„Geschwindigkeit tötet.“ Ein Satz, den wir seit Jahrzehnten hören – und ein Mantra, mit dem Blitzer an jeder Ecke sowie Tempolimits begründet werden, die wie aus der Zeit gefallen wirken.
Doch ist ein Limit von 120 km/h im technologisch ausgereiften Jahr 2026 noch zeitgemäß, wenn Fahrzeuge über autonome Notbremsassistenten, Spurhalteassistenten verfügen und Autobahnen von intelligenten Systemen überwacht werden?
Während Europa häufig als legislativer Fossil kritisiert wird, will ein Land die jahrzehntelange Starre aufbrechen und einen Schritt gehen, den viele noch immer fürchten: die Anhebung der Höchstgeschwindigkeit auf 150 km/h.
Tschechien, früher als Tschechische Republik bezeichnet, ist das erste Land der Europäischen Union, das auf einer Autobahn ein Tempolimit von 150 km/h erprobt. Der Ansatz ist dabei intelligent: Auf der Autobahn D3 regeln 42 elektronische Anzeigetafeln entlang eines etwa 50 km langen Abschnitts die zulässige Geschwindigkeit variabel – abhängig von Straßen- und Verkehrslage.
Das Sicherheitsargument – oder sein Fehlen
Viele werden ein höheres Limit als Einladung zur Katastrophe betrachten. Die Zahlen der vergangenen zehn Jahre zeichnen jedoch ein anderes Bild.
Polen erlaubt bereits 140 km/h und hat seine Verkehrstoten zwischen 2012 und 2022 um 47% gesenkt. Das zeigt: Entscheidend ist nicht allein die absolute Geschwindigkeit, sondern moderne Infrastruktur und eine konsequente Kontrolle riskanten Verhaltens. Dazu zählen Alkoholkonsum oder die Handynutzung – letztere ist unter portugiesischen Autofahrern der Verstoß mit dem stärksten Wachstum.
Wichtig ist allerdings: Der tschechische Pilotversuch soll weder „kontrolliertes Chaos“ noch Anarchie auf Rädern schaffen. Vielmehr geht es darum, die geltende Gesetzeslage mit der bemerkenswerten Entwicklung in Einklang zu bringen, die Fahrzeuge und Infrastruktur in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen haben.
Gerade im portugiesischen Fall wird das besonders deutlich. Obwohl Portugal über eines der größten und modernsten Autobahnnetze Europas verfügt – mehr als 3000 km, womit das Land europaweit auf Platz 4 nach Gesamtlänge liegt –, gilt dort weiterhin eine Höchstgeschwindigkeit, die 1976 festgelegt wurde.
Physik gegen Umwelt bei 150 km/h
Während sich Sicherheitsfragen durch Technologie zumindest teilweise lösen lassen, bleibt die Physik unerbittlich. Bei 150 km/h steigt der Luftwiderstand, der mit zunehmendem Tempo erheblich wächst, stark an.
Würden die Tempolimits auf Autobahnen plötzlich auf 150 km/h angehoben, würden folglich auch die Emissionen deutlich steigen. Dieses Argument lässt sich vergleichsweise einfach begründen.
Aktuelle Studien deuten darauf hin, dass die Erhöhung von 120 km/h auf 150 km/h bei Elektroautos mehr als 3 kWh/100 km zusätzlichen Verbrauch bedeuten kann – für die Reichweite wäre das allein schon eine Art Selbstmord. Bei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor könnte der Mehrverbrauch dagegen bei etwa 15% bis 20% liegen.
Eine Frage der Reife
In einer Welt, die grüner und sauberer werden will, mehr Verschmutzung gesetzlich zu ermöglichen, wirkt tatsächlich widersprüchlich. Trotzdem erscheint mir eines eindeutig: Diese Debatte sollte kein Tabu sein, sondern ein Zeichen gesellschaftlicher Reife. Leider sehe ich nur wenige Länder, die bereit sind, sie zu führen.
Was die tschechische Lösung betrifft, bin ich überzeugt, dass dynamische Tempolimits und elektronische Anzeigen der richtige Weg sein können: Ist die Fahrbahn trocken, gibt es keine Baustellen, herrscht gute Sicht und fließt der Verkehr störungsfrei – ist es dann sinnvoll, Autofahrer an eine Regelung zu binden, die 50 Jahre alt ist? Ich finde nicht. Aber das ist (nur) meine Meinung…
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