Es ist ein N Line, kein N, ein N Line und kein N … Diesen Satz musste ich mir mehrfach vorsagen, um meine Erwartungen an den Hyundai i10 N Line und an das, was von diesem temperamentvollen Kleinstwagen zu erwarten ist, etwas zu dämpfen.
Denn nun ja, schauen Sie ihn sich an … Gegenüber den übrigen i10 bringt der N Line eine willkommen sportive Optik mit – besonders auffällig sind der Stoßfänger mit speziell gestalteten LED-Tagfahrleuchten – sowie markante 16″-Räder. Er könnte problemlos als Gegner des Volkswagen up! GTI durchgehen, ist es aber nicht.
Obwohl er mit 100 PS und 10,5 s von 0 auf 100 km/h das stärkste und schnellste Modell der Baureihe ist und sogar über eine spezielle, straffere Dämpferabstimmung verfügt, fehlt „ein kleines bisschen“, damit er ein echter Pocket Rocket wird. Das gilt vor allem für die Fahrdynamik.
Auf kurvigen Strecken, auf denen kleine Autos gewöhnlich glänzen, überzeugt der i10 N Line zunächst mit seiner Traktion, der spontanen Reaktion der Vorderachse auf Richtungswechsel sowie den sehr bissigen Bremsen und ihrem hervorragend abgestimmten Pedal. Darauf kann man sich mit großem Vertrauen abstützen.
Bei einem Tempo nach dem Motto „Messer zwischen den Zähnen“ zeigen sich jedoch schnell die Grenzen des kleinen i10. Die Vorderachse wirkt dann zu spitz, was vor allem an der übermäßig leichtgängigen Lenkung liegt, insbesondere in den ersten Lenkwinkeln, und daran, dass sie kaum Rückmeldung liefert. Kommen eine stärkere Seitenneigung in Kurven als üblich und ein nicht idealer Straßenbelag hinzu, wird der kleine i10 unangenehm durchgeschüttelt – als verlangte man ihm mehr ab, als er geben kann.
Es fehlt jene zusätzliche Schicht dynamischer Effektivität, die andere Pocket Rockets besitzen. Ebenso vermisste ich eine stärker mitarbeitende Hinterachse, die nicht nur dabei hilft, die Front in die Kurve zu drehen, sondern auch das Maß an Interaktion und sogar an … Fahrspaß steigert.
Man muss etwas Tempo herausnehmen, damit Bedienelemente und Fahrwerk besser harmonieren und der i10 N Line geschmeidiger über die Straße läuft, ohne dabei langsam zu werden. Er ist also kein Pocket Rocket, aber …
… überraschend kompetent auf langen Strecken
Diese Qualität entdeckte ich eher zufällig, als ich während meiner Zeit mit dem Hyundai i10 N Line mehr als 300 km nahezu ohne Unterbrechung zurücklegen musste. Kleinstwagen eignen sich normalerweise nicht besonders für lange Reisen, doch wie João Delfim Tomé bereits bei seinem ersten Kontakt mit dem neuen i10 festgestellt hatte, wirkt dieser Stadtwagen eher wie ein Modell aus einer höheren Klasse.
Beim N Line ist das nicht anders, zumal hier 100 willige PS zur Verfügung stehen – 100 PS, die wahre Wunder vollbringen! Ich würde sogar noch weitergehen und fordern: „Ab sofort müssen alle Kleinstwagen mindestens 100 PS haben“.
Nicht nur die 100 PS und die bereits bei 1500 U/min anliegenden 172 Nm sorgen bei den etwas mehr als 1000 kg des i10 N Line inklusive Fahrer für überzeugende Fahrleistungen – deutlich mehr, als die 10,5 s vermuten lassen. Sie passen außerdem hervorragend zu den bereits bekannten und für Kleinstwagen eher ungewöhnlichen Stärken der übrigen i10, insbesondere zu ihrem souveränen Auftreten außerhalb der Stadt.
Dieses „Arsenal“ erlaubt es, längere Autobahnetappen souverän zu bewältigen oder auf der Landstraße ohne größere Bedenken an einem Lkw vorbeizuziehen – stets bei durchaus akzeptablem Geräuschkomfort und angenehmem Federungskomfort.
