Unauffälligkeit wird bei einem 5,5 Meter langen Wagen mit V12-Motor und prachtvoll gezeichneten Karosserielinien zur schwierigen Aufgabe. Der neue Rolls-Royce Ghost basiert auf einer neuen Plattform und erhält ein weiterentwickeltes Fahrwerk, das seine dynamischen Qualitäten steigern soll.
So naheliegend es auch klingt, dass ein Geist (ghost auf Englisch) unsichtbar bleibt: Auf 99,9 % der Erdoberfläche ist die Behauptung, ein Rolls-Royce trete im Straßenverkehr dezent auf, ungefähr so glaubwürdig wie ein Elefant, der in einem Porzellanladen nicht auffällt.
Doch die britische Luxusmarke unter dem Dach der BMW Group hat sich in diese Richtung bewegt. Offenbar haben sich die Prioritäten der angepeilten Kundschaft seit der Einführung der ersten Generation vor zehn Jahren leicht verschoben. Zumindest erklärten sie dies dem Rolls-Royce-Chef persönlich.
Statt übliche Kundenkliniken zur Ermittlung ihrer Vorlieben zu veranstalten, lud man sie zu einem Abendessen ein – vermutlich Michelin-würdig – gemeinsam mit Torsten Müller-Ötvös. Dieser betont stolz: „Rolls-Royce ist der Automobilhersteller mit dem engsten Kontakt zu seinen Kunden.“
Vermutlich bei gedämpftem Licht eines Kristalllüsters, zu Trüffel-Foie-gras und einem französischen Rotwein aus den 1970er-Jahren, teilten sie dem Rolls-Royce-Chef mit, künftig lieber einen zurückhaltenderen Ghost zu fahren. Diese Haltung spiegelte sich weltweit wider – in einer Phase, in der Rolls-Royce erfolgreicher war als je zuvor: Mit 5152 verkauften Fahrzeugen im Jahr 2019 erzielte die Marke in ihrer 116-jährigen Geschichte ihr bestes Ergebnis. Zu verdanken war dies auch dem damals frisch eingeführten SUV Cullinan.
Wahrscheinlich nahm der Begriff „Post-Opulenz“ im Kopf des prominenten Marketingexperten am selben Tisch bereits Gestalt an, als das Gourmet-Dessert serviert wurde. Für das Flaggschiff Phantom werden allerdings auch künftig andere Regeln gelten.
Weniger durch mehr
Beim Ghost bedeutet weniger Opulenz jedoch keineswegs geringere Abmessungen – im Gegenteil: Die zweite Generation wächst um neun Zentimeter auf 5540 mm Länge und um drei Zentimeter auf 1978 mm Breite. Und obwohl vom Vorgänger nur die aristokratische Kühlerfigur auf der Haube sowie die Regenschirme in den Türtaschen übernommen wurden, braucht es ein geschultes Auge, um beide Modelle auseinanderzuhalten.
Die neue Generation kommt mit weniger Zierrat und Sicken aus. Der markentypische Kühlergrill fällt kleiner und unaufdringlicher aus; seine vertikalen Lamellen sind matt glänzend ausgeführt, damit die 20 darüber angeordneten LEDs sie nicht zu stark erhellen. Zudem rückte die berühmteste Kühlerfigur der Welt etwas nach hinten. Allein dieser Schritt ist technisch aufwendig, denn beim Öffnen der Haube muss die Spirit of Ecstasy millimetergenau durch eine Öffnung gleiten.
Falls die Zurückhaltung des Außendesigns nicht sofort ins Auge springt, wird die Post-Opulenz im Innenraum zumindest etwas deutlicher – wenn auch keineswegs offensichtlich.
Okay, in dieser Hinsicht beginnt es nicht gerade bescheiden: Wer in die zweite Sitzreihe steigt, stellt fest, dass es nicht nur weiterhin gegenläufig öffnende „Suicide Doors“ gibt. Zum ersten Mal kann der verwöhnte Passagier die Tür nun auch elektrisch öffnen. Zunächst wird der innere Griff entriegelt und wieder in seine Ruhestellung zurückgeführt, damit das System auf Hindernisse außerhalb des Fahrzeugs prüfen kann. Anschließend muss man ihn ziehen und festhalten, um die vollständige Öffnungsunterstützung zu aktivieren – ein einfacher Tastendruck wäre in den meisten Märkten der Welt nicht zulässig.
