1984 wollte Ferrari dem Rennwagen Tribut zollen, mit dem die Marke 1957 die Sportwagen-Weltmeisterschaft gewonnen hatte: dem 250 Testarossa. Sein Name bezog sich auf die rot lackierten Nockenwellendeckel – wörtlich also auf den „roten Kopf“.
In seinen verschiedenen Entwicklungsstufen blieb das zweitürige Coupé mit mittig hinten eingebautem V12 bis 1996 im Programm. In den letzten Jahren, von 1992 bis 1996, trug es jedoch andere Bezeichnungen: zunächst 512 TR, anschließend F512M.
Der ursprüngliche V12 mit 180°-Zylinderbankwinkel schöpfte aus 4,9 Litern Hubraum 390 PS. Damit beschleunigte er in 5,8 s auf 100 km/h und erreichte 290 km/h Höchstgeschwindigkeit. Werte, die heute selbstverständlich eher ein liebevolles als ein spöttisches Lächeln hervorrufen.
Insgesamt entstanden 9439 Exemplare (7177 Testarossa, 2261 512 TR und 501 512M) – der Platz als Mythos in der Geschichte von Ferrari und des Automobils war damit gesichert.
Der erste Testarossa ohne zwölf Zylinder
Nun kehrt der Name als Ferrari 849 Testarossa zurück. Er löst den SF90 Stradale ab, von dem er abstammt und der zahlreiche seiner technischen Eigenschaften erklärt.
Dieser Testarossa ist der erste ohne V12. Vom SF90 Stradale übernimmt er dessen Plug-in-Hybridsystem mit einem Biturbo-V8, drei Elektromotoren, einer Hochvoltbatterie und einem Wechselrichter.
Allein der 4,0-Liter-Biturbo-V8 leistet 830 PS – 50 PS mehr als sein Vorgänger – und erzielt eine nicht minder beeindruckende Literleistung von 208 PS/l.
Er verfügt über einen neuen Turbolader, den größten, den Ferrari jemals eingesetzt hat. Zudem wurden zahlreiche Bauteile überarbeitet: Zylinderköpfe, Motorblock, Abgaskrümmer, Steuertrieb und sogar die Titanschrauben. Um der gestiegenen Leistung gerecht zu werden, wurde das Kühlsystem um 15% verstärkt.
Die drei Elektromotoren steuern 220 PS bei; zusammengerechnet ergeben sich 1050 PS. Das ist ein neuer absoluter Rekord für einen in Serie gefertigten Ferrari – der F80 ist zwar stärker, wird jedoch nur in limitierter Stückzahl gebaut.
Bis zu 25 km elektrische Reichweite
Der Plug-in-Hybridantrieb leitet sich unmittelbar vom bekannten System des SF90 Stradale ab. Zwei der drei Elektromotoren sitzen an der Vorderachse und bilden das RAC-e-System (elektronischer Kurvenregler). Dieses ermöglicht dem Allradantrieb und der Drehmomentverteilung, die Traktion beim Herausbeschleunigen aus Kurven optimal auszunutzen. Der dritte Motor ist an der Hinterachse angeordnet und arbeitet ähnlich wie das System im Formel-1-Fahrzeug der Scuderia Ferrari.
Nach Angaben der italienischen Ingenieure wurde die Rekuperationsstrategie beim Bremsen verfeinert, um das Pedalgefühl zu verbessern. Dadurch soll der Eingriff gleichmäßiger und natürlicher ausfallen und das Zusammenspiel von elektrischer und hydraulischer Verzögerung stimmiger werden.
Das Batterie- und Elektromotormanagement wurde auf die vier über das eManettino am Lenkrad wählbaren Fahrmodi abgestimmt: eDrive, Hybrid, Performance und Qualifying.
Im eDrive-Modus kann der Ferrari 849 Testarossa bis zu 25 km rein elektrisch zurücklegen, bei Geschwindigkeiten bis 130 km/h. Möglich macht dies eine Lithium-Ionen-Batterie mit 7,45 kWh. Sie wurde so platziert, dass sie einen niedrigen Schwerpunkt und die von Ferrari als ideal angesehene Gewichtsverteilung ermöglicht: 45% vorn und 55% hinten, also mit leichtem Heckschwerpunkt.
