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Schiffsverkehr verändert das Leben großer Meerestiere weltweit

Illustration von Wal, Schildkröte und Delfinen unter Wasser, mit Frachtschiffen und Booten darüber.

Der Ozean wirkt weit, offen und grenzenlos. Täglich durchqueren ihn Schiffe in alle Richtungen. Frachter transportieren Waren, Kreuzfahrtschiffe befördern Urlauber. Fischerboote laufen noch vor Sonnenaufgang aus. Kleine Motorboote fahren zügig an der Küste entlang. All das erscheint als selbstverständlicher Teil des modernen Lebens.

Unter der Wasseroberfläche erzeugt dieser kontinuierliche Verkehr jedoch eine dauerhafte Belastung. Motoren dröhnen, Propeller verwirbeln das Wasser, und Schiffsrümpfe durchqueren Gebiete, in denen Tiere fressen, ruhen und wandern.

Eine neue weltweite Studie zeigt: Selbst wenn Schiffe Meerestiere nicht direkt rammen, kann ihre bloße Anwesenheit die Lebensweise großer Meerestiere verändern.

Die Auswirkungen des Schiffsverkehrs im Ozean

Seit Jahren untersuchen Wissenschaftler, wie einzelne Begegnungen mit Booten Wale oder Meeresschildkröten an bestimmten Orten beeinflussen.

Die neue Untersuchung führt diese Erkenntnisse nun zusammen. Dafür wurden mehr als 200 begutachtete Studien aus aller Welt ausgewertet, die über vier Jahrzehnte Forschung umfassen.

Insgesamt trugen die Forschenden fast 1.900 Vergleiche von Situationen mit und ohne Schiffsverkehr zusammen. Berücksichtigt wurden Wale, Delfine, Robben, Manatis, Meeresschildkröten, Haie und Rochen.

Analysiert wurden Verhalten, Kommunikation und sogar stressbedingte Veränderungen im Körper. Das Ziel war eindeutig: herauszufinden, was geschieht, wenn Schiffe ins Bild kommen.

Die Ergebnisse sind schwer zu übersehen. Schiffsverkehr kann das Verhalten von Tieren verändern, ihre Kommunikation stören und ihre Stressphysiologie beeinflussen. Langfristig könnten diese Folgen die Entwicklung der Bestände großer Meerestiere prägen.

Bootslärm erhöht den Stress von Meerestieren

Große Meerestiere sind auf Schall angewiesen. Wale und Delfine nutzen Rufe, um miteinander in Kontakt zu bleiben und Nahrung zu finden. Motorengeräusche können diese Signale überdecken. Dadurch müssen die Tiere ihre Rufe oder ihre Wanderrouten anpassen.

Auch die Nahrungsaufnahme verändert sich. Manche Meerestiere hören auf zu fressen, wenn sich Boote nähern. Andere tauchen länger oder verlassen bevorzugte Lebensräume. Die Konzentration von Stresshormonen kann steigen. Es handelt sich nicht um einzelne dramatische Vorfälle, sondern um kleine Störungen, die immer wieder auftreten.

Viele dieser Arten leben lange und vermehren sich nur langsam. Ein Wal bekommt möglicherweise nur alle paar Jahre ein Kalb. Meeresschildkröten benötigen Jahrzehnte, um geschlechtsreif zu werden. Die meisten von ihnen halten sich zeitweise in Küstennähe oder an der Wasseroberfläche auf – dort, wo der Schiffsverkehr am intensivsten ist. Diese Überschneidung setzt sie einem Risiko aus.

Die Hauptautorin der Studie, Julia Saltzman, promoviert im Shark Research and Conservation Program der University of Miami.

„Selbst wenn Schiffe Tiere nicht direkt rammen, kann allein ihre Anwesenheit Nahrungssuche, Bewegung, Kommunikation und Stressniveau beeinträchtigen“, sagte Salzman. „Diese kleinen, wiederholten Störungen können sich im Laufe der Zeit summieren und Populationen beeinflussen.“

Ungleiche Aufmerksamkeit für verschiedene Arten

Die Studie weist zudem auf einen überraschenden Umstand hin: Nicht alle Tiere erhalten in der Forschung dieselbe Aufmerksamkeit.

