„Oh, daran könnte ich mich gewöhnen.“ Gerade habe ich Jenn gezeigt, wie man die Massagesitze des EX90 bedient. „Das ist ja so gut“, wirft ihre Freundin Lex ein. Es ist das einzige Mal, dass die beiden für einen Moment stillsitzen. Zuvor haben sie wirklich jeden Winkel von Volvos neuem Elektro-SUV inspiziert: vom 34-Liter-Frontkofferraum („zu klein, da kriege ich keine Kühlbox rein“) über das Hineinklettern in die hinterste Sitzreihe („für eine kurze Fahrt wäre ich hier zufrieden“) bis hin zum Abzählen sämtlicher Becherhalter („das sind alle?! Das ist zu wenig. Und für einen Sportbecher sind sie auch zu klein“). Und ihr Gesamteindruck? „Weisst du, ich hätte nicht gedacht, dass er innen so gross ist. Aussen wirkt er ziemlich klein.“ Der EX90 ist zwar über fünf Meter lang – aber Lex fährt einen Ford Expedition.
Lex und Jenn sind Fussball-Mütter. Abwertend? Überhaupt nicht – erst recht nicht beim Orange County Soccer Club an einem warmen Samstagmorgen, wenn von den umliegenden Plätzen die Rufe und der Jubel eines Kinderturniers herüberhallen. Hier trägt man die Bezeichnung wie eine Auszeichnung.
Zielgruppe: Fussball-Familien und der Druck der weissen Teslas
Könnte sich eine der beiden vorstellen, einen EX90 zu besitzen? Lex ist skeptisch: „Mit zwei Kindern vielleicht, aber für meine drei ist er einfach nicht gross genug.“ Jenn fährt ihre drei Kinder in einem weissen Tesla Model Y herum und gibt zu: „Hinten ist es eng, du sitzt mit schiefem Kopf. Letztes Jahr wäre ich fast auf einen Rivian-SUV umgestiegen, aber das hier gefällt mir. Ich glaube, er wäre perfekt – wenn es mehr Becherhalter gäbe – und die weissen Sitze sehen jetzt toll aus, aber ich könnte die nicht nehmen.“
Fotografie: Harry Rudd
Damit ist das Urteil dieser Fussball-Mütter gesprochen. Diese „Truppe“ gibt es überall auf der Welt; sie heisst je nach Land anders, aber die Zielgruppe ist identisch: gut situierte Familien aus der oberen Mittelschicht, Kinder mit Vereinen und Sport – und Mütter (meistens sind es Mütter), die permanent als Shuttle unterwegs sind. Der sichere, geräumige, konsequent familienorientierte Volvo XC90 war lange ihr Leitstern. Der EX90 wird es vermutlich nicht ganz so leicht haben.
Das hat mir ein Taxifahrer in Kalifornien sehr schnell klargemacht, als ich erzählte, ich sei für eine Probefahrt mit einer vollelektrischen Version des Volvo XC90 herübergekommen: „Ach, das Fussball-Mütter-Auto? Volvo muss hier noch was tun – inzwischen fährt hier doch jeder einen weissen Tesla.“ Er hat nicht unrecht. Jenns Model Y auf dem Parkplatz zu finden, ist ungefähr so, als würde man in einem Schneesturm eine einzelne Schneeflocke suchen.
Design und Plattform: Volvo EX90 zwischen Understatement und Moderne
In Südkalifornien wirkt der EX90 am richtigen Ort. Seine klaren, reduzierten Linien und die „gesichtslose“ Front erinnern ein wenig an Teslas nüchternen Zukunftsstil. Wenn man grosszügig sein will, könnte man sagen: Volvo hat eine ähnlich konsequente Reduktion umgesetzt wie Range Rover – mit einem ähnlich überzeugenden Ergebnis. Er ist eindeutig als XC90-Familienmitglied erkennbar und gleichzeitig klar als Elektroauto zu identifizieren.
Volvo setzt dabei nicht alles auf eine Karte. Der Gegenwind gegen E-Mobilität hat dazu geführt, dass auch ein gelifteter XC90 vorgestellt wurde – aber der ist bei weitem nicht so modern wie dieses Auto. Der EX90 steht auf der SPA2-Plattform, die er nur mit dem Polestar 3 teilt. Darunter steckt also weder ein umetikettiertes Geely-Konzept noch eine schwedische Interpretation des Lotus Eletre; und mit dem Hybrid-XC90 hat er technisch nichts gemeinsam.
[Inline-Galerie: Thema, Delta 0]
Das Testfahrzeug ist das Topmodell Twin Motor Performance Ultra – und genau dieses zog den Spott auf sich, weil es über 100.000 Pfund kostet. Es sollte auch das einzige Modell sein, das so teuer ist. Hier gibt es 510 bhp, 25 Lautsprecher, Soft-Close-Türen, eine elektrisch verstellbare Lenksäule und 22-Zoll-Räder. Wer mit 402 bhp zufrieden ist, kann 4.300 Pfund sparen. Ausserdem sollen später Single-Motor-Varianten und niedrigere Ausstattungslinien folgen – hoffentlich rückt der EX90 damit näher an einen Einstiegspreis von etwa 75.000 Pfund.
