Der Bugatti Mistral erreicht 420 km/h, doch wir mussten diesem Wert nicht einmal nahekommen, um zu verstehen, warum der W16 so sehr fehlen wird.
Bugatti steht seit jeher für Extreme. Seit mehr als 100 Jahren haben nahezu alle Modelle der Marke Konventionen infrage gestellt und Rekorde gesetzt. Eine Tradition, die begann, als Ettore Bugatti seine ersten Automobile baute.
Nach einer Wiederbelebung in den 1990er-Jahren kam der eigentliche Wendepunkt zu Beginn dieses Jahrhunderts: Der Volkswagen-Konzern übernahm die Marke und brachte den Veyron auf den Markt. Heute beginnt Bugatti unter der Führung von Mate Rimac ein neues Kapitel. Doch bevor dieses endgültig aufgeschlagen wird, hat der Mistral das vorherige Kapitel glanzvoll abgeschlossen.
Die Fertigung der 99 Exemplare ist inzwischen beendet, das letzte Fahrzeug hat das Atelier in Molsheim verlassen. Damit endete zugleich die Geschichte des W16-Motors in Bugatti-Straßenautos. Vor diesem endgültigen Abschied konnten wir das Modell fahren, das diese Ära beschließt.
Es bleibt jedes Mal beeindruckend, sich einem Fahrzeug mit Bugatti-Emblem auf dem hufeisenförmigen Kühlergrill und einem W16 hinter dem Fahrgastraum zu nähern. Der 2005 im Veyron eingeführte Motor sorgte 20 Jahre lang für einzigartige Emotionen, die im Chiron weiterlebten.
453,9 km/h? Lieber etwas langsamer …
Mit 1600 PS und 1600 Nm aus einem Achtliter-W16 ist dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst ebenso wegen seiner Leistung wie wegen seiner Kennzahlen faszinierend.
Im normalen Modus liegt die Höchstgeschwindigkeit bei 380 km/h, mit dem sogenannten „zweiten Schlüssel“ steigt sie auf 420 km/h. Doch es geht noch schneller: Ende vergangenen Jahres erreichte der Rennfahrer Andy Wallace auf der Teststrecke in Papenburg 453,9 km/h. Damit stellte er einen neuen Weltrekord für ein serienmäßiges Cabriolet auf.
Bei dieser Fahrveranstaltung wurde es nicht ganz so dramatisch, doch auch ohne den „heiligen Schlüssel“ mangelte es nicht an Adrenalin. Wir befanden uns nicht auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken am Nürburgring, in Miramas oder Nardò, sondern in Molsheim, auf den Landstraßen des Elsass und am Fuß der Vogesen. Dort verlangt ein so extrem schnelles Auto etwas Zurückhaltung beim Umgang mit dem Gaspedal. Zumindest bleiben so auch meine widerstandsfähigsten Haarsträhnen erhalten.
Gerade diese Zurückhaltung kann jedoch zum Problem werden. Nicht nur, weil sich der Mistral beinahe so unkompliziert fahren lässt wie ein Mini – sofern man seine enorme Breite und den riesigen Wendekreis berücksichtigt. Die wahre Herausforderung sind die 1600 PS und die ebenso beeindruckenden 1600 Nm.
Selbst bei vorsichtiger Fahrweise steht genug Leistung bereit, um das Auto weit über die erlaubten Geschwindigkeiten hinaus zu katapultieren. Der Versuchung zu widerstehen, kräftig zu beschleunigen, ist daher beinahe unmöglich.
Der Bugatti Mistral spielt in einer eigenen Liga
An die unmittelbare Beschleunigung von Elektroautos haben wir uns längst gewöhnt, doch der W16 bewegt sich in einer anderen Dimension.
Wird das Gaspedal vollständig durchgetreten und das Doppelkupplungs-Automatikgetriebe schaltet mehrere Gänge zurück, versetzt der Mistral dem Magen einen regelrechten Schlag – begleitet von einem ohrenbetäubenden Brüllen.
Der Bugatti Mistral sprintet in nur 2,5s auf 100 km/h und überschreitet nach 12s die Marke von 300 km/h. Das erinnert an die extreme Erfahrung, die der erste Chiron 2017 bot. Auf französischen Landstraßen ist der Fahrspaß selbstverständlich auf 90 km/h begrenzt.
