Große Neuigkeiten für wohlhabende Motten: Das ist der neue Bentley Torcal. Auffällig, nicht wahr? Nachts auf der Autobahn wird man ihn im Rückspiegel kaum übersehen. Doch die leuchtende Nase sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dahinter ein Elektroauto verbirgt, das seine elektrische Natur möglichst geräuschlos und unaufgeregt behandelt.
Bentley Torcal: Der Anti-Luce-Ansatz
Bentley verfolgt beim Torcal das, was wir den „Anti-Luce-Ansatz“ nennen würden. Das Modell wurde so gestaltet, dass es sich nahtlos in das bisherige Programm einfügt – vermutlich in der Hoffnung, dass man eines beinahe versehentlich kauft und erst Monate später bemerkt, dass es elektrisch fährt, weil sich keine Öffnung zum Einfüllen von Benzin finden lässt.
Doch zunächst zu den Zahlen. Wie es bei Elektroautos oft der Fall ist, ist der Torcal der bisher stärkste und drehmomentstärkste Bentley: 875 bhp und 996 lb ft (1.351 Nm) stehen im Datenblatt. Bentley bezeichnet diese Werte als „ausreichend“. Allerdings. Die Elektroplattform teilt sich das Auto mit dem neuen Cayenne; deshalb erhält der Torcal denselben gewaltigen 113-kWh-Akku. Seine Reichweite beträgt solide 360 Meilen (579 km).
Zusammen mit einer Ladeleistung von 400 kW sollte das den Torcal zu einem überzeugenden Langstreckenwagen für Kontinentalreisen machen. Wer allerdings Regionen mit schwacher Ladeinfrastruktur ansteuert, nimmt besser einfach den Conti GT.
Interessanterweise wurde der NMCA-Akku (Nickel-Mangan-Kobalt-Aluminium) des Torcal nicht nur auf große Reichweite und schnelles Laden, sondern ebenso auf Haltbarkeit ausgelegt. Bentley versteht seine Fahrzeuge als Erbstücke, die zusammen mit Siegelringen und bröckelnden Landsitzen an kommende Generationen weitergegeben werden sollen.
Damit die Enkel nicht lediglich einen riesigen Briefbeschwerer erben, hat die Marke aus Crewe dafür gesorgt, dass die Batterie nach 100.000 Meilen (160.934 km) noch 90 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität behält. Höflich genug, um es nicht anzusprechen, waren wir: Das schaffen die meisten Elektroautos inzwischen ebenfalls.
Design des Bentley Torcal
Mit einer Länge von knapp unter fünf Metern positioniert sich der Torcal direkt unterhalb eines Bentayga mit kurzem Radstand. Laut Bentley steht er für „den durchdachtesten Designprozess“, den das Unternehmen jemals umgesetzt hat. Das Resultat sieht allerdings aus wie ein Bentley-SUV.
Proportionen und Flächengestaltung sind eindeutig: eine flache, einschüchternde Front, eine lange Motorhaube, kräftige hintere Kotflügelpartien und insgesamt jene unmissverständliche Ausstrahlung von „Mach Platz“. Bei den Details hat sich das Designteam von Bentley jedoch etwas mehr Freiheiten genommen.
Statt der bekannten Bentley-Lichtsignatur mit zwei Kreisen sitzen in den Scheinwerfern nun zwei vertikale Linien. Aus der Nähe wirkt der beleuchtete Kühlergrill erstaunlich dreidimensional, fast so, als würden leuchtende Kristalle organisch aus der Frontmaske wachsen. Das wird nicht jeden ansprechen, doch um es angemessen zu würdigen, muss man es aus der Nähe gesehen haben. Insgesamt bleibt der Torcal ein recht konservativ gezeichneter Wagen – die beleuchteten Zähne einmal ausgenommen.
Ähnlich wie VW beim neuen ID. Polo scheint Bentley sein neues Elektroauto bewusst so vertraut wie möglich für bestehende Kundinnen und Kunden gestalten zu wollen. Der Umstieg auf elektrischen Antrieb – oder die Ergänzung des Fuhrparks um ein Elektroauto – soll möglichst reibungslos und ohne Aufhebens gelingen. Eben: der Anti-Luce-Ansatz.
Innenraum, Materialien und Klang
Im Innenraum gibt es ein neues Armaturenbrett, dessen Form vom Flying-B-Emblem inspiriert ist. Sein Mittelpunkt ist ein neu entwickelter, gebogener Infotainmentbildschirm. Die Idee: Liegt der Ellbogen auf der Mittelkonsole auf, bleibt der Abstand zwischen Display und bedienendem Finger beim Bewegen des Handgelenks stets gleich. Das soll die Bedienung weniger umständlich machen.
Das klingt schlüssig, dennoch bedauern wir, dass es keinen Knopf gibt, der den Bildschirm vollständig wegdreht und ihn – wie bei den Verbrenner-Geschwistern – durch analoge Instrumente ersetzt.
Immerhin achtet Bentley weiterhin darauf, seine Insassen nicht zu überreizen. Eine große Taste mit der Aufschrift „Entgiftung“ reduziert das zentrale Display auf eine minimalistische Ansicht. Für die Klimatisierung bleiben physische Bedienelemente erhalten – selbstverständlich gerändelt –, und auch in der Aufpreisliste taucht kein Infotainmentbildschirm für den Beifahrer auf. Die Natur erholt sich!
Statt auf einem zweiten Display herumzutippen, kann sich der Beifahrer an einer Vielzahl prächtiger Materialien erfreuen und diese berühren. Bentley hat gemeinsam mit Fox Brothers & Co eine weiche, zugleich strapazierfähige Merinowolle entwickelt, die als Polsteroption angeboten wird. Außerdem freuen wir uns, 2026 eine neue Holzzierleisten-Variante auf der Liste zu sehen. Crewes versierteste Holzversteher haben dafür viele dünne Lamellen miteinander verpresst und so einen wunderschönen Ombré-Effekt geschaffen.
Auch Klang und Licht wurden an anderer Stelle sorgfältig eingesetzt, damit alles angenehm kostbar wirkt. Der Blinkerklang ist die Aufnahme eines Lederhammers bei der Arbeit; beim Aktivieren der Sprachsteuerung ertönt jemand, der über den Rand eines Kristallglases bläst.
Sogar ein künstliches V8-Grollen ist vorhanden – natürlich nichts allzu Derbes, das wäre unschicklich. Bentley erklärt, dies komme nicht nur dem Fahrer, sondern ebenso den Passagieren zugute: Fehlender akustischer Bezug sei häufig der Grund, weshalb Menschen sich in Elektroautos ungewöhnlich schnell unwohl fühlen. Clever.
Fahrverhalten und Preise des Bentley Torcal
Wie der Torcal fährt, werden wir erst in einigen Monaten selbst herausfinden. Besonders stolz ist Bentley jedoch auf das aktive Fahrwerkssystem, das den unterschiedlichen Fahrmodi laut Hersteller sehr verschiedene Charaktere verleiht. Im Komfortmodus soll es ein Fahrgefühl wie auf einem „fliegenden Teppich“ bieten. In der schärfsten Einstellung soll dies der dynamisch fähigste viertürige Bentley aller Zeiten sein – begünstigt natürlich durch die große Batterie im Fahrzeugboden und den daraus resultierenden niedrigen Schwerpunkt.
Die Preise beginnen bei £173.300 für den Torcal beziehungsweise bei £199.300 für den Torcal S. Mit den ersten Auslieferungen wird im Sommer 2027 gerechnet. Was meinen wir: Ist es Zeit, die Bentayga-Bestellung zu stornieren?
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