Nach dem Aussteigen lässt sich die Tür entweder per Knopfdruck am äußeren Türgriff komplett automatisch schließen oder man schließt sie manuell mit elektrischer Unterstützung. Längs- und Quersensoren sowie G-Kraft-Sensoren in jeder Tür sorgen dafür, dass sie stets gleich schwer wirkt – unabhängig davon, ob das Fahrzeug am Hang oder auf ebener Fläche steht.
Architecture of Luxury
Die Fahrzeugstruktur besteht aus dem Aluminium-Spaceframe namens Architecture of Luxury, der erstmals im Phantom und Cullinan eingesetzt wurde. Auch die Karosserie ist ein großes, durchgehendes Aluminiumteil ohne sichtbare Fugen, welche die Ansicht stören könnten. Damit dies gelingt, verschweißen vier Handwerker die Karosserie gleichzeitig von Hand. Das erhöht die Karosseriesteifigkeit auf 40 000 Nm/Grad und reduziert zugleich das Gewicht.
Die intern entwickelte neue Plattform – anders als beim Modell von 2009, das die technische Basis des BMW 7er nutzte – ermöglicht einen niedrigeren Schwerpunkt. Entscheidend für die Gewichtsverteilung von 50/50 zwischen Vorder- und Hinterachse war außerdem, dass der Motor hinter die Vorderachse rückte.
Stoßdämpfer für den Stoßdämpfer
Beim Fahrwerk des Ghost findet sich vermutlich der größte technische Fortschritt. Den Anfang macht die sogenannte „Planar“-Aufhängung, eine Weiterentwicklung des bisherigen „Magic Carpet Ride“.
Sie bildet die Schaltzentrale für deutlich mehr Technik als nur für das System mit Stereokameras, das die Straße voraus erfasst und das Fahrwerk bis 100 km/h vorausschauend statt reaktiv anpasst. Dieses Flagbearer-System erinnert an jene Männer, die vor mehr als einem Jahrhundert gesetzlich verpflichtet waren, vor den ersten Automobilen eine rote Fahne zu tragen.
Um ein von keinem anderen Auto bisher erreichtes Gefühl des lautlosen Gleitens über Land zu erzeugen, integrierten die Ingenieure erstmals einen Massendämpfer in den oberen Querlenker der Vorderradaufhängung. Vereinfacht gesagt handelt es sich um einen Dämpfer für den … Dämpfer. Er verbessert das ohnehin bemerkenswerte Zusammenspiel aus elektronisch geregelten variablen Stoßdämpfern und selbstnivellierender Luftfederung nochmals.
Auch die hintere Fünflenker-Konstruktion ist nicht weniger anspruchsvoll: Zusätzlich zur gleichen Luftfederungstechnik profitiert sie von einer neuen Hinterachslenkung. Sie verbessert die Handlichkeit und die allgemeine Agilität des Rolls-Royce Ghost tatsächlich spürbar – soweit man dies von einem über 5,5 Meter langen und 2,5 Tonnen schweren Fahrzeug erwarten, oder sogar nicht erwarten, darf.
Der letzte V12
Der 6,75-Liter-V12 stammt aus der ersten Generation, ist aber selbst ein Meisterstück der Ingenieurskunst mit zusätzlichem „historischem Wert“. Wahrscheinlich wird er der letzte Verbrennungsmotor im Rolls-Royce Ghost sein: Der Hersteller hat bereits angekündigt, nach 2030 eine vollständig elektrische Marke werden zu wollen. Und da jeder Ghost rund zehn Jahre im Einsatz bleibt, ist die Rechnung einfach.
Gekoppelt ist er an die bekannte Achtgang-Automatik mit Drehmomentwandler, die GPS-Daten nutzt, um für jede Situation den passenden Gang vorzuwählen. Nicht zuletzt für wohlhabende Kunden in Polnähe wichtig: Der Ghost wechselt vom Hinterrad- zum Allradantrieb.