Nicht allein die Geschwindigkeit macht diesen Roadster so außergewöhnlich. Entscheidend ist vor allem die Art, wie der Mistral sie erreicht: Der Motor setzt eine fast unerschöpfliche Leistungswelle frei und schiebt uns dem Horizont entgegen.
Und vor allem ist da der Klang. Es wirkt, als würde das gesamte Mittelmeer plötzlich in einen riesigen Strudel gesogen, so gewaltig ist das Geräusch, wenn der Motor durch die direkt hinter den Kopfstützen platzierten, in Carbon geformten Lufteinlässe bis zu 70.000 Liter Luft pro Minute ansaugt.
Ohrenbetäubend
Der Motor antwortet mit einem Donnerschlag, der einem beinahe die Sinne raubt. Zunächst setzen zwei Turbolader ein. Ab etwa 3000 U/min schalten sich die übrigen dazu und erzeugen eine Mischung aus Pfeifen und Surren, die selbst erfahrenen Fahrern Schauer über den Rücken jagt.
Der Höhepunkt folgt, wenn die 16 Zylinder über die Blow-off-Ventile Druck ablassen. Dabei entsteht ein kraftvolles Zischen, das Erleichterung und Enttäuschung zugleich ausdrückt: Erleichterung, weil eine weitere brutale Beschleunigung beendet ist. Enttäuschung, weil man alles sofort wiederholen möchte.
Ein Auto mit einem solchen Motor benötigt kein aufwendiges Infotainmentsystem. Vermutlich ist dies eines der besten Soundsysteme der Welt.
In vielen Supersportwagen mit weniger außergewöhnlichen Fahrleistungen werden die Insassen mit mangelndem Komfort bestraft. Sie sitzen in düsteren Innenräumen, umgeben von Metall und Carbon, oder müssen die Kompromisse eines Fahrwerks mit einer Abstimmung ertragen, die so hart ist wie in einem Formel-1-Rennwagen.
Der Mistral ist anders. Er ist eine Luxusoase im Zentrum eines Sturms.
Besser als in einem F1
Er ist offen wie ein Formel-1-Rennwagen, erreicht aber höhere Geschwindigkeiten. Der „Pilot“ sitzt nicht reglos in einer Carbonröhre, kein Überrollbügel beeinträchtigt die Sicht, und um das Erlebnis zu genießen, ist auch kein Helm erforderlich.
Die Sitze bieten trotz ihres ausgeprägten Seitenhalts den Komfort echter Sessel. Selbst im sportlichsten Fahrmodus Top Speed schont die Federung den Rücken ihrer ausgewählten Insassen: Die Bodenfreiheit sinkt dabei vorne von 115 mm auf 80 mm und hinten auf 89 mm. Dennoch wird der Mistral nicht zu einer unerträglich harten Maschine.
Während andere Hersteller herkömmliche Mittelkonsole unter riesigen Bildschirmen verbergen, befindet sich im Mistral zwischen den Sitzen eine silberfarbene Struktur. Darauf sitzen vier runde Bedienelemente, die an die Wirbel einer Wirbelsäule erinnern.
Die Bildschirme gehören zu den unauffälligsten der Automobilindustrie. Erst mit dem Tourbillon wird Bugatti seine neue Antwort auf die Digitalisierung präsentieren und analoge Technik erneut in Kunst verwandeln.
Was kostet er?
Natürlich haben eine an Wahnsinn grenzende Performance, eine unvergleichliche 3D-Klangkulisse und Luxus im Überfluss ihren Preis. Selbst ein Bentley Continental GTC wirkt erschwinglich gegenüber dem Preis des Mistral von mehr als fünf Millionen Euro. Und das noch vor Extras und Individualisierungen, die die Rechnung schnell um eine weitere Million Euro erhöhen können.
Der Preis scheint allerdings kein Hindernis gewesen zu sein. Bereits mehrere Monate bevor der erste Mistral fertiggestellt war, waren alle 99 Exemplare verkauft. Inzwischen wurden sie sämtlich ausgeliefert.
Wer für die Bestellliste zu spät kam, muss nun auf den Tourbillon warten. Er verzichtet auf den W16, erhält jedoch einen Saug-V16, der ebenso faszinierend werden soll wie der W16, dessen Einsatzzeit beendet ist. Zunächst wird er ausschließlich als Coupé verfügbar sein. Zumindest bis sich über Molsheim erneut ein perfekter Sturm zusammenbraut.
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