Moment mal, das ist kein gewöhnlicher Bronco …
Ganz und gar nicht. Für die sechste Generation des Ford Bronco setzte Ford auf sympathisches Retrodesign, das an die früheren Broncos erinnern soll. Der Bronco Raptor zeigt dagegen keinerlei Ehrfurcht vor seinen Vorfahren. Eher würde er sie auf der Familienfeier alle betrunken machen und anschließend zu einer dummen Aktion anstiften.
Anders gesagt: Dieses Fahrzeug ist ein riesiger Spaß.
Dann her mit den Details.
Die Umbauten beginnen unter der Motorhaube. Einen V8 gibt es zwar nicht, dafür arbeitet dort Fords doppelt aufgeladener 3,0-Liter-EcoBoost-V6 mit 412 bhp und 440 lb ft (597 Nm). Seine Kraft gelangt über ein 10-Gang-Automatikgetriebe an alle vier Räder, während Ford das Chassis des normalen Bronco verstärkt hat, um die Torsionssteifigkeit um 50 Prozent zu erhöhen.
Die Achsen entsprechen jenen, die Ford Performance gemeinsam mit Dana für den Renntruck Bronco DR entwickelt hat. Sie verbreitern die Spur um fast 22 cm, weshalb riesige Kotflügelverbreiterungen nötig sind, um die 17-Zoll-Räder mit 37-Zoll-BFGoodrich-Reifen abzudecken. Sieht ziemlich bedrohlich aus, oder?
Der klassische Raptor-Kühlergrill unterstreicht den aggressiven Auftritt zusätzlich: mit LED-Leuchten und orangefarbenen Tagfahrlichtern im Retro-Look. Hinzu kommen ein robuster Unterbodenschutz, ein massiver Frontstoßfänger aus Stahl, eine Kupplung mit höherer Kapazität, ein überarbeitetes Verteilergetriebe, Spurstangenköpfe innen und außen mit größerem Durchmesser sowie semiaktive Fox-Live-Valve-3.1-Dämpfer. Schick.
Auch die neue Motorhaube besitzt zahlreiche Entlüftungsöffnungen, durch die heiße Luft entweichen kann. Die neue Abgasanlage mit zwei Endrohren verfügt zudem über aktive Klappen, sodass sich gezielt entscheiden lässt, wann auch der gute Klang freigelassen wird.
All diese Verbesserungen sind allerdings nicht billig. Als Ford den Braptor 2022 erstmals präsentierte, starteten die Preise bei $69,995 – sofern sich überhaupt ein Händler ohne Aufschlag finden ließ. Zum Zeitpunkt dieses Tests im Jahr 2024 liegt der Einstiegspreis bei $90,035. Autsch.
Wie fährt sich der Ford Bronco Raptor auf der Straße?
Bei mehr als 400 bhp überrascht es kaum, dass der Raptor mit ordentlich Nachdruck beschleunigt. Den Sprint von 0 auf 96,6 km/h erledigt er in weniger als sechs Sekunden, und sobald die Turbos richtig arbeiten, ist er wirklich schnell – obwohl er ein 2,6 Tonnen schwerer Brocken auf Geländereifen ist.
Die grobstolligen Pneus sorgen zugleich für ein erstaunlich komfortables Fahrverhalten, und dank der ausgefeilten Dämpfer neigt sich der Bronco Raptor in Kurven weniger stark, als man erwarten würde. Verfeinerung auf Range-Rover-Niveau sollte man im Innenraum aber nicht voraussetzen: Die kantige Karosserie erzeugt spürbare Windgeräusche, bei höherem Tempo kommt zudem reichlich Abrolllärm hinzu. Immerhin gehört ein Bang-&-Olufsen-Soundsystem zur Serienausstattung, das all das übertönen kann.
Die Automatik wechselt ihre Gänge angenehm geschmeidig, und hinter dem Sportlenkrad sitzen Schaltwippen aus Magnesium. Für wirklich viel Freude im manuellen Modus sind zehn Gänge allerdings schlicht zu viele.
Ist er sparsam?
Ähm, nein. Wer dieses Wort zum eigenen Wortschatz zählt, sollte einen Bronco Raptor wohl besser gar nicht erst in Betracht ziehen. Auf Autobahnen und im Stadtverkehr lag unser Durchschnitt bei 12,4 mpg, entsprechend etwa 19,0 l/100 km.
Beim Ziehen eines Anhängers steigt dieser Verbrauch natürlich noch weiter. Interessant könnte allerdings sein, dass die Anhängelast des Raptor knapp über zwei Tonnen liegt. Das sind rund 450 kg mehr als beim normalen Bronco.