Der neue Kunde möchte selbst fahren
Da dies der einzige Rolls mit einer nennenswerten Zahl an Selbstfahrern ist, ergibt es Sinn, auf den linken Sitz der ersten Reihe zu wechseln.
Bevor man diese aristokratische zweite Sitzreihe verlässt, sei jedoch erwähnt: Neben den üblichen Massage-, Heiz- und Kühlfunktionen der elektrisch verstellbaren Rücksitze bleibt belastete Luft automatisch draußen. Ultrafeine Partikel werden durch einen anspruchsvollen Nanofilter innerhalb von zwei Minuten gereinigt. Zweifellos angenehme und „leicht“ opulente Details.
Feiner Champagner und Kristallgläser im gekühlten Fach zwischen den ultrabequemen Rücksitzen? Nun, es bleibt eben ein Rolls-Royce, oder?
Nun auf dem Fahrersitz angekommen, lässt sich bestätigen, dass sich Echtholzfurnier, Metall und echtes Leder bis zum Horizont erstrecken. Für jeden Innenraum werden 20 halbe Rinderhäute verarbeitet, weshalb sich kaum behaupten lässt, beim „Making-of“ des Ghost sei kein Tier zu Schaden gekommen. Das zeigt lediglich, dass die Zielgruppe noch nicht unbedingt bereit ist, in ihrer Limousine ein veganes und umweltfreundliches Interieur zu akzeptieren.
„Authentizität mit Substanz“, nennen es die Designer, die zu Marketingexperten wurden – ein Trend, der längst Schmuck, Bootsdesign, Architektur und hochwertige Mode erreicht hat.
Mit Nachsicht lässt sich einräumen, dass die Linien des Armaturenbretts gegenüber dem Vorgänger vereinfacht wurden. Statt einer mit Diamanten besetzten Uhr gibt es hier die längste Ziernaht, die in einem Auto verwendet wird: Sie zieht sich über das gesamte Armaturenbrett und erfüllt die Designer mit Stolz.
Aha! Endlich lässt sich beim neuen Rolls-Royce Ghost eine tatsächliche Reduzierung bestätigen, nämlich bei der Anzahl der Bedienelemente und Schalter. Das Argument, dies sei ein branchenweiter Trend, zählt nicht – selbst wenn es zutrifft. Nachteile? Die kleinen Tasten in der Mittelkonsole sind schlechter ablesbar, und auch die Kontrollleuchten der Sitzheizung können als kleine Schwäche gelten.
Einen Sportknopf und Schaltwippen hinter dem Lenkrad gibt es selbstverständlich nicht. Dafür findet sich im digitalen, auf analog getrimmten Kombiinstrument die traditionelle Rolls-Anzeige für die „Leistungsreserve“.
Sterne am Himmel
Vor dem Start des Motors verdienen einige Details besondere Aufmerksamkeit: Nach dem 2006 eingeführten Sternenhimmel mit 90 000 lasergravierten Punkten und drei Schichten aus Verbundmaterialien, die über den Köpfen der Insassen einen funkelnden Effekt erzeugen, entwickelten die britischen Ingenieure nun das beleuchtete Armaturenbrett. Nicht weniger als 850 Sterne sind elegant um das Ghost-Typenschild vor dem Beifahrer angeordnet und bleiben verborgen, bis die Innenbeleuchtung eingeschaltet wird.
Hinzu kommen die in den Türen integrierten Subwoofer, die „angeregten Lautsprecher“ im Dachhimmel sowie die Stereoanlage mit 1200 W, die Musikhören potenziell in ein beeindruckendes Klangerlebnis verwandelt.
Auch an der Stille wurde gearbeitet. Die Aluminiumkonstruktion besitzt nicht nur eine höhere akustische Impedanz als Stahl, es wurden zudem umfangreiche Maßnahmen gegen Geräusche getroffen: Mehr als 100 kg schalldämpfendes Material verteilen sich über Innenraum und Fahrzeugboden. Zwei Mikrofone neutralisieren unangenehme Frequenzen im Innenraum. All das soll den Insassen vom ersten Moment im Fahrzeug an ein Gefühl des Wohlbefindens vermitteln.
