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Ein Tag auf der IAA München: Automesse im Live-Ticker

Publikum bei der Präsentation des Porsche 911 Turbo S auf einer Messe mit großer LED-Wand im Hintergrund.

↳ Pressetag, 6:50 Uhr

Der Handywecker klingelt. Einen Moment lang frage ich mich, wo ich überhaupt bin, dann beginnt die tägliche Bestandsaufnahme dessen, was heute Morgen wehtut. Ich bin so müde. Für etwas frische Luft habe ich das Fenster über Nacht offen gelassen, und von nebenan dringen die Ansagen des Münchner Hauptbahnhofs herüber. Es ist erst die zweite Automesse, die ich in den vergangenen acht Jahren besuche – seltsam, wenn man bedenkt, dass früher drei oder vier pro Jahr fest im Kalender standen. Ich brauche Kaffee.

↳ 7:05 Uhr

Gerade genug Zeit für eine Dusche und einen kurzen, leeren Blick an die Wand. Vor dem Verlassen des Zimmers folgt die Outfitkontrolle. Mit Sakko und dünnem schwarzem Pullover setze ich auf den Look „arbeitsloser Autodesigner“. Früher musste man sich für eine Automesse anziehen, als ginge es zu einer Hochzeit, schließlich traf man dort wichtige Führungskräfte. Heute tragen sie alle Sneaker, und niemand weiss so recht, wie damit umzugehen ist.

↳ 7:24 Uhr

Im Shuttle. Es ist durchaus ein Privileg, stilvoll durch die Stadt chauffiert zu werden, beruht aber auf der demütigenden und völlig zutreffenden Annahme, dass Journalisten es allein nicht ans Ziel schaffen.

Fotografie: Alex Tapley

↳ 8:03 Uhr

Ah, die Messehalle. Sobald ich der klaustrophobischen Panik der Drehtür entkomme, stellt sich augenblicklich Nostalgie ein. Sie ist manuell – bis ich das begreife, vergehen ungefähr sechs Sekunden. Vermutlich sind es die Messe-Teppiche, die innerhalb einer Woche den Verkehr eines ganzen Lebens abbekommen und danach im Container landen. Der Haupteingang wirkt wie ein Bahnhof ohne Gleise: überall Glas und riesige Bildschirme.

↳ 8:19 Uhr

Am Opel-Stand entdecke ich das Corsa-Konzept – selbst direkt daneben sieht es aus wie ein CGI-Rendering. Den Sinn von Konzeptautos habe ich nie wirklich begriffen; meistens sind sie ziemlich albern. Vage erinnert mich das allerdings an die Szene aus Der Teufel trägt Prada, in der Meryl Streeps furchteinflössende Magazinchefin Anne Hathaway eisig erklärt, dass deren unförmiger blauer Pullover das Resultat einer jahrelangen Kette von Branchenentscheidungen sei. Im Grunde ist es genau dasselbe.

↳ 8:42 Uhr

Der Messe sind sechs Hallen zugeteilt, von insgesamt 16 – fünfeinhalb, wenn man das existenzielle Elend von A3 mitzählt. Sie wird nur zur Hälfte genutzt und besteht aus verstreuten, winzigen Messeständen aus blankem Holz, wird aber von einem Gehege aus Foodtrucks beherrscht. Ein Anflug von Mitleid überkommt mich für die verloren wirkenden Vertreter, die offenbar für eine Woche aus der Firmenzentrale verbannt wurden. Sämtliche Unternehmen scheinen Namen zu haben, die absichtlich falsch geschrieben sind. In einer Reihe buhlen Surprice, Moter und Protean um undurchsichtige, aber vermutlich entscheidende B2B-Aufträge.

↳ 8:56 Uhr

Die türkische Automarke TOGG steht kurz vor ihrer Präsentation. Auf der Standrückwand prangt der Slogan „Gemeinsam weiter“, der auf so vielen Ebenen nicht funktioniert. Das passiert, wenn man einen Marketingmanager nach Mitternacht füttert. Das Auto selbst ist ein austauschbarer Crossover mit riesigem Kühlergrill.

↳ 9:09 Uhr

Ich treffe Mike Hawes, den Chef der Society of Motor Manufacturers and Traders. Er ist gerade damit beschäftigt, die britische Autoindustrie in Ordnung zu bringen, hat aber trotzdem Zeit für ein kurzes Gespräch. Ich habe früher für ihn gearbeitet, so gut vernetzt bin ich also nicht. Er mag Automessen dieser Art – vielleicht kann er Birmingham ja wiederbeleben.