Sicherheit, LiDAR und Bedienung: clever – aber sehr touchscreen-lastig
Ist Ihnen das „Taxischild“ auf dem Dach schon aufgefallen? Das ist kein augenzwinkernder Hinweis darauf, dass der Wagen zwangsläufig zum Elterntaxi wird, sondern der LiDAR-Sensor. Er erkennt kleine Objekte auf der Fahrbahn in hunderten Metern Entfernung – bei Tag und Nacht. Zusammen mit einer ganzen Armada weiterer Sensoren ermöglicht er Volvo die Aussage, dies sei das sicherste Auto, das man je gebaut habe. Und für den Alltag fast wichtiger: Die Assistenzsysteme wirken tatsächlich ziemlich klug. Sie mischten sich nur ein, wenn es nötig war (Entschuldigung an das Auto, das ich beim Einfädeln auf den Highway beinahe touchiert hätte), und es gab vergleichsweise wenige nervige Warntöne, Piepsen und Klingeln. Das kann man vom Kia EV9 – vermutlich der nächste Rivale dieses Wagens – nicht in gleicher Weise behaupten.
Dem gegenüber steht allerdings die Frage, wie sehr man all diese Systeme braucht – und wie man sie bedient. Volvo übernimmt den Tesla-Ansatz (und seien wir ehrlich: inzwischen machen das fast alle) und versteckt nahezu alles im zentralen Touchscreen. Einschliesslich Heizung, Kofferraumöffner sowie der Einstellung beider Aussenspiegel und des Lenkrads. Für alle vier Fenster gibt es nur zwei Schalter (zum Verzweifeln). Der Autoschlüssel ist das Smartphone; als Notlösung liegt eine Karten-Alternative wie ein Hotelzimmerschlüssel bereit, falls der Handyakku leer ist. Und so eine Karte verliert man ja bekanntlich nie.
Das System läuft mit Android. Der Bildschirm reagiert schnell, sieht hervorragend aus und ist logisch aufgebaut. Trotzdem bleibt es ein Touchscreen – und der verlangt Aufmerksamkeit, wo ein Knopf oder Schalter oft aus dem Bauch heraus bedient werden kann. Die Kehrseite der aufgeräumten Bedienlogik: Der Innenraum wirkt sehr attraktiv, mit einer mühelos schicken skandinavischen Atmosphäre. Die Materialien fühlen sich gut an, das Design ist entspannt und zugleich geschniegelt. Die Verarbeitung ist exzellent; man hat das Gefühl, hier steckt das (beträchtliche) Geld tatsächlich drin. Die Sitze sind ein Traum – und das ist kein Leder, sondern Nordico, ein synthetisches, teilweise recyceltes Material. Optional gibt es Wollbezüge. Klar, ich bin sicher, zerdrückte Banane geht daraus ganz leicht wieder heraus.
Platzangebot und Variabilität: Familienauto mit echter Alltagstauglichkeit
Beim Spagat aus Stimmung und Nutzen gelingt dem EX90 etwas, das kaum noch jemand schafft: Er kombiniert Atmosphäre und Praktikabilität besser als jedes andere Familienauto. Es ist eines dieser raren Fahrzeuge, bei denen – wie Lex sofort bemerkte – der Innenraum grösser wirkt, als es die Aussenmasse erwarten lassen. Die Raumausnutzung ist erstklassig, vieles funktioniert erstaunlich unkompliziert. Der flache Boden und der Fussraum unter den Vordersitzen sorgen für richtig viel Beinfreiheit. Die zweite Reihe lässt sich mit einer Hand kippen und verschieben – und auch komplett umlegen geht genauso einfach. Unter dem Kofferraumboden sitzt ein riesiges Staufach; Sitz sechs und sieben klappen elektrisch weg. Und selbst wenn diese beiden Sitze stehen, bleiben 310 Liter Gepäckraum.
Im lokalen Jargon ist der EX90 damit ein echter „Einkaufs-Transporter“. Lex und Jenn fanden ausserdem die Grafik in der Heckklappe praktisch, die exakt zeigt, was wo hineinpasst. Und das ist eine Menge: bis zu 1.915 Liter. Sogar der Beifahrersitz vorn lässt sich umklappen. In Europa fällt mir – zumindest in dieser Preisklasse und mit diesem Auftritt – kaum ein Auto ein, in dem man gesehen werden will und das Alltagstauglichkeit so ernst nimmt.
Denn genau darum geht es doch, oder? Wem das Image egal ist: Einen VW T7 Multivan kaufen und fertig. Aber die meisten ticken nicht so. Wer so viel Geld ausgibt, will ein Auto, auf das man stolz ist – und das etwas über einen aussagt. Der XC90? Der wirkt über die Jahre etwas brav und pflichtbewusst. Der EX90 ist frischer, mutiger, luxuriöser. Er legt sich mit allen an – von Tesla bis Land Rover.
