Warum den Opel Corsa-e als „neue Normalität“ bezeichnen, obwohl reine Elektroautos trotz weiterhin wachsender Modellvielfalt und Verkaufszahlen noch immer nur einen kleinen Marktanteil ausmachen?
Nun ja: Unter den vielen Elektroautos, die ich bereits gefahren und getestet habe – vom in der Geraden geradezu ballistischen Tesla Model S P100D bis zum winzigen Smart fortwo EQ –, war der Corsa-e der erste, der sich am ehesten … normal anfühlte. Und nein, das ist keineswegs abwertend gemeint.
Elektroautos profitieren noch immer von einem gewissen Neuheitseffekt. Der Corsa-e fügt sich jedoch so unaufdringlich in den Alltag ein, dass man sich nach kurzer Zeit vollkommen mit ihm vertraut fühlt. Er ist „einfach“ ein weiterer Corsa, nur eben mit Elektromotor. Weder verlangt der Corsa-e, sich an futuristische oder zumindest fragwürdige Linien zu gewöhnen, noch muss man den Umgang mit dem Innenraum neu lernen.
Den Corsa-e fahren …
… fühlt sich an wie das Fahren eines Autos mit Automatikgetriebe – nur noch geschmeidiger, weil keine Gangwechsel stattfinden. Wie fast alle Elektroautos besitzt auch der Corsa-e lediglich eine Übersetzung.
Die einzige Besonderheit ist der B-Modus, der über den Wählhebel aktiviert wird. Er verstärkt die Rekuperationswirkung beim Verzögern. Gerade im Stadtverkehr gewöhnt man sich schnell daran und möchte ihn bald nicht mehr missen: So lässt sich beim Bremsen möglichst viel Energie zurückgewinnen und die mögliche Reichweite erhöhen.
Ansonsten prägt vor allem die Laufruhe das Fahrerlebnis dieses Elektroautos. Der Corsa-e beschleunigt zügig, gibt seine Leistung jedoch nicht abrupt ab, sondern angenehm gleichmäßig. Die 260 Nm maximalen Drehmoments stehen schon nach einem kurzen Tritt aufs Fahrpedal bereit.
Beim Durchtreten des Pedals wird man dennoch nicht in den Sitz gepresst: Es stehen zwar 136 PS zur Verfügung, aber eben auch mehr als 1500 kg Gewicht.
Im normalen Fahrbetrieb spürt man diese Kilos allerdings kaum. Erneut kaschiert die unmittelbare Verfügbarkeit des Elektromotors die hohe Masse des Corsa-e, der sich leichtfüßig und sogar agil bewegt. Auf einer kurvigen, unebenen Straße stößt diese Wahrnehmung jedoch rasch an ihre Grenzen.
Komfortzone
Trotz der angekündigten Karosserieverstärkungen, die den rund 300 kg Gewichtsunterschied zum vergleichbaren 1.2 Turbo mit 130 PS ausgleichen sollen, verlässt der Corsa-e seine Komfortzone, wenn sein fahrdynamisches Potenzial energischer genutzt wird. Bei den Corsa-Modellen mit Verbrennungsmotor passiert das nicht.
Ein Teil der Ursache liegt in der klar auf Komfort abgestimmten Fahrwerksauslegung, ein weiterer in der etwas begrenzten Haftung der Michelin Primacy. Treffen 260 Nm sofortiges Drehmoment auf einen beherzten Tritt aufs Fahrpedal, muss die Traktionskontrolle deutlich stärker eingreifen.
Trotzdem lässt sich auf jeder Straße ein hohes Tempo halten. Dafür ist lediglich ein sanfterer, weniger impulsiver Fahrstil nötig – insbesondere bei Lenk- und Gaspedalbewegungen.
Angemessen kultiviert
Der Corsa-e ist nicht das schärfste Angebot auf dem Markt, dafür aber ein ausreichend kultivierter Alltagsbegleiter. Die Geräuschdämmung bewegt sich auf gutem, wenn auch nicht klassenbestem Niveau. Bei höherem Tempo sind Windgeräusche am A-Holm beziehungsweise Außenspiegel wahrnehmbar, während auch die Abrollgeräusche bisweilen zu präsent sind. Letzteres könnte mit unserem konkreten Testwagen zusammenhängen, der mit den optionalen größeren 17-Zoll-Rädern und Reifen der Dimension 45 ausgestattet war; serienmäßig sind 16-Zoll-Felgen montiert.
Der Elektromotor ist durch ein unaufdringliches Surren hörbar, das beinahe aus dem Star-Wars-Universum zu stammen scheint. Der Komfort an Bord ist hoch – sowohl wegen der Sitze als auch dank der Fahrwerksabstimmung. Nur harte Unebenheiten stellen die Federung vor Schwierigkeiten: Dann werden sie mit etwas kräftigeren und lauteren Stößen weitergegeben als gewünscht.
