Stellantis ist das jüngste und zugleich grösste Opfer der weltweit veränderten Haltung gegenüber Elektroautos. Der Konzern hat soeben eine Strategiewende bekannt gegeben, die ihn 17 Mrd. € beziehungsweise 14,8 Mrd. £ kosten wird. Allein steht er damit nicht: Ford meldete kürzlich aus vergleichbaren Gründen eine Belastung in ähnlicher Höhe. Auch GM hat eine Wertberichtigung vorgenommen.
Antonio Filosa, CEO des Unternehmens – zu dem Peugeot, Citroën, Vauxhall, Fiat, Alfa, Maserati, Jeep, Ram, Dodge und Chrysler gehören –, erklärte: „Die heute bekannt gegebenen Belastungen spiegeln weitgehend die Kosten wider, die dadurch entstanden sind, dass wir das Tempo der Energiewende überschätzt haben. Dadurch haben wir uns von den tatsächlichen Bedürfnissen, Möglichkeiten und Wünschen vieler Autokäufer entfernt.“
Natürlich richten sich Kunden nicht allein nach ihren Bedürfnissen und Vorlieben, sondern auch nach dem Preis. Ein grosser Teil der Unruhe entstand in den USA, wo die Fördermassnahmen für Elektroautos aus der Biden-Ära unter der Trump-Regierung zurückgenommen wurden. Deshalb stellte Ford die Produktion seines elektrischen Pick-ups F-150 Lightning ein, während Ram im September ankündigte, seinen batterieelektrischen 1500 BEV – oben abgebildet – nicht zu bauen.
Stellantis und die kostspielige Elektroauto-Kurskorrektur
Anders als der Ford kam der elektrische Ram nie überhaupt in den Handel. Entsprechend fliessen die enormen Ausgaben für Entwicklung und Produktionswerkzeuge in die heute veröffentlichte Summe ein. Darüber hinaus muss Stellantis Zulieferer für stornierte Bestellungen entschädigen. Parallel dazu musste das Unternehmen die Entwicklung eines Ram mit Hemi-V8 beschleunigt vorantreiben.
Ähnliches spielte sich im europäischen Geschäft von Stellantis ab. Der Fiat 500 war ursprünglich nie für einen Verbrennungsmotor vorgesehen. Weil sich die Batterieversion jedoch nicht ausreichend verkaufte, wurde anstelle des Elektromotors ein Motor eingebaut.
Vauxhall gehörte zu den ersten Herstellern, die mit dem Jahr 2028 einen Termin für die vollständige Umstellung auf Elektroautos nannten. Dieser Plan wurde geändert, woraufhin zusätzliche Benzin- und Plug-in-Hybrid-Modelle hastig entwickelt wurden. Auch Alfa wollte die Nachfolger von Giulia und Stelvio noch in diesem Jahr vollständig elektrisch anbieten – bis dieser Plan verworfen wurde. Die Nachfolgemodelle verschieben sich deshalb um zwei Jahre, was den Umsatz belastet; zudem werden sie teuer überarbeitet, damit sie alternativ mit Benzinmotor angeboten werden können.
In der Summe enthalten sind 6 Mrd. € für die „Wertminderung von Plattformen“. Gemeint sind elektrische Plattformen, die mit der Erwartung eingeführt wurden, hohe Stückzahlen von Elektroautos in mehreren Modellen zu verkaufen. Da die prognostizierten Verkaufszahlen nun nach unten korrigiert werden, sinken auch die künftigen Gewinne.
Zusätzliche Garantiekosten und Qualitätsprobleme
Die heutige Mitteilung offenbart weitere Schwierigkeiten. Zusätzlich zu den 17 Mrd. € Abschreibung infolge der veränderten Elektroauto-Strategie kommen weitere 4,1 Mrd. € (3,6 Mrd. £) für höhere Garantiekosten hinzu. Teilweise liegt das daran, dass Stellantis die bilanzielle Erfassung dieser Kosten geändert hat. Ein wesentlicher Grund sind aber auch die zahlreichen zusätzlichen und übereilten Modellanläufe. Sie fielen zudem in eine Phase, in der auf nicht erprobte Zulieferer umgestellt wurde. Der Konzern spricht von „einer Verschlechterung der Qualität infolge operativer Entscheidungen, die nicht die erwartete Qualitätsleistung erbracht haben“.
Nach Darstellung des Unternehmens verbessern neue Verfahren und zusätzliche Ingenieure die Qualität inzwischen. Dennoch wird der Qualitätsrückgang die Finanzen noch lange belasten, denn ein Ruf für Unzuverlässigkeit lässt sich erst über Jahre hinweg wieder abschütteln.
Der komplexe Stellantis-Konzern unter Antonio Filosa
Stellantis ist ein weit verzweigter Konzern. Er entstand vor fünf Jahren durch den Zusammenschluss von PSA (Peugeot-Citroën) und FCA (Fiat-Chrysler). Die daraus entstandene Komplexität weckte den Verdacht, dass Synergien nicht konsequent genutzt wurden und das Management nicht den vollständigen Überblick über das gesamte Unternehmen behalten konnte. Einige Investoren haben Filosa aufgefordert, den Konzern erneut aufzuteilen oder einzelne Bereiche zu veräussern. Da die Verkäufe von Maserati erneut zurückgegangen sind, gilt die Marke als besonders naheliegender Kandidat. Filosa betont jedoch, die Gruppe auf absehbare Zeit zusammenhalten zu wollen.
Der frühere CEO Carlos Tavares wurde entlassen, weil das US-Geschäft schwach abschnitt. In der zweiten Hälfte des Jahres 2025 haben sich die Verkäufe dort wieder erholt. In einer Hinsicht erwies er sich jedoch als vorausschauend: Er war nie überzeugt, dass genügend Käufer Elektroautos wollten, und drängte den Konzern erst dann zu einem schnellen Wandel, als offensichtlich wurde, dass gewählte Regierungen Fördermassnahmen einführen würden.
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