warten sicher nicht darauf, dass die Chinesen sich sortieren.
Man kann über die Idee eines 70.000-Pfund-Kia die Nase rümpfen – aber noch vor gar nicht langer Zeit hätte man vermutlich den Gedanken lächerlich gefunden, überhaupt einen Kia haben zu wollen. Ungefähr so unwahrscheinlich wie das Finden von Gelassenheit auf der berüchtigtsten Partyinsel der Welt. Willkommen im Club.
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