Trotz der eher begrenzten angegebenen Maximalreichweite von bis zu 337 km besitzt der Corsa-e deshalb überzeugende Qualitäten für längere Strecken, denn er bietet viel Komfort und zeigt sich angenehm kultiviert.
Zudem verfügt er über Fahrerassistenzsysteme, die diese Aufgabe erleichtern, etwa den adaptiven Tempomaten. Er beschleunigt und verzögert selbstständig entsprechend dem Tempolimit oder wenn ein langsameres Fahrzeug vorausfährt. Seine Verzögerung fällt allerdings recht deutlich aus.
Bei entspannter Fahrweise sind reale 300 km pro Ladung problemlos erreichbar. Der Verbrauch bewegte sich zwischen 14 kWh/100 km bei moderaten Geschwindigkeiten und 16–17 kWh/100 km im gemischten Einsatz aus Stadt und Autobahn.
Einfacher aufgebaut
Anders als seine französischen „Cousins“, etwa der Peugeot 208, mit dem er Plattform und Antriebsstrang teilt, setzt der Opel Corsa-e im Innenraum auf konventionellere Lösungen bei Gestaltung und Bedienung. Dadurch wirkt er zwar nicht so eindrucksvoll wie manche dieser Modelle, doch das Interieur des Corsa ist leichter zu verstehen und zu bedienen.
Für die Klimatisierung gibt es physische Bedienelemente, während gut sichtbare und sinnvoll platzierte Direktwahltasten das Infotainmentsystem ergänzen. Die Einbindung des digitalen Kombiinstruments und seine eher schlichten Grafiken lassen sich zwar verbessern, an der Ablesbarkeit gibt es jedoch nichts auszusetzen. Fast alles im Innenraum des Corsa-e scheint schlicht dort zu sitzen, wo es hingehört, und so zu funktionieren, wie man es erwartet.
Die Abgrenzung des Corsa von seinem „Cousin“ 208 gelingt weitgehend gut, allerdings übernimmt er auch einige weniger wünschenswerte Merkmale. Besonders auffällig ist der erschwerte Zugang zu den Rücksitzen durch die schmale Türöffnung. Auch die Sicht nach hinten könnte besser sein – gerade bei einem Fahrzeug, das den Großteil seines Lebens vermutlich im urbanen Dschungel verbringt.
Ist der Opel Corsa-e das richtige Auto für mich?
Der sanfte und zugängliche Charakter des elektrischen Opel Corsa überzeugt schnell. Wer überwiegend in der Stadt unterwegs ist, findet in einem Elektroauto wie dem Corsa-e die beste Lösung für den urbanen Verkehr: Nichts übertrifft ein Elektroauto bei Laufruhe und einfacher Bedienung, zudem fährt es sich weniger stressig.
Damit er tatsächlich zur „neuen Normalität“ wird, lassen sich jedoch zwei Punkte nicht ausblenden. Der erste ist sein hoher Preis, der zweite hängt damit zusammen, dass er trotz seines besonders normalen Auftretens eben ein Elektroauto bleibt.
Beim ersten Punkt geht es um mehr als 32.000 Euro für den getesteten Corsa-e Elegance. Das sind 9000 Euro mehr als für einen Corsa 1.2 Turbo mit 130 PS und Achtgang-Automatik – nun ja … Technologie hat ihren Preis. Unser Testwagen trieb diesen Betrag mit seiner umfangreichen Sonderausstattung sogar auf über 36.000 Euro.
Auch wenn keine Kfz-Steuer anfällt und jede Ladung stets günstiger als eine Tankfüllung sein wird, kann der Kaufpreis zu hoch sein, um den Schritt in die Elektromobilität zu wagen.
Der zweite Punkt betrifft die noch bestehenden Unannehmlichkeiten eines Elektroautos, von denen ich hoffe, dass sie im Verlauf des kommenden Jahrzehnts verschwinden werden.
Dazu gehört, zwangsläufig ein sperriges und wenig praktisches Ladekabel im Kofferraum mitführen zu müssen. Wann werden alle Ladesäulen mit integrierten Kabeln ausgestattet sein – oder wann kommt das induktive Laden? Ebenso muss man zusehen, wie ein Baum wächst, während die Batterie lädt: Die minimale Ladezeit des Corsa-e beträgt 5 Std. 15 Min., die maximale sogar … 25 Stunden. Und weil das Laden Zeit braucht, muss geplant werden, wo und wann das Auto geladen wird – schließlich verfügt nicht jeder über eine Garage, in der es über Nacht stehen kann.
Sobald diese Fragen angemessen gelöst sind, werden Elektroautos im Allgemeinen und der Corsa-e im Besonderen, der schon heute überzeugend zeigt, wie die „neue Normalität“ beim Fahren und Bedienen aussehen kann, endgültig alles mitbringen, um sich als das propagierte „Auto der Zukunft“ durchzusetzen.
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