Während die Autobranche über Reichweiten und Ladezeiten diskutiert, setzt Stellantis mit einem Benzinmotor einen neuen Akzent. Der Hurricane 4 Turbo besitzt 2,0 Liter Hubraum und vier Zylinder, leistet 330 PS und entwickelt 450 Nm Drehmoment. Noch überraschender ist jedoch die Technik, die in ihm steckt.
Er erinnert an den berühmten Ausspruch von Mark Twain: „Die Nachrichten über meinen Tod waren stark übertrieben.“ Auf den Verbrennungsmotor und insbesondere auf dieses Exemplar scheint das bestens zuzutreffen.
Sein Debüt gibt das Aggregat im Jeep Grand Cherokee des Modelljahres 2026. Für die kommenden Jahre verspricht es, zu den wichtigsten Motoren des Konzerns zu gehören.
Geballte Technik im Hurricane 4 Turbo
Der neue Motor löst den GME T4 (Gasoline Medium Engine) ab, der beispielsweise im Alfa Romeo Giulia und Stelvio zum Einsatz kommt. Sein amerikanisch anmutender Name Hurricane 4 Turbo – Hurricane bedeutet Wirbelsturm – entspricht der Bezeichnung des Reihensechszylinders aus dem Konzern.
Zylinderzahl, Hubraum und Aufladung übernimmt er vom Vorgänger. Darüber hinaus enden die Gemeinsamkeiten: Im neuen Vierzylinder stecken fortschrittliche Lösungen, die bei einem Großserienmotor dieser Bauart ungewöhnlich sind.
Die wichtigste davon ist vielleicht die aus der Formel 1 stammende Turbulent Jet Injection (TJI). Dabei besitzt jeder Zylinder eine kleine Vorkammer mit eigener Zündkerze, in die ein hoch verdichtetes Luft-Kraftstoff-Gemisch eingespritzt wird.
Die Verbrennung dieses Gemischs soll schneller und gleichmäßiger ablaufen und dadurch Wirkungsgrad und Effizienz verbessern. Ganz neu ist die Technik nicht: Maserati führte sie bereits beim Nettuno ein, dem V6-Biturbo im MCPura, früher MC20, und im GranTurismo.
Damit verfügt jeder Zylinder über zwei Zündkerzen und eine doppelte Kraftstoffeinspritzung: Sie kann direkt, indirekt oder auf beide Arten gleichzeitig erfolgen. Welche Variante Leistung oder Effizienz am besten unterstützt, entscheidet die elektronische Steuerung in Echtzeit.
Das technische Repertoire des Hurricane 4 Turbo reicht noch weiter. Sein Turbolader mit variabler Geometrie und elektrisch gesteuerten Leitschaufeln erreicht bis zu 2,4 bar Druck (35 psi) und soll zugleich bei niedrigen Drehzahlen unmittelbar ansprechen. Stellantis zufolge stehen bereits bei 2600 U/min 90 % des maximalen Drehmoments bereit.
Auf Haltbarkeit ausgelegt
So viel Technik und eine derart hohe Literleistung von 165 PS/l in einem Großserienmotor wecken Fragen nach Zuverlässigkeit und Haltbarkeit. Das gilt umso mehr, als das Aggregat ausgerechnet in einem großen, schweren SUV wie dem Grand Cherokee debütiert. Vergleichbare Werte erreicht der 2,0-Liter-Motor des leichteren Honda Civic Type R.
Stellantis versichert, entsprechende Vorkehrungen getroffen zu haben. Gegenüber dem bisherigen GME T4 wurde der Aluminiumblock des Hurricane 4 Turbo überarbeitet: Seine Zylinderwände sind 24 % dicker und plasmabeschichtet. Diese Beschichtung ist zehnmal verschleißfester als herkömmliche Eisenlaufbuchsen. Auch die Pleuelzapfen fallen größer aus.
Weiterentwickelt wurden ebenso die Nebenaggregate. Eine Ölpumpe mit variablem Fördervolumen, eine elektrische Wasserpumpe und ein Flüssigkeits-Luft-Kühlkreislauf für den Ladeluftkühler sollen gemeinsam mechanische Verluste verringern.
Der Motor arbeitet nach dem effizienteren Miller-Zyklus und erreicht ein Verdichtungsverhältnis von 12:1. Für ein aufgeladenes Aggregat mit diesen Leistungs- und Drehmomentwerten ist das hoch; beim Maserati-V6 beträgt der Wert beispielsweise 11:1. Auch das deutet auf die Effizienz des neuen Motors hin.
Ashish Dubey, Chefingenieur des Projekts, erklärte gegenüber The Drive, der neue Vierzylinder sei „über Hunderttausende von Testkilometern validiert“ worden. Damit begegnet er Bedenken hinsichtlich der Belastbarkeit eines Motors mit diesem Aufladungsniveau.
Weniger Verbrauch, mehr Flexibilität
Nach Angaben von Stellantis benötigt der Hurricane 4 Turbo 10 % weniger Kraftstoff und liefert 20 % mehr Leistung als der frühere 2,0-Liter-Turbo. Gegenüber der in den Alfa-Romeo-Modellen eingesetzten Version sind es 50 PS mehr. Maserati verbaute im Ghibli zwar eine 48-V-Mildhybrid-Variante dieses Motors, die ebenfalls 330 PS erreichte. Technologisch bewegt sich das neue Aggregat jedoch auf einem anderen Niveau.
Schon bei der Entwicklung wurde es zudem für Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Konfigurationen ausgelegt. Dadurch könnte es zu einem Schlüsselbaustein der Energiewende bei Stellantis werden – paradoxerweise mithilfe der Verbrennung.
Als erstes Modell erhält der Jeep Grand Cherokee 2026 den Motor. Stellantis plant jedoch, ihn in zahlreichen weiteren Fahrzeugen einzusetzen. Zunächst sollen nordamerikanische Modelle folgen, wo er den Pentastar-V6 schrittweise ersetzen dürfte.
Es wäre allerdings keine Überraschung, wenn auch die Nachfolger von Alfa Romeo Giulia und Stelvio zu den wahrscheinlichsten Kandidaten gehörten. Deren Einführung wurde auf 2027 verschoben, damit sie Verbrennungsmotoren erhalten können.
In einer Welt, die von Batterien und Nullemissionen geradezu besessen ist, klingt ein 2,0-Liter-Turbo mit 330 PS fast ketzerisch. Er zeigt zugleich, dass im Verbrennungsmotor noch viel Leben steckt. Um es mit Mark Twain zu sagen: Die Nachrichten über den Tod des Verbrennungsmotors bleiben stark übertrieben.
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