Zum Inhalt springen

Volkswagen Polo Test: Vernunft mit wenig Temperament

Silberner Volkswagen Kleinwagen fährt auf kurviger Landstraße mit Felsen und Bäumen im Hintergrund.

Ein vernichtender Einstieg für einen Volkswagen-Polo-Test: Der Volkswagen Polo war stets das Auto für alle, denen andere Kleinwagen einfach zu spannend waren. Kaum ein Modell verkörperte so konsequent kühle Vernunft. Die Deutschen liebten ihn. In Grossbritannien mochten Käufer bei kleinen Autos jedoch mehr Temperament und griffen deshalb lieber zu Fiesta, Clio oder 207. Obwohl der Polo dort eher ein steifer Kandidat war, verkaufte sich der Golf glänzend. Die VW-Leute haben dafür eine interessante Erklärung: Im Markt der Kompaktwagen spielt Rationalität eine grössere Rolle, denn Golf-Käufer haben Familien und Hypotheken. Käufer von Kleinwagen sind noch nicht an diesem Punkt angekommen – oder sie haben ihn längst hinter sich und möchten sich nicht mehr an die Entbehrungen erinnern. Ein Kleinwagen dreht sich ganz um mich.

Der Erfolg des Golf in Grossbritannien belegt, dass die vergleichsweise schwachen Verkäufe des alten Polo weder an den Händlern noch an der Marke lagen. Entscheidend war das Auto selbst. Der Polo musste sich also verändern. Sein Erfolg in Deutschland bedeutete jedoch zugleich, dass VW ihn aus Angst vor einer Abschreckung nicht zu stark umgestalten wollte.

Volkswagen Polo: erwachsener Auftritt statt Design-Exzess

Der Polo trägt zwar ein neues Erscheinungsbild, mutiert deshalb aber keineswegs zu einem Zirkus des extremen Umstylings. Weder besitzt er die hektisch überladene Front eines 207 noch die angedeuteten Supersportwagen-Spielereien eines MiTo, die Keilform und Oberflächenakrobatik eines Fiesta oder das Gürteltier-Profil eines Corsa. Er wirkt erwachsener – ob das bei einem Kleinwagen tatsächlich wünschenswert ist, bleibt Geschmackssache. Unbestritten ist dagegen, dass der neue Polo hervorragend proportioniert und sorgfältig detailliert ist. Der waagerechte Kühlergrill und die dezenten Schultern erinnern entfernt an den Scirocco. Hat man einige Polos vorbeifahren sehen, wirkt der Scirocco dadurch wie ein geradezu fabelhaft überzeichnet geformtes Auto.

Im Innenraum setzt VW auf seine bekannten Stärken. Nichts ist übertrieben verspielt, doch das gesamte Armaturenbrett besteht aus hochwertigen Materialien und ist mit der Präzision eines Uhrmachers gefertigt. An den Türen gibt es allerdings etwas kratzempfindlichen Kunststoff, und einige der attraktiven Zierleisten in gebürsteter Aluminiumoptik erhält man nur in der höchsten Ausstattungsvariante.

Motoren des Polo: TSI, Diesel und BlueMotion

Es geht jedoch nicht allein um Gestaltung. Die Antriebe von VW haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich an die Spitze gearbeitet. Als Beleg dafür kommen im nächsten Jahr zwei extreme Polo-Versionen auf den Markt: Am einen Ende steht der GTI mit 1,4-Liter-Twincharger, also Turbo- und Kompressoraufladung, sowie optionalem Siebengang-DSG. Am anderen Ende folgt ein völlig neuer 1,2-Liter-Diesel im BlueMotion. Seine Umwelttechnik soll eine Zertifizierung mit lediglich 87 g/km ermöglichen. Einen Prototypen bin ich gefahren: Er wirkt überraschend normal, auch wenn ich – wie bei solchen Autos üblich – nicht annähernd an den angegebenen Verbrauchswert herankam.

Der derzeit interessanteste Motor ist allerdings der 105-PS-Benziner. Dabei handelt es sich um einen 1,2-Liter-TSI mit Turbolader. Angesichts der Erfolge des ähnlichen 1,4-Liter-Motors von VW – der sogar den riesigen Skoda Superb bewegen kann – stehen die Zeichen gut. Tatsächlich liefert der 1,2 TSI kräftiges Drehmoment und läuft kultiviert, wenn auch etwas brummig, und er scheint stets auf der Seite des Fahrers zu sein. Er ersetzt den bisherigen 1,6-Liter-Motor, beschleunigt besser und fährt laut EU-Laborwerten mit einem Liter Kraftstoff fast ein Viertel weiter.

