Zum Inhalt springen

Li Auto Mega und Lexus LM350h: Seltsame Elektro-MPVs gewinnen

Zwei moderne Autos, ein schwarzer Lexus und ein weißes Fahrzeug, fahren nebeneinander auf einer Stadtstraße.

Der verkörperte Zeitgeist ist so lange der letzte Schrei, bis er es plötzlich nicht mehr ist und alle ihre Masche auf etwas anderes verlegen. Das geht vergleichsweise schnell – und mitunter ist das keine Verbesserung. Nehmen wir den MPV. Das echte Mehrzweckfahrzeug in Minivan-Form ist der Mode zum Opfer gefallen. Die genauen Regeln solcher Übergänge sind schwer nachzuvollziehen: Autohersteller und die Unsicherheit der Käufer geben sie subtil vor. Doch der MPV erfüllt einen Bedarf.

Nur weil diese Karosserieform vom Pseudo-Allradler verdrängt wurde, ist dieser Bedarf nicht verschwunden. Noch immer müssen größere Gruppen in einem Auto komfortabel befördert werden. Klar, das funktioniert auch mit einem SUV. Doch ein kantiger MPV gewinnt den Kampf um Raumangebot und Komfort immer – und wenn maximale Zweckmäßigkeit das Wort ergreift, klingt das überzeugend.

Dabei geht es ausdrücklich nicht um umgebaute Transporter mit Starrachse. Fenster und Leder in eine gewerbliche Plattform einzubauen, führt letztlich immer dazu, dass sie genau danach aussieht: nach einer Nutzfahrzeugbasis, über die eine dünne Schicht bourgeoiser Lametta gelegt wurde. In Ostasien ist der MPV dagegen nie aus der Gunst gefallen, sondern wurde konsequent weiterentwickelt. Inzwischen gibt es dort einige wirklich faszinierende Fahrzeuge.

Fotografie: Mark Riccioni

Li Auto Mega: Elektro-MPV für sieben Personen

Der Li Auto Mega ist dafür ein gutes Beispiel. Li Auto ist ein chinesischer Hersteller, der bislang eher für Plug-in-Hybrid-SUVs bekannt ist. Mit dem Mega hat das Unternehmen nun seinen ersten vollelektrischen Wagen geschaffen: angeblich ein „urbanes“ Transportmittel für sieben Personen, mit einer großzügigen Reichweite von mehr als 560 km. Er lädt schneller, als das britische Netz es liefern kann, denn er beherrscht „Hypercharging“ mit 520 kW, und sieht aus wie Science-Fiction im Alltag. Sein praktischer Nutzen ist jedoch bodenständiger: Sieben Menschen samt Gepäck finden Platz, und zwar mit einem Komfortniveau, das man sonst nur bei Autos zum vierfachen Preis erlebt.

Zunächst zum Erscheinungsbild. Verantwortlich für das Design ist Benjamin Baum, jener Mann, der auch die Porsche-911-Generation 992 gestaltet hat, und der Mega bringt den Verkehr zum Stillstand. Man kann ihn lieben oder hassen, übersehen lässt sich seine 5,35 m lange Präsenz nicht. Vorn und hinten trägt er die markanten Lichtleisten von Li Auto und setzt stark auf eine Ästhetik der Effizienz. Um beim Porsche-Vergleich zu bleiben: Aerodynamisch ist er sogar effizienter als Porsches eigener Taycan EV. Die stumpfe Front durchdringt die Luft, während das abgeschnittene Kamm-Heck sie sauber ablöst. Darüber hinaus wirkt er erstaunlich stimmig und elegant, obwohl er im Kern nichts anderes als ein großer Kasten ist. Vor allem sieht er nicht aus wie ein weiterer SUV, in den einfach ein Elektroantrieb hineingestopft wurde.

Bei den praktischen Details gibt es zwei elektrische Schiebetüren und eine große, rechteckige Heckklappe. Die Sitzanordnung lautet 2+2+3: In der Mitte stehen Kapitänssitze im Flugzeugstil, hinten befindet sich eine kinderfreundliche Sitzbank. Die Beinfreiheit ist enorm, sämtliche Sitze lassen sich verstellen und beheizen, die vorderen vier zusätzlich kühlen. Für die ersten vier Plätze gibt es außerdem eine Massagefunktion, einen von der Decke herabklappenden und per Gesten steuerbaren OLED-Monitor, eine beheiz- und kühlbare Schublade für Snacks, kabelloses Laden an allen Plätzen sowie mehr Stauraum, als man zunächst für nötig hält. Selbst die letzte Reihe kann elektrisch zusammengeklappt und nach vorn gerollt werden, sodass bei Bedarf ein Kofferraum in Transportergröße entsteht.

Der hintere Bereich lässt sich – natürlich elektrisch – in ein Doppelbett verwandeln, und verschiedene Modi nutzen den Raum gezielt aus. Besonders gelungen ist der Schlafmodus: Der Vordersitz fährt nach hinten, das Auto stellt einen Timer und spielt Vogelgezwitscher, bis es Zeit zum Aufwachen ist. Anschließend erhebt man sich langsam – buchstäblich – aus dem Schlaf.