„Einige Gruppen, insbesondere Meeresschildkröten, reagieren stärker auf Störungen durch Schiffe, während andere, darunter große Fische, Haie und Rochen, bislang vergleichsweise wenig untersucht sind“, sagte die Mitautorin der Studie, Emily Yeager vom Abess Center for Ecosystem Science and Policy.

Meeresschildkröten reagieren häufig deutlich auf Boote. Sie können ihr Schwimmverhalten ändern oder wichtige Lebensräume meiden.

Haie und Rochen teilen sich dagegen stark befahrene Gewässer mit Schiffen, wurden aber nicht annähernd so intensiv erforscht. Deshalb bleibt offen, wie weitreichend die Auswirkungen sind.

Bereits gefährdete Arten

Die Auswertung offenbarte ein weiteres besorgniserregendes Muster. Arten, die bereits als bedroht oder gefährdet eingestuft sind, könnten durch Störungen durch Schiffe stärker betroffen sein.

Tiere mit einem höheren Aussterberisiko zeigten häufig größere oder aussagekräftigere Veränderungen ihres Verhaltens oder ihrer Biologie.

Das ist relevant, weil viele Meerespopulationen bereits durch Fischerei, Lebensraumverlust und Klimawandel unter Druck stehen. Schiffsverkehr kann diese bestehenden Belastungen noch verstärken. Er wirkt nicht isoliert, sondern erhöht den Druck auf ein ohnehin belastetes System.

Schiffsverkehr neu steuern

Schifffahrtsrouten und Lebensräume von Wildtieren sind nicht unveränderlich. Fahrrinnen verlagern sich, Tiere wandern, und die Jahreszeiten wechseln. Eine einheitliche Regelung schützt Wildtiere möglicherweise nicht das ganze Jahr über.

„Da sich Schiffsaktivitäten und die Verbreitung von Wildtieren räumlich und zeitlich verändern, reichen statische Managementansätze nicht immer aus, um Arten vor Störungen zu schützen“, sagte Catherine Macdonald, Direktorin des Shark Research and Conservation Program der University of Miami.

„Dynamische Managementstrategien, darunter saisonale Geschwindigkeitsbegrenzungen, anpassungsfähige Pufferabstände und gezielte Sperrungen wichtiger Lebensräume, können flexible, wissenschaftlich fundierte Instrumente bieten, um die Auswirkungen von Schiffen zu verringern und gleichzeitig die weitere menschliche Nutzung des Ozeans zu ermöglichen.“

Saisonale Tempolimits können Lärm mindern und das Risiko von Kollisionen senken. Schutzzonen um Boote können Meerestieren während der Fortpflanzungs- oder Nahrungsaufnahmephasen Raum geben.

Zeitlich begrenzte Sperrungen können wichtige Lebensräume schützen, wenn Tiere besonders verletzlich sind. Solche Maßnahmen schließen Menschen nicht vom Ozean aus. Sie sollen zu einer klügeren gemeinsamen Nutzung beitragen.

Der Ozean wird immer lauter

Der weltweite Schiffsverkehr ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Die Küstenentwicklung hat zugenommen, und Freizeitboote sind verbreiteter als früher. Der Ozean ist heute stärker belebt.

Die Studie konzentriert sich nicht auf spektakuläre Schiffskollisionen. Im Mittelpunkt steht die alltägliche Präsenz von Schiffen: das Brummen der Motoren, die Heckwelle, die unablässige Bewegung. Solche routinemäßigen Begegnungen können bestimmen, wie große Meerestiere leben.

Die Botschaft ist eindeutig: Boote transportieren nicht nur Menschen und Güter. Sie verändern das Verhalten und die Biologie einiger der größten und verletzlichsten Lebewesen des Ozeans.

Die Herausforderung besteht nun darin zu entscheiden, wie viel Störung wir akzeptieren wollen und welche Veränderungen wir dafür umzusetzen bereit sind.

Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift npj Ocean Sustainability veröffentlicht.

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