Auch ein neuer Dieselmotor mit drei Leistungsstufen ist verfügbar. Da Briten jedoch nur wenige Diesel-Kleinwagen kaufen, werden dort lediglich die schwächeren Varianten mit 75 und 90 PS angeboten. Der Motor läuft ruhig und kultiviert, während die Tankanzeige regelrecht am F zu haften scheint. In engen Kurven wird das Fahrverhalten allerdings weich, weil der Diesel etwa so viel mehr wiegt als der Benziner wie anderthalb Säcke Zement. Die übrigen Benzinmotoren sind überarbeitete Versionen ihrer Vorgänger: zwei angenehme, aber kraftlose 1,2-Liter-Dreizylinder – 60 PS, bitte sehr – sowie der bekannte 1,4-Liter-Saugmotor.

Fahrverhalten und Komfort im Volkswagen Polo

Zurück zum 1,2 TSI: Er wird entweder mit einem etwas hakeligen Sechsgang-Schaltgetriebe oder mit einem schnell arbeitenden Siebengang-DSG kombiniert. Ich fuhr ihn mit den optionalen 17-Zoll-Rädern, die Kurven tatsächlich sehr mögen. Ein Fiesta ist der Polo nicht, aber er liegt auch nicht weit davon entfernt. Bei höherem Tempo wünscht man sich gelegentlich straffere Dämpfer, doch das ist kein schwerwiegender Kritikpunkt.

Wer mit einem Kleinwagen weite Strecken zurücklegen möchte, ohne dass der Hintern schmerzt, das Skelett vibriert und die Ohren klingeln, findet im Polo das passende Auto. Die Geräuschkulisse bei Autobahntempo ist bemerkenswert niedrig, und das Fahrwerk schluckt das ermüdende, hochfrequente Rattern typischer Betonautobahnen. Auch Sitze und Fahrposition entsprechen dem gewohnten VW-Standard: Sie wirken, als seien sie genau für einen gemacht – unabhängig davon, ob man den Körperbau eines Athleten oder eines Affen hat. Bei niedrigen Geschwindigkeiten reagiert das Fahrwerk zudem angenehm nachgiebig auf die Krater, die auf britischen Strassen zur Serienausstattung zu gehören scheinen.

Der Polo fühlt sich somit mehr denn je wie ein grösseres Auto an – und er ist es auch. Immerhin wiegt er nicht mehr als sein Vorgänger, was dem Verbrauch zugutekommt. Radstand und Spurweite wurden ebenso verändert wie beim neuen Ibiza. Eine breitere Spur erhöht die Stabilität, während der längere Radstand die Wettbewerbsfähigkeit beim Platz im Fond sichert; dieser dürfte überdurchschnittlich sein, vermutlich weil das Dach hoch ausfällt. Die Karosserie enthält mehr hochfesten Stahl und fühlt sich ausgesprochen solide an. Das ist alles lobenswert und hilfreich, wenn neue Sicherheitsstandards erfüllt werden müssen. Euro NCAP hat die Anforderungen verschärft, und VW kann es sich nicht leisten, kein Fünf-Sterne-Auto anzubieten.

Unweigerlich dreht sich die Diskussion deshalb um Raumangebot, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Dieser Polo ist ein sympathisches Auto, doch ungeachtet des grossen Aufwands, den VW um das „emotionale Design“ macht, bleibt er letztlich ein Fahrzeug, das man aus Vernunft kauft – und weil es den Eindruck vermittelt, gut auf seinen Besitzer aufzupassen. Er erinnert an den Weg, den VW mit dem Golf der vierten Generation einschlug, jenem Modell, das VW bei Innenraumqualität, niedrigem Verbrauch und Sicherheit endgültig etablierte. Zugleich war der Golf der vierten Generation bekanntlich auch das Modell, das Ford beim Handling und Fahrspass überholte.

Mit dem 1,2 TSI kann man sich durchaus vergnügen. Dem Rest der Modellreihe fehlt derselbe Geist. Setzt man den Schutzhelm rationalen Denkens auf, ist es verdammt schwer, gegen diese Versionen zu argumentieren: Sie sind so kultiviert und solide gebaut, gehen so beharrlich sorgsam mit dem Geld ihres Besitzers um, widersetzen sich dem Wertverlust, begnügen sich mit wenig Kraftstoff, und VW verspricht, dass die Preise bei Einführung der neuen Baureihe im Oktober nicht steigen. Man könnte sagen, dass genau das in schwierigen Zeiten zählt. Ich würde jedoch behaupten, dass wir gerade in schwierigen Zeiten Kleinwagen brauchen, die uns aufheitern – und die meisten neuen Polos schaffen das nicht ganz.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen