Der Rolls-Royce Corniche: britisch, luxuriös, mit einem 6,75-Liter-V8, Hinterradantrieb und einer Dreigang-Automatik. Die ideale Konfiguration für Paris-Dakar, oder? Ganz und gar nicht … Der Legende nach entstand dieser Rolls-Royce Jules aus einer Wette unter Freunden – bei einem jener Abende, bei denen jeder weiss, wie sie beginnen, aber niemand ahnt, wie sie enden.
Bei diesem Abendessen beklagte sich Jean-Christophe Pelletier, Besitzer des Rolls-Royce Corniche, bei seinem Freund und Amateurfahrer Thierry de Montcorgé darüber, dass sein Wagen ständig kaputt sei. Montcorgé reagierte auf diese Feststellung mit einem völlig absurden Vorschlag: „Wir fahren mit deinem Rolls-Royce Corniche bei der Dakar mit!“ Die Idee wurde die ganze Nacht lang diskutiert, doch alle gingen davon aus, dass sie am nächsten Tag wieder vergessen sein würde. Wurde sie aber nicht …
Am folgenden Tag dachte Thierry de Montcorgé nochmals über die Sache nach und kam zu dem Schluss, dass das Vorhaben durchaus machbar war. Die Freunde trafen sich erneut, und nur zwei Tage später hielt Montcorgé einen Scheck über 50 % der für das Projekt erforderlichen Summe in den Händen.
Der Rolls-Royce Corniche für Paris-Dakar
Das „Herz“ des britischen Modells wurde durch einen günstigeren und … haltbareren Chevrolet-Motor ersetzt: einen Small-Block-V8 mit 5,7 Litern Hubraum und respektablen 335 PS. Auch Antrieb und 4×4-Fahrwerk mussten von anderer Stelle kommen. Ein Toyota Land Cruiser stellte bereitwillig seinen Antriebsstrang zur Verfügung, einschliesslich eines manuellen Vierganggetriebes.
Die Wette, mit einem Rolls-Royce bei der Dakar, der härtesten Rallye der Welt, anzutreten, war allerdings etwas … irreführend. Weder Motor noch Antrieb stammten von Rolls-Royce, und der Rohrrahmen, an dem sie befestigt waren, war eigens für diesen Zweck konstruiert worden. Karosserie und Innenraum kamen jedoch weiterhin grösstenteils vom Corniche.
Höhergelegte Aufhängungen und Offroad-Reifen vervollständigten das Paket, das Thierry de Montcorgé für eine überzeugende Dakar-Teilnahme benötigte. Zudem erhielt das Fahrzeug einen riesigen Kraftstofftank mit einem Fassungsvermögen von nicht weniger als 330 Litern.
Christian Dior und der Name Jules
Die Namenswahl für das Modell war unkompliziert: Hauptsponsor des Projekts war der Modedesigner Christian Dior, der gerade eine Parfümlinie namens „Jules“ auf den Markt gebracht hatte. So wurde dieser Name schliesslich auch dem Rolls-Royce gegeben.
Hat er durchgehalten?
Nun war der Moment gekommen, in dem diese Maschine sich der Dakar stellen musste – und tatsächlich lief es überraschend gut. Der Rolls-Royce Jules fuhr regelmässig in die Top 20 und kletterte zur Halbzeit der Veranstaltung bis auf einen hervorragenden 13. Platz in der Gesamtwertung.
Doch die 13 gilt als Unglückszahl. Alles war bestens unterwegs, bis ein Lenkungsproblem – der Bruch einer Halterung – den französischen Fahrer aufhielt. Dies führte letztlich zur Disqualifikation: Das Team traf 20 Minuten zu spät im Parc fermé ein und hatte die Reparatur ausserhalb der vorgeschriebenen Zeit vorgenommen.
Die Wette bestand jedoch darin, Paris-Dakar mit einem Rolls-Royce zu beenden – davon, ob das Fahrzeug gewertet werden musste oder nicht, hatte niemand gesprochen. Deshalb setzten Thierry de Montcorgé und Jean-Christophe Pelletier die Rallye fort, fest entschlossen, die Ziellinie in Dakar zu überqueren.
Von den 170 für Paris-Dakar 1981 gemeldeten Autos erreichten nur 40 das Ziel. Der Rolls-Royce Jules mit Thierry de Montcorgé am Steuer war eines davon.
Der Rolls-Royce Jules trat danach nie wieder bei einem Wettbewerb an, wurde aber oft zu Automobilfestivals und Ausstellungen eingeladen. Nach seiner Restaurierung wurde dieser englische „Sieger“ mit seiner besonders skurrilen Geschichte für 200.000 € zum Verkauf angeboten. An Geschichte mangelt es ihm jedenfalls nicht.
Die Moral der Geschichte: Sei vorsichtig mit den Wetten, die du bei Abendessen mit Freunden abschliesst.
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