↳ 9:23 Uhr

Ich versuche, mir die Pressekonferenz von XPeng anzusehen, aber sie ist a) brechend voll, b) auf Chinesisch – Headsets gibt es zwar, doch um eines zu bekommen, müsste ich mich wie John Wick durch die Menge kämpfen – und c) neben mir steht ein Mann, der Rob Brydon unglaublich ähnlich sieht, nur als Spanier. Das lenkt enorm ab.

↳ 9:27 Uhr

Fast werde ich von einem deutschen Kabinettsminister überrannt, als ich mich auf den überfüllten VW-Stand hinaufarbeite. Aus irgendeinem Grund stehen dort keine Autos, abgesehen vom kleinen ID-Konzept, das bereits im März enthüllt wurde.

Offenbar dient die Bühne einer fortlaufenden Reihe von Enthüllungen. Das ist aber in Ordnung, denn gestern habe ich alles auf der Vorabend-Pressekonferenz des VW-Konzerns in München schon gesehen: vier kleine Elektroautos auf derselben Plattform – der elektrische Polo vermutlich das wichtigste davon –, einen neuen 911 Turbo S sowie das seltsam aussehende Audi-Konzept.

Es war grell, glitzernd und dauerte ewig. Meine Theorie lautet: Hätte man uns nur lange genug dortbehalten, hätten wir das Marketing-Pendant zum Stockholm-Syndrom entwickelt und alles geliebt. Rohan, der Sohn von Bob Marley, war auch da und dekorierte einen ID. Buzz.

↳ 9:34 Uhr

Gerade die Marke von 4.000 Schritten überschritten. Auf der IAA in Frankfurt habe ich einmal 38.000 geschafft, aber das war eine andere Zeit. Am Mobileye-Stand geht der Alarm des selbstfahrenden ID. Buzz los. Gestern bei der Pressekonferenz war ich enttäuscht, ihn auf die Bühne fahren zu sehen.

„Ein Ingenieur bemerkt, wie ich mich darüber lustig mache, also muss ich aus Wiedergutmachung Interesse an seinem autonomen Bus vortäuschen“

↳ 9:49 Uhr

Hier läuft das klassische Automesse-Scheisse-Sandwich: An jedem Ende einer Halle steht ein grosser Autohersteller – wobei es nur vier davon gibt, weil nicht genug grosse Hersteller da sind – und dazwischen befinden sich kleinere Fachstände, die vermutlich ein wohliges Gefühl bei jedem vorbeiziehenden Besucher verspüren. Ich scherze mit einem Mann von einem japanischen Teilezulieferer, sein Stand sei derjenige, auf den sich Leute stellten, um die Pressekonferenz am Stand dort drüben besser sehen zu können. Er lacht, doch hinter seinen Augen steckt Schmerz.

↳ 9:53 Uhr

Riesige Menschenmengen bei Leapmotor, wo ein Mann über Autos spricht. Heute kann ich nicht nachvollziehen, was auch immer gerade passiert; später lese ich auf der TG-Website nach, worum es ging. Das ganze Interesse konzentriert sich jedoch auf die neuen chinesischen Marken – es fühlt sich wie ein Wendepunkt an.

↳ 9:55 Uhr

Es wirkt ein wenig wie eine nationale Messe, in die sich ein Schwung chinesischer Marken hineindrängt. Volvo ist da, aber mit einem traurigen kleinen Stand, der vermutlich von einem Händler ein paar Strassen weiter finanziert wurde. Ford, Hyundai/Kia, Renault und Lucid haben Flächen in der grösseren Publikumsveranstaltung, die morgen rund um die Münchner Innenstadt beginnt. Das ist eine mutige Idee, und dorthin ist auch das ganze Geld geflossen – wie ich höre, 2 Mio. £ für den Mercedes-Stand. An vier zentralen Orten der Stadt können Menschen die neuesten Autos auf dem Heimweg von der Arbeit oder beim Einkaufen anschauen, statt sich bis zu einem Messegelände hinauszuschleppen.