Überwältigende Fahrleistungen
Beim Gewicht nennt der 849 Testarossa trotz der zusätzlichen Leistung und Fahrperformance dieselben 1570 kg Trockengewicht wie der SF90 Stradale. Erreicht wurde dies durch den Einsatz noch leichterer Materialien. Das verhilft ihm zum Titel des Ferrari mit dem besten Leistungsgewicht aller Zeiten: 1,5 kg/PS.
Seine Fahrleistungen sind – wenig überraschend – spektakulär: mehr als 330 km/h Höchstgeschwindigkeit, weniger als 2,3 s von 0 auf 100 km/h, was sogar den SF90 XX Stradale unterbietet, 6,35 s von 0 auf 200 km/h sowie nur 28,5 m Bremsweg aus 100 km/h zählen zu den bemerkenswerten Werten.
Eine Runde auf dem Fiorano-Kurs dauert 1 min 17,5 s. Was bedeutet das für die Rangliste? Damit ist er der drittschnellste Ferrari aller Zeiten, nur der F80 mit 1 min 15,3 s und der SF90 XX mit 1 min 17,3 s sind schneller. Gegenüber seinem direkten Vorgänger, dem SF90 Stradale, gewinnt er jedoch 1,5 Sekunden.
Die vom SF90 XX Stradale übernommene Schaltstrategie wurde überarbeitet, um den Klangeindruck bei sportlicher Fahrt zu verstärken. Eine neue Motorkalibrierung maximiert zusammen mit dem Druck im Brennraum die akustische Intensität beim Lupfen des Gaspedals. Die Funktion arbeitet bei mittleren Lasten und Drehzahlen und erzeugt den für Rennschaltvorgänge typischen Klang. Ab der Stellung „Race“ des Manettino fallen die Gangwechsel noch extremer aus.
Eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung des 849 Testarossa bestand für Ferrari darin, einen Klang zu erzeugen, der den früheren Zwölfzylinder-Modellen nahekommt. Der Ton des überarbeiteten Biturbo-V8 wurde über das gesamte Drehzahlband verstärkt, insbesondere in niedrigen und mittleren Frequenzbereichen.
Beim Annähern an den Drehzahlbegrenzer bei 8300 U/min sollte sich die Leistung explosionsartig entfalten und die Insassen mit einer Mischung aus Sound, Beschleunigung und Vibrationen in ein intensives Erlebnis einbinden. Verstärkt wird dies durch die Flat-Plane-Kurbelwelle des Motors.
415 kg Abtrieb
Bei der Aerodynamik des Ferrari 849 Testarossa standen die Optimierung der thermischen Leistung und mehr Abtrieb im Mittelpunkt. Inspiration lieferten historische und aktuelle Rennlösungen, wie sie etwa beim 512 S, 512 M und FXX-K zu sehen sind.
Das Resultat: Der 849 Testarossa erzeugt bei 250 km/h insgesamt 415 kg Abtrieb, 25 kg mehr als der SF90 Stradale.
Der aktive Heckspoiler, abgeleitet vom SF90 Stradale und 296 GTB, ist in die Karosserie integriert und wird durch eine um 2 kg leichtere kinematische Lösung betätigt.
Er wechselt in weniger als einer Sekunde zwischen den Einstellungen Geringer Luftwiderstand und Hoher Abtrieb. In der zweiten Konfiguration trägt er bei 250 km/h bis zu 100 kg zum Abtrieb bei.
Ferrari 849 Testarossa: Dynamik auf SF90-Basis
Bei der Fahrdynamik orientierte sich der 849 Testarossa am SF90 Stradale. Im Fokus standen die höhere Leistung, Grip und Reifenansprache, die Wirksamkeit der Bremsanlage sowie die Weiterentwicklung der elektronischen Regelung mithilfe des digitalen Ferrari Integrated Vehicle Estimator (FIVE).