Und was passiert abseits befestigter Wege?
Hier läuft der Braptor erst richtig zur Höchstform auf. Zu den G.O.A.T.-Fahrmodi des Bronco – „Goes Over Any Type of Terrain“ – kommt ein neuer Baja-Modus hinzu. Er deaktiviert zahlreiche Sicherheitssysteme und die Traktionskontrolle, stellt die Abgasanlage auf ihre lauteste Stufe und schärft sowohl Gasannahme als auch Gangwechsel. Auf losem Untergrund macht das enorm viel Spaß. Dank der breiteren Spur fühlt sich der Wagen stabil und sicher an, selbst wenn er kurzzeitig abhebt. Die Fox-Dämpfer stecken mehr Belastung weg, als ihnen eigentlich zustehen dürfte, und trotz des nicht besonders ausgeprägten Lenkgefühls lässt sich im 2WD-Modus wunderbar weit durch den Sand driften.
Was, wenn ich nicht überall wie mit einem Trophy Truck fahren möchte?
Wenn der Raptor gerade keine Dünen attackiert, meistert er auch Felskriechen erstaunlich souverän. Die Bodenfreiheit beträgt 33 cm, ebenso der Federweg an der Vorderachse; hinten ist er sogar noch etwas größer. Der Böschungswinkel vorn liegt bei 47,2 Grad, der Rampenwinkel bei 30,8 Grad und der Böschungswinkel hinten bei 40,5 Grad. Wirklich beeindruckende Werte.
Hinzu kommen eine Wattiefe von knapp 94 cm, elektronisch sperrbare Differenziale vorn und hinten sowie ein Knopf im Innenraum, der den vorderen Stabilisator entkoppelt. Ford hat eine Goldilocks-artige Balance aus moderner Technik und klassischer Hardware gefunden: Der Raptor bewältigt absurd anspruchsvolle Trails, verlangt beim Geländefahren aber immer noch zumindest ein kleines bisschen Können.
Wer Unterstützung wünscht, bekommt Trail Control, im Grunde einen Tempomaten fürs Gelände, Trail Turn Assist, das ein inneres Rad abbremst, um extrem enge Kurven im Schritttempo zu erleichtern, sowie Trail One-Pedal Drive. Letzteres macht genau das, was der Name verspricht, und ermöglicht mehr Kontrolle, ohne das Bremspedal betätigen zu müssen.
Wie sieht es im Innenraum aus?
Serienmäßig sind ein abwaschbarer Gummiboden und Vinylsitze in „Marine-Qualität“ an Bord. Ford versteht sich auf gute Sportsitze, und die Exemplare im Braptor sind ausgesprochen bequem. Gegen Aufpreis sind Sitze mit Lederbezug erhältlich, doch wer den Raptor so einsetzen will, wie Ford es vorgesehen hat, sollte bei der serienmäßigen, leicht abwischbaren Ausstattung bleiben.
Das Kombiinstrument besteht aus einem 12-Zoll-LCD-Bildschirm mit Raptor-spezifischen Grafiken und vielen Informationen. Auch der zentrale Infotainment-Bildschirm misst 12 Zoll und bietet kabelloses Apple CarPlay sowie Android Auto. Erfreulicherweise hat Ford nicht jede Funktion in den Bildschirm verlagert: Zahlreiche physische Drehregler und Tasten bleiben erhalten, und alles wirkt angenehm robust.
Erwähnenswert ist außerdem, dass der Bronco Raptor ausschließlich als viertürige Hardtop-Version erhältlich ist. Dach und sämtliche Türen lassen sich jedoch weiterhin entfernen – falls man der örtlichen Autowäsche nach einem Offroad-Tag eine besonders schwierige Aufgabe stellen möchte.
Sollte ich tatsächlich einen kaufen?
Während Ford seine Fahrzeuge für Enthusiasten in Europa auslaufen lässt – RIP, Fiesta ST –, wird die Marke in den USA immer stärker. Der Bronco Raptor besitzt zwar nicht den extrem kräftigen und charaktervollen V8 des F-150 Raptor R, doch der Performance-Pick-up kostet $20k mehr als der Bronco und sieht unserer Meinung nach nicht einmal so cool aus.
Wenn genügend Platz zum Fahren und Parken vorhanden ist, ist der kantige, brutalistische Bronco Raptor ein praktisches Familien-SUV. Direkt ab Werk kann er praktisch jedes Offroad-Gelände mit herrlich absurden Geschwindigkeiten bezwingen. Man sollte nur vermeiden, die Kraftstoffrechnungen zusammenzurechnen.
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