↳ 10:01 Uhr

Besuch beim neuen elektrischen GLC am Mercedes-Stand. Das Heck gefällt mir, doch niemand bei klarem Verstand mag die Front. Mercedes hat das vorausgesehen und einen Zaun davor aufgebaut, der verhindert, dass man sie richtig betrachten kann. Eine Schlange von Menschen wartet darauf, die schillernde Kühlergrillgestaltung mit dem Handy festzuhalten.

↳ 10:04 Uhr

Für frisches Blut in der Autoindustrie bin ich absolut, aber mit GAC habe ich ein Problem. Nicht mit den Autos, die sehen ordentlich aus – der SUV Aion V wirkt sogar irgendwie munter und kommt 2026 nach Grossbritannien. Es liegt daran, dass die Marke nach dem Geräusch benannt ist, das meine Katze kurz macht, bevor ich im Esszimmer mit Socken in etwas Feuchtes trete.

↳ 10:09 Uhr

Wieder eine Menschenansammlung. Es ist der Smart-Stand! Ganz im Sinne der Markentradition ist er winzig, weshalb ich ihn bei meinem ersten Rundgang übersehen habe. Nebenbei bemerkt: Ich finde es ausgesprochen amüsant, wenn Marken lächerliche Namen tragen, die Firmenvertreter bei jeder Erwähnung konsequent benutzen müssen. Das ist sehr Hashtag-lustig. Ich nehme mir vor, später zurückzukommen, wenn ich tatsächlich etwas sehen kann.

↳ 10:16 Uhr

Am Changan-Stand laufen die Vorbereitungen für die Pressekonferenz auf Hochtouren. Ein Mann steht neben dem geheimnisvollen Auto auf der Bühne – dem Deepal S05; man stelle sich einen Porsche Macan vor, der die Augen zusammenkneift –, während andere Kameras einrichten und die Mikrofonpegel prüfen. Ein weiterer kleiner Kerl geht um das Auto herum und dämpft die Falten aus dem Tuch, das gleich heruntergerissen werden soll. Auf die Liebe zum Detail kommt es an.

↳ 11:41 Uhr

Innerhalb von zehn Minuten bin ich TGs Jason Barlow zweimal in völlig unterschiedlichen Bereichen der Messe über den Weg gelaufen. Er ist begeistert, das PIX Moving Beastie entdeckt zu haben: ein selbstfahrender Ariel Nomad für Arme, allerdings mit den besten Rädern der Messe. Ein Ingenieur sieht, dass ich mich darüber lustig mache, und zur Wiedergutmachung muss ich Interesse an seinem autonomen Bus vortäuschen. Der Sitz ist überraschend bequem. Gerade 7.000 Schritte überschritten. Meine Füsse beginnen leicht zu zwicken.

↳ 11:57 Uhr

Ich spreche mit einigen netten Leuten von Project 2|3, einem Ingenieurbüro, das ein cleveres Sortiment zwei- und dreirädriger Motorräder entwickeln will. Sie haben einen elektrischen Roller im Stil eines BMW C1 gebaut, den sie Herstellern verkaufen möchten. Er sieht gut aus, aber ich bezweifle, dass ein hochbezahlter Ingenieur beim Vorbeigehen spontan ein White-Label-Motorradprojekt kauft.

↳ 12:14 Uhr

Deutschland ist in vielerlei Hinsicht fortschrittlich, in anderen jedoch eher wie ein schmutziger Onkel: Hier gibt es immer noch Messemodels, und zwischen den Hallen stehen schmuddelige Zigarettenautomaten.

↳ 12:49 Uhr

Moment – vielleicht hat Smart dieses Hashtag-Konzeptauto ja doch nicht enthüllt, denn der Stand ist auffällig leer. Es könnte auch woanders stehen: Renault stellt heute seinen neuen Clio vor und ist nicht einmal hier. Auch Polestar lässt die Messe aus, enthüllt später in der Stadt aber den neuen 5; Skoda veranstaltet an einem anderen Ort ein schickes Event für sein neues Konzept. Offenbar wollten sie nicht für einen teuren Stand auf der Messe bezahlen, doch es entwickelt sich beinahe ein Münchner Fringe-Festival.

Diese neue Form der Automesse gefällt mir allerdings. Ein verrücktes Presse- und Fachbesucherzentrum mit einer attraktiven Verbraucherschicht darüber. Journalisten und Unternehmensleute sind im Messezentrum gebündelt und führen hochrangige Gespräche, während die Autobauer in der Stadt weiterhin Geld ausgeben können, um potenzielle Kunden mit glitzernden Präsentationsständen zu beeindrucken.