Doch es geht nicht nur um Platz. Die beiden 15,7-Zoll-Displays vor den Vordersitzen sind hochmodern, reagieren ohne Verzögerung und liefern ein geradezu schmerzhaft scharfes Bild. Neben ihnen wirken die Bedienoberflächen einiger europäischer Hersteller wie ein 8-Bit-Game-Boy. Auch der winzige, iPhone-ähnliche Touchscreen oben am Lenkrad ist ein gelungenes Detail. MindGPT, ein Ableger von ChatGPT, ist integriert, und das Fahrzeug reagiert auf Gesten. Zeigt man auf ein Fenster und sagt „Mach das auf“, folgt der Mega der Anweisung und erkennt dabei den Finger.

Fahrkomfort und Leistung des Li Auto Mega

Trotzdem ist das nicht das Auffälligste, sobald man mit dem Auto unterwegs ist. Der Mega ist in keiner Weise ein Fahrerauto, doch er beschleunigt jenseits der üblichen Superlative: Mit einem sanften, reibungslosen Schub erstickt er jede Erwartung im Keim. Den Sprint auf 100 km/h erledigt er in 5,5 Sekunden. Und obwohl er so viel Masse, Fläche und Länge mitbringt, wirkt er weder unbeherrschbar noch schwer kontrollierbar.

Tatsächlich macht ihn das einfach flink. Will man auf einer Landstraße geschmeidig in den Verkehr einfädeln oder an einem stark befahrenen Kreisverkehr herausziehen? Dank der fein dosierbaren Leistungsabgabe, der sofortigen Beschleunigung und des generell hohen Allradgrips des Mega muss man sich keine Sorgen machen, diese Länge an der richtigen Stelle unterzubringen. Es gibt Fahrprogramme, die Federung und Gaspedalansprache verändern, doch ihre Abstufungen sind so subtil, dass eigentlich nur die härteste und die weichste Einstellung klar voneinander zu unterscheiden sind.

Entscheidend sind jedoch Fahrkomfort und Abschirmung. Man steuert eher ein Luftkissenfahrzeug als ein Auto. Der Mega ist groß und schwer, aber die „Magic Carpet Air Suspension 3“ – so ihr vollständiger Name – entkoppelt Fahrer und Passagiere derart von der Außenwelt, dass man den Sinn von Straßensanierungen infrage stellt. Deshalb fällt das etwas behäbige Handling kaum ins Gewicht. Angesichts seines klaren Passagierfokus ist es ohnehin besser, entspannt dahinzugleiten und zuzusehen, wie alle einschlafen.

Diese Autos sind in Großbritannien ein wenig seltsam, und genau das macht sie unendlich interessant.

Der Mega ist also großartig, etwas eigenartig, nicht besonders europäisch und auf absehbare Zeit ohnehin nicht hier erhältlich – also spielt er eigentlich keine Rolle. Doch was bekommen wir in Großbritannien? Lexus hat kürzlich die Luxuslimousine LS eingestellt und stattdessen einen noch luxuriöseren Minivan eingeführt: den Lexus LM350h. Ihn schlicht Minivan zu nennen, wird ihm allerdings nicht gerecht. Der LM basiert auf der TNGA-K-Fahrzeugplattform und ist eng mit dem Toyota Alphard verwandt, der in Asien gefühlt seit Anbeginn der Welt treue Dienste leistet. Er ist mit Front- oder Allradantrieb erhältlich, wahlweise mit sieben oder vier Sitzen. In allen Versionen arbeitet ein 2,5-Liter-Vierzylinder-Benzinmotor mit Miller-Zyklus, CVT-Getriebe und Hybridunterstützung. Und er ist ein MPV durch und durch.

Lexus LM350h: Luxus-MPV mit Limousinenanspruch

Die auf den Bildern gezeigte Ausführung ist die kompromisslose Limousinenvariante Takumi. Vier Sitze, darunter zwei Fondplätze im Flugzeugstil, dazu dieselbe Ausstattung wie im Mega: kabelloses Laden, Massage, Heizung und Kühlung – einfach flach hinlegen und an Japan denken. In der Trennwand zwischen Fahrer und Passagieren sitzt ein 48-Zoll-TV-Monitor, ergänzt durch einen elektrisch hochfahrenden elektrochromen Sichtschutz für Privatsphäre. Von der Anordnung her vermittelt er deutlich stärker als der Mega das Gefühl einer Limousine, beim Fahrkomfort aber weniger. Ja, er besitzt adaptive Dämpfer und fährt präziser als das chinesische Auto, doch das CVT ist laut und die Federung hat kantigere Seiten.

Bei Verarbeitung und Materialanmutung liegt er jedoch vor dem Mega, auch wenn sein Äußeres weit weniger radikal ausfällt und eher wie ein Alphard mit Maske wirkt. Der größte Haken des Lexus? Er beginnt bei 90.000 £ und kostet in der hier gezeigten Viersitzer-Version 113.000 £. Das ist sehr viel Geld für ein Familienauto und prädestiniert ihn vermutlich stärker für VIP-Transporte.

Wo stehen wir also? In Großbritannien wirken diese Autos etwas sonderbar, und genau deshalb sind sie unendlich interessant. Altes Geld mag seine Luxusautos weiterhin lieber in Limousinenform, doch es spricht viel dafür, ein Fahrzeug zu akzeptieren, das eine ganz bestimmte Aufgabe außerordentlich gut erfüllt. Der Li Auto Mega und andere luxuriöse chinesische MPVs von Zeekr oder Denza beherrschen Familienluxus hervorragend. Feiert die Nische: Seltsame Elektro-MPVs gewinnen.

24 Minuten 46 Sekunden

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen