Kürzlich fuhr ich wieder einmal einen Tesla. Und er fuhr mich. Eine dieser Erfahrungen blieb deutlich stärker im Gedächtnis als die andere.
Die Karten auf den Tisch: Ich bin skeptisch, was „selbstfahrende Autos“ angeht. Sicher, irgendwann ist das vermutlich unvermeidlich – aber kaum noch zu meinen Lebzeiten. Ja, Waymos transportieren in San Francisco bereits Menschen durch die Stadt. Teslas haben unter der Kontrolle von Autopilot Milliarden Kilometer im Flotteneinsatz zurückgelegt. Mercedes betreibt in Nevada ein Level-4-Programm für autonomes Fahren; die grünen Fahrleuchten sind eingeschaltet, damit Polizisten die Fahrer nicht anhalten, wenn diese während der Fahrt Netflix schauen.
Doch die euphorischen Jahre von ungefähr 2015 bis 2019 sind vorbei. Damals versuchten Ford, Nissan und eigentlich alle anderen fieberhaft, Tesla einzuholen, stritten über das Trolley-Problem „Wen sollte ein Roboterauto töten?“ und versprachen blindlings eine Flotte von Robotaxis bis 2020. Daran muss ich manchmal denken, wenn die Nachrichten vor einer KI-Blase warnen.
Mein Zweifel hat auch damit zu tun, dass ich Brite bin, in Grossbritannien lebe und folglich auf einigen der schlechtesten Strassen Europas fahre – bei Europas unerquicklichstem Wetter. Reifenzerstörende Schlaglöcher, tief stehende Wintersonne, die blendet, Starkregen, unterbrochene weisse Linien, verblasste Kreuzungsmarkierungen und schlecht entwässerte Autobahnen, auf denen Aquaplaning lauert, gehören hier zum Alltag. Und dabei sind die anderen Verkehrsteilnehmer noch gar nicht eingerechnet.
Deshalb lautete meine Haltung zu selbstfahrenden Autos bisher: „Klar, im sonnigen Kalifornien an einem trockenen Tag. Aber nicht jederzeit und nicht überall.“
Tesla Autopilot auf britischen Strassen
Als ich Tesla Autopilot vor einigen Jahren zuletzt in Grossbritannien ausprobierte, hatte das System deutliche Schwächen. Es wollte das Auto unbedingt mittig in der Spur halten und liess im Stau weder Motorrädern beim Durchschlängeln noch Radfahrern Raum. Beim Überholen zögerte es zu lange und bummelte träge auf der mittleren Spur. Es war zugleich zaghaft und rücksichtslos. Ehrlich gesagt passte es zu britischen Autofahrern wie eine Pastinake auf ein Blech Bratkartoffeln: unerwünscht, aber erstaunlich unauffällig.
Im vergangenen Monat musste ich dann einige langweilige Pendelkilometer im halb ländlichen Michigan zurücklegen und beschloss, dem System nochmals eine Chance zu geben. Das aktuelle Model 3 Performance verkörpert schliesslich perfekt die Erkenntnis: Nur weil etwas schnell ist, macht es noch keinen Spass. Vom künstlichen Lenkgefühl gründlich abgestossen und vom freudlosen Antrieb gelangweilt, gab ich das Ziel ins Navi ein, zog am Hebel und überliess den Code seinem Werk.
Model 3 Performance: überraschend souverän in Michigan
Auf heimischem Terrain ist Autopilot selbst im schmutzigen Herbst, bei tief stehender Sonne und dreckigen Strassen ziemlich sensationell. Auf US-Strassen wirkt es wesentlich selbstsicherer als mit der für Grossbritannien typischen Zögerlichkeit eines Fahrschülers. Es löst Probleme beinahe unheimlich eigenständig und zeigt Initiative.
Ich liess mich zu einem Hotel navigieren, das erst vor Kurzem fertiggestellt worden war. Das Model 3 war sich nicht sicher, ob der Parkplatz schon geöffnet hatte – er war es –, nahm vorsichtshalber aber die nächste Abzweigung und parkte gegenüber bei einem Geschäft sauber mittig in einer Parkbucht. Es schien aufrichtig zu sagen: „Hm, ich glaube, näher kann ich dich nicht heranbringen – ist das in Ordnung?“ Vergesst Sora von OpenAI – das ist überzeugende künstliche Intelligenz.
Bei einer anderen Fahrt war ich auf der rechten Spur eines Freeways unterwegs, als ich rund 800 Meter voraus einen Sattelzug auf dem Standstreifen bemerkte. Die Warnblinkanlage lief, während der Fahrer etwas am Auflieger kontrollierte.
Noch ehe ich diese kleine Szene richtig erfasst hatte, setzte der Tesla den Blinker, zog nach links und fuhr halb auf der rechten, halb auf der mittleren Spur, bis er die mögliche Gefahrenstelle passiert hatte. Kein vollständiger Spurwechsel, sondern lediglich ein höfliches Abwägen nach dem Motto: „Ich gebe dem armen Kerl lieber etwas mehr Platz, nur für den Fall.“ Genau so, wie es ein rücksichtsvoller Mensch tun würde.
Mitunter war er allerdings geradezu übertrieben höflich. Zu britisch alter Schule. Im Stillstand an einer blockierten Kreuzung mit vier Zufahrten setzte der Fahrer des Pick-ups neben mir versuchsweise den Blinker. Er konnte nirgends hin, und ich hatte keine Möglichkeit, ihn einfädeln zu lassen; nach 20 Sekunden schaltete er ihn wieder aus. Als der Verkehr etwa eine Minute später wieder floss, tat der Tesla allerdings nichts. Er wartete geduldig darauf, die zurückgenommene Bitte des Pick-up-Fahrers zu berücksichtigen, vor mir einscheren zu dürfen. Ich hätte mich niemals so entschieden – dieses Model 3 ist also inzwischen altruistischer als ich.
Fortschritt beim autonomen Fahren
Widerwillig musste ich zugeben, dass ich sehr beeindruckt war. Ich gewöhnte mich daran. Meine Schultern entspannten sich, und mein Griff ums Lenkrad wurde lockerer. Ich kann ehrlich nachvollziehen, weshalb nach aussen völlig normale Menschen in solchen Autos bei 129 km/h nachlässig werden, einschlafen oder Filme schauen.
Trotzdem halte ich stur an der Überzeugung fest, dass die Vorstellung „In zehn Jahren fahren alle Autos selbst“ unrealistisch ist. Dafür gibt es zu viele Variablen: Wetter, Technik und rechtliche Hürden. Aber während ich in die andere Richtung geschaut habe: wow. Das ist ein beachtlicher Fortschritt. Hände weg von meinem Job, Algorithmus.
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