Dieses System erstellt einen „digitalen Zwilling“, der das Verhalten des Fahrzeugs in Echtzeit anhand realer Messwerte wie Beschleunigung nachbildet. FIVE kann Leistungsparameter bestimmen, die nicht direkt messbar sind, etwa Gierrate und Gierwinkel – mit minimalen Abweichungen. Dadurch verbessert es die Arbeit von Traktionskontrolle, Differenzial und e4WD-System.
Auch das Fahrwerk erhielt eine neue Abstimmung. Gegenüber dem SF90 Stradale steigt die Querperformance dank neuer Reifen um 3%; gleichzeitig wurde das Gewicht der Federn um 35% reduziert. Die Wankbewegungen der Karosserie sinken um 10%.
Modern mit nostalgischen Anklängen
Das von Flavio Manzoni geführte Team suchte die Balance zwischen skulpturalen Formen und grafischen Elementen. Zugleich sollte eine Verbindung zwischen Gestaltungsmerkmalen der Vergangenheit und futuristischen Zügen entstehen.
Vertikale und quer verlaufende Linien schaffen ein neuartiges Erscheinungsbild, das von der Luftfahrt und den Sportprototypen der 1970er-Jahre inspiriert ist. Die Front zeigt strukturierte Volumen, die an einige Ferrari der 1980er-Jahre erinnern.
Besonders stolz ist Manzoni auf die dreidimensionale Ausformung der Türen, die „bei einem Serienautomobil bislang nie erreicht wurde und die Beziehung zwischen Karosserie und Außenbereich des Innenraums neu definiert“. Das Türpanel besteht aus einem einzigen Gussteil aus Aluminiumlegierung.
Im Innenraum verbindet sich die Gestaltung einer Berlinetta mit horizontalem Armaturenbrett mit dem Cockpit eines einsitzigen Rennwagens. Der obere Bereich scheint zu schweben und umfasst C-förmige, von Aluminium eingefasste Luftausströmer. Dazwischen liegt ein horizontaler Kontraststreifen, in den die wichtigsten Bedienelemente und das Beifahrerdisplay integriert sind.
Das Lenkrad kombiniert digitale und analoge Funktionen. Die mechanischen Bedienelemente des F80 bleiben erhalten, darunter der ikonische Motorstartknopf.
Der untere Bereich des Armaturenbretts wird von zwei segelförmigen architektonischen Motiven geprägt, die sich auch in den Türen wiederfinden und verschiedene Bedienelemente aufnehmen.
Auf dem Mitteltunnel sind die sekundären Bedienelemente rationeller und minimalistischer angeordnet. Die Sitze stehen in zwei Varianten zur Wahl: eine auf Komfort ausgelegte Ausführung sowie eine sportlichere Version mit Karbonfaserstruktur.
Spider: Eroberung des Himmels
Die Spider-Variante wurde gleichzeitig mit dem Coupé vorgestellt. Ihr versenkbares Hardtop lässt sich elektrisch in nur 14 Sekunden öffnen oder schließen, und zwar bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h.
Für maximalen Komfort wurde hinter den Sitzen ein innovativer Windabweiser integriert. Er soll Verwirbelungen minimieren und das Fahrerlebnis bei geöffnetem Dach bewahren.
Er fängt den oberhalb der Seitenscheibe einströmenden Luftstrom über Einlässe in der Sitzlehne auf und leitet ihn durch zwei untere Auslässe in den Bereich unterhalb des Sitzes weiter.
Ein weiterer auffälliger Unterschied ist die Brücke auf dem hinteren Deckel. Bei geschlossenem Dach lenkt sie den Luftstrom zum Heck und zum aktiven Spoiler, sodass der erzeugte Abtrieb dem des 849 Testarossa Coupé entspricht.
Wann er kommt und was er kostet
Der neue Ferrari 849 Testarossa kann bereits bestellt werden, Preise wurden jedoch noch nicht bekannt gegeben. Da der SF90 Stradale bei seiner Einführung schon an der Marke von einer halben Million Euro lag, ist kaum zu erwarten, dass der 849 Testarossa darunter startet.
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