↳ 13:43 Uhr

Ich habe die 10.000-Schritte-Marke erreicht. Selbst wenn ich sonst nichts mitnehme, bin ich wenigstens einen Tag näher an einem gesünderen Lebensstil.

„Orlando Bloom jault vorbei, während ich mir Senf auf den Pullover spritze“

↳ 14:05 Uhr

Ich entdecke TGs Paul Horrell bei echter Arbeit, während ich auf der Messe herumstolziert bin: 10.930 Schritte. Am Stand von Rimac Technologies interviewt er jemanden Klugen. Worum es geht, weiss ich nicht.

Der Kaffee ist hervorragend, und ich unterhalte mich angenehm mit Kommunikationschefin Marta Longin. Rimac Technologies, der kommerzielle Teil des Unternehmens, hält die Präsenz auf der Messe für wichtig und wird zahlreiche Treffen mit Kunden und Zulieferern haben. Morgen wird ein Rimac in einer Sammlerausstellung in der Stadt stehen, hier dreht sich jedoch alles ums Geschäft. Ich warte mehrere Stunden, aber Paul redet noch immer, also ziehe ich weiter.

↳ 14:39 Uhr

Eine Runde bei BMW, jetzt da die Menschenmengen verschwunden sind. Die Mini-JCW-x-Deus-Ex-Machina-Konzepte lasse ich vollständig aus; sie riechen danach, als habe man nicht genug für den Stand gehabt. Die Neue Klasse iX3 ist nicht ganz die Abkehr vom ästhetisch fragwürdigen aktuellen Design der Marke, die ich erwartet hatte ... an 500 Meilen Reichweite gibt es allerdings nichts auszusetzen. Mein Blick bleibt an dem riesigen Infotainment-Display hängen, das wohl ins Facelift des i7 kommt, um den Mercedes Hyperscreen zu übertrumpfen. Es muss sich über Tausende Zoll erstrecken, und ich mag es. BMW erlaubt mir aber nicht, mich daneben zu stellen.

↳ 15:18 Uhr

Sehr spätes Mittagessen, doch seit Wochen denke ich an glückliche Erinnerungen an Currywurst am Volkswagen-Stand auf irgendeiner Messe zurück. Ich treffe TG-Chefredakteur Jack Rix, der den britischen PR-Chef Mike Orford zur Hilfe holt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng, aber mit dem Segen des VW-Kommunikationschefs werde ich in das elegante Restaurant über dem Stand geleitet ... keine Currywurst. Für diesen Laden wohl etwas zu bodenständig. Ein weiterer Beleg für VWs unaufhaltsamen Aufstieg in höhere Marktsegmente.

↳ 15:27 Uhr

Ich hole mir eine Bratwurst an einem Stand auf der begrünten Mittelzone des Messegeländes. Wenn ich schon nicht an die eine lokale Ikone komme, nehme ich eben die andere. Und sie kostet mich nur ungefähr so viel wie die monatliche Hypothekenrate für ein Doppelhaus mit zwei Schlafzimmern in den Midlands.

↳ 15:28 Uhr

Orlando Bloom jault vorbei, während ich mir Senf auf den Pullover spritze. Was macht er hier? Später google ich es.

↳ 16:24 Uhr

Ups, ich bin spät dran für die Enthüllung von Skodas Vision O im Stadtzentrum. Auf dem Weg hinaus treffe ich Paul Horrell, der ebenfalls in die Stadt fährt. Ich möchte unbedingt einen der in München mietbaren E-Scooter benutzen und den Wind in den Augenbrauen spüren. Paul nimmt die U-Bahn, weil er meint, das gehe schneller. Wie sich herausstellt, liegt er damit um etwa 40 Minuten richtig – vor allem, weil ich mich zweimal verlaufe und schliesslich durch die Fussgängerzone gehe: 13.157 Schritte.

Nun habe ich die Zukunft gesehen, und zwischen „ganz gewöhnliches Auto, nur elektrisch“ und „persönlicher autonomer Hubschrauber“ bietet sie nicht besonders viel. Doch die Zukunft der Automesse? Mit dieser Balance sieht sie gut aus. Vielleicht sollte ich mir eher Sorgen um die Zukunft des Journalismus machen, jetzt da sich die Autobauer aus den Messehallen befreit haben ...

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