Auf der Autobahn erwies er sich als stabiler und kultivierter, als ich erwartet hatte, auch wenn der Klang des 1.0 T-GDI nicht besonders musikalisch ausfällt: heiser, aber eher „Schnapsstimme“ als Brian Adams oder Bonnie Tyler. Auf Landstraßen brachten nur einige besonders harte Unebenheiten den kleinen i10 aus der Ruhe. Die Sitze „malträtierten“ den Körper aber auch nach mehreren Stunden nicht, obwohl ihnen Seitenhalt und Oberschenkelauflage eindeutig fehlen.
Zügig unterwegs, aber mit moderatem Verbrauch
Obwohl die Nadel des analogen Tachometers auf der Autobahn mehrfach über 120 km/h kletterte und auf Landstraßen für einige Überholmanöver energisch heruntergeschaltet und das Gaspedal voll durchgetreten wurde, ergaben die mehr als 300 km einen Verbrauch von 5,5 l/100 km – gar nicht schlecht …
Der i10 N Line beweist, dass niedriger Verbrauch nicht zwangsläufig Langeweile bedeuten muss. Während seiner Zeit bei mir lag der Verbrauch des stärksten und schnellsten i10 je nach Einsatz zwischen etwas mehr als vier und weniger als sieben Litern. Ja, er verbraucht mehr als die i10 mit 67 PS – allerdings längst nicht so viel mehr, wie man zunächst erwarten würde. Der Zugewinn an Leistungsbereitschaft und Fahrleistung rechtfertigt den Unterschied jedoch mehr als ausreichend.
Klein außen …
… groß innen. Von außen wirkt er schmal, kurz und hoch, doch kaum jemand würde vermuten, wie viel Platz der i10 im Innenraum bietet. Selbst auf der Rückbank können zwei Personen bequem reisen, mit reichlich Kopf- und Beinfreiheit. Weil kein Mitteltunnel vorhanden ist, ist auch das Unterbringen eines dritten Mitfahrers keine unmögliche Aufgabe.
Die ausgezeichnete Raumausnutzung setzt sich im Kofferraum fort: Die angegebenen 252 l zählen zu den besten Werten im Segment. Für einen Umzug ist er vielleicht nicht die ideale Wahl, doch für einen Kurzurlaub reicht es allemal – zumal man dabei die überraschenden Langstreckenqualitäten des i10 N Line nutzen kann.
Einziger Kritikpunkt sind die Ladekante zwischen Kofferraumöffnung und Boden sowie eine weitere Stufe, die nach dem Umklappen der Rücksitze entsteht. Andere i10 besitzen einen herausnehmbaren Boden, der alles auf eine Ebene bringt, der N Line jedoch nicht.
Ist das das richtige Auto für mich?
Selbst in dieser sportlicheren N Line-Ausführung bleibt der Hyundai i10 eine der Referenzen unter den Kleinstwagen. Neben seiner natürlichen Wendigkeit und der hervorragenden Raumausnutzung ergänzt der N Line dank der 100 PS des 1.0 T-GDI eine sehr willkommene Portion Leistung. Und das, ohne den Verbrauch gegenüber dem bescheideneren 1.0 MPi mit 67 PS stark zu erhöhen.
Gerade diese 100 PS tragen maßgeblich zu den unerwarteten Fähigkeiten des i10 N Line bei, sobald er seine Komfortzone – also die Stadtgrenzen – verlässt. Wer hätte gedacht, dass ein kleiner Stadtwagen ein kompetenter Langstreckenwagen sein kann? Meiner Ansicht nach ist dies der i10, den man wählen sollte.
Leider ist er nicht der günstigere Pocket Rocket, für den man ihn anfangs halten könnte. Wer jedoch ein alltagstaugliches und recht zügiges Auto sucht, wird im i10 N Line einen sehr lohnenden Begleiter finden.
Die geforderten 17 100 Euro wirken zunächst etwas hoch, und auch die drei Euro-NCAP-Sterne können Zweifel wecken – das Fehlen einiger fortschrittlicherer Fahrerassistenzsysteme beeinträchtigte die Endbewertung. Steht jedoch die Wahl zwischen einem i10 N Line und einem Modell eine Klasse höher, dessen günstigste Varianten für einen ähnlichen Betrag erhältlich sind, dann ist dieser vielseitige und flotte Kleinstwagen sehr verlockend, sofern maximaler Platz nicht zwingend erforderlich ist.
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