Fahreindruck, Komfort und Reichweite im Alltag
Ich fahre hinauf in die Hügel rund um den San Mateo Peak. Niemand wird einen EX90 zum Spass durch Serpentinen prügeln. Trotzdem fährt er sich angenehm: handlicher, als man bei Grösse und Gewicht erwartet, insgesamt präzise, dabei nie anstrengend. Er setzt um, was man verlangt, bleibt dabei stets manierlich – erst wenn der Belag wirklich übel wird, gerät die Luftfederung an ihre Grenzen und man spürt, welche Masse hier bewegt wird.
Bis dahin überzeugt der Federungskomfort: weich, aber sauber kontrolliert. Ja, man kann das Fahrwerk straffer stellen (wenn man sich durch die Menüs gearbeitet hat) – aber lassen Sie es. Besser: einfach im Startbildschirm den Performance-Modus antippen. Dann spricht das Pedal direkter an, das mechanische Hinterachs-Differenzial wird aktiv, und der EX90 wirkt in Kurven wacher und engagierter. Und auch wenn er nicht diesen kompromisslosen Tesla-Katapultstart liefert: Sein kräftiger Schub reicht locker, um die 2.787 kg Leergewicht zügig zu bewegen.
8 Minuten 43 Sekunden
Weshalb man aber wirklich hier ist, sind Laufruhe und Stille – und ich bin mir nicht sicher, ob das irgendwer besser hinbekommt. Die E-Motoren bleiben komplett im Hintergrund, solange man nicht die volle Leistung abruft. Dazu kommt eine der bestisolierten Kabinen, die mir begegnet sind. So wenig Geräusche und Vibrationen dringen durch, selbst von der Federung, dass entspanntes Gleiten auf den Interstates völlig mühelos ist – ohne jedes Gefühl von Anstrengung. Und sobald man vom Strom geht, segelt er weiter, als würde die Trägheit kaum gestört.
Ironischerweise wird es mit aktivierten Assistenzsystemen eher angespannter – die Lenkung wirkt dann etwas ruckartig. Also lieber selbst fahren. Das ist „Gleit-Automatik“ mit Komfort auf Range-Rover-Niveau: Fahren, ohne dass es einen beansprucht, sodass mehr Aufmerksamkeit für das bleibt, was auf den Rücksitzen passiert. Und falls auch das zu viel ist: Massagesitze an, und die 25 Lautsprecher von Bowers & Wilkins dürfen den Rest übertönen.
Laguna Beach hat ein kleines Viertel mit engen, fast europäischen Strassen. Auch dort fühlt sich der EX90 nicht fehl am Platz. Klar, es ist ein grosses Auto – 5.037 mm lang und 2.039 mm breit, wenn die Spiegel eingeklappt sind. Zwei Dinge nehmen ihm aber den Schrecken im Stadtverkehr: die sehr gute Rundumsicht und eine Sitzposition, die einen genau dort platziert, wo man sein muss – plus eine fein dosierbare Gasannahme bei niedrigen Geschwindigkeiten, mit der man butterweich rangieren kann. Der Wendekreis ist ebenfalls ordentlich.
Im warmen Alltagsbetrieb lagen wir bei durchschnittlich 22,2 kWh/100 km – das entspricht ziemlich genau rund 480 km Reichweite mit dem 107-kWh-Akku, gegenüber einer WLTP-Angabe von rund 602 km. In Grossbritannien? Da dürfte man eher bei etwa 400–450 km landen. Reicht. Nur zur Skisaison sollte man ein wenig vorsichtiger kalkulieren.
„Der EX90 ist eine Mischung aus Volvo-Mentalität und Tesla-Denkweise“
Für einen Volvo ist das hier deutlich kultivierter, als man es oft erlebt hat. Die Marke lieferte zwar häufig durchdachtes Design, kombinierte es aber mit schwerfälliger, spröder Fahrdynamik. Der EX90 wirkt beim Fahren so souverän und modern, wie er aussieht. Selbst die Bildschirme stören das Gesamtbild nicht übermässig. Man merkt: Er wurde mit einer sehr klaren Vorstellung entwickelt – was er sein soll und wie er sich anfühlen muss.
Stellt man ihn neben andere Elektro-SUVs, wird das noch deutlicher: Audi Q8 e-tron, Polestar 3, BMW iX und besonders Mercedes EQE SUV sind Premium-SUVs, die oft noch nach ihrer eigentlichen Rolle suchen. Dieser hier weiss ganz genau, wofür er gebaut wurde.
Ob diese Konkurrenz beim Entwickeln im Vordergrund stand, bezweifle ich. Der EX90 ist, wie es im Satz heisst, „eine Mischung aus Volvo-Mentalität und Tesla-Denkweise“. Er zielt ganz eindeutig auf Fahrerinnen und Fahrer eines Model X oder Model Y – also Menschen wie Fussball-Mutter Jenn. Wenn sich auf den Sportplätzen von Orange County herumspricht, dass der EX90 „das“ Auto ist, könnte das die europäische Rückkehr einläuten. Man sollte nur nicht erwarten, dass sie den Sport deshalb anders nennen.
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