Tatsächlich geriet das Endergebnis so unheimlich leise, dass sogar ein künstliches Flüstern als weißes Rauschen geschaffen wurde. Schhhhh…
250 km/h, 4,8s von 0 auf 100 km/h …
Jetzt ist es an der Zeit, das Gaspedal zu drücken und die verbesserte Dynamik zu erleben. Bereits bei sanftem Gasgeben wirkt der Biturbo-V12 energischer, was seiner spontanen Verfügbarkeit zu verdanken ist. Schon bei 1600 U/min liegt das maximale Drehmoment an. Zusammen mit der Höchstleistung von 571 PS ermöglicht es dem V12, das enorme Gewicht zu kaschieren, das mit vier Personen und 507 Litern Gepäck an Bord problemlos auf drei Tonnen steigen kann.
Der Sprint von 0 auf 100 km/h in lediglich 4,8s und die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h verdeutlichen, wozu der monolithische Rolls-Royce Ghost fähig ist. Doch nicht das „Wie viel“, sondern das „Wie“ unterscheidet das Erlebnis beim Fahren und Gefahrenwerden in diesem Rolls von allem anderen auf der Straße.
Diese Luxuslimousine fühlt sich in engen urbanen Räumen nicht wohl, auch wenn die Hinterachslenkung das Leben dort erheblich erleichtert und zugleich die Agilität auf kurvigen Strecken verbessert. Man sollte von dem Fahrzeug keine Leistungen erwarten, für die es nicht konzipiert wurde. Steigen die Kurvengeschwindigkeiten, erweist sich der zusätzliche Grip des Allradsystems als nützlich, auch wenn er die natürliche Tendenz zum Untersteuern nicht vollständig verbergen kann.
Auf Schnellstraßen bei Geschwindigkeiten, die nur deutsche Autobahnen zulassen, verbinden sich Verarbeitungsqualität, Fahrwerksraffinesse und Maßnahmen zur Geräuschdämmung zu einem außergewöhnlichen, kaum zu übertreffenden Fahrkomfort. Dafür sorgen die elektronisch einstellbaren Stoßdämpfer im Zusammenspiel mit dem Kamerasystem.
Zugleich trägt die Vorderradaufhängung dazu bei: Einerseits erzeugt sie das berühmte Schweben eines fliegenden Teppichs, andererseits arbeitet sie deutlich agiler, ohne dem Fahrer den Kontakt zur Straße zu verwehren. Diese mechanische Lösung vermittelt daher auch kein vollständig künstliches Fahrerlebnis.
Technische Daten
| Rolls-Royce Ghost | |
|---|---|
| Motor | |
| Position | Vorn längs |
| Architektur | V12 |
| Hubraum | 6750 cm³ |
| Ventilsteuerung | 2 obenliegende Nockenwellen; 4 Ventile pro Zylinder (48 Ventile) |
| Aufladung | Direkteinspritzung, Biturbo, Ladeluftkühler |
| Leistung | 571 PS bei 5000 U/min |
| Drehmoment | 850 Nm bei 1600 U/min |
| Antrieb | |
| Antrieb | Allradantrieb |
| Getriebe | 8-Gang-Automatikgetriebe (Drehmomentwandler) |
| Fahrwerk | |
| Federung | VA: unabhängig, „Planar“ mit Zusatzdämpfer; HA: unabhängig, Mehrlenker |
| Bremsen | VA: innenbelüftete Scheiben; HA: innenbelüftete Scheiben |
| Lenkung/Lenkradumdrehungen | Elektrohydraulische Servolenkung/k. A. |
| Wendekreis | k. A. |
| Abmessungen und Kapazitäten | |
| Länge x Breite x Höhe | 5546 mm x 2148 mm x 1571 mm |
| Radstand | 3295 mm |
| Kofferraumvolumen | 507 l |
| Räder | 255/40 R21 |
| Gewicht | 2565 kg (EU) |
| Fahrleistungen und Verbrauch | |
| Höchstgeschwindigkeit | 250 km/h |
| 0–100 km/h | 4,8s |
| Kombinierter Verbrauch | 15,2-15,7 l/100 km |
| CO₂-Emissionen | 347-358 g/km |
Autoren: Joaquim Oliveira/Press Inform
Hinweis: Der veröffentlichte Preis ist eine Schätzung.
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