Untersuchung zum Ryanair-Boeing 737 MAX 8-200 in Bergamo
Italienische Ermittler kamen zu dem Schluss, dass ein zu frühes Betätigen der Bremsen bei der Landung einer Ryanair Boeing 737 MAX 8-200 am Flughafen Bergamo am 1. Oktober 2024 zum Blockieren der Hauptfahrwerksräder und zum Platzen aller vier Reifen führte. Das Anti-Skid-System war zu diesem Zeitpunkt abgeschaltet.
Nach Angaben der italienischen Flugsicherheitsbehörde ANSV waren der innere und der äußere Kanal des Anti-Skid-Systems bereits in Spanien deaktiviert worden. Anlass war ein während des Rollens festgestellter technischer Fehler, der mit einem Messumformer zusammenhing.
Die Abschaltung beider Kanäle bewertete die Behörde jedoch als „suboptimal“. Um den Fehler einzugrenzen, hätte lediglich der innere Kanal deaktiviert werden sollen.
Anti-Skid-Ausfall und Landung auf Piste 28
Obwohl in Málaga und Barcelona Inspektionen vorgenommen wurden, war die Störung nicht behoben, als das Flugzeug nach Bergamo startete. Beim Briefing für den Anflug auf die Piste 28 in Bergamo besprach die Besatzung das Bremsverfahren bei nicht funktionsfähigem Anti-Skid-System.
Der Kapitän wies den Ersten Offizier an, starkes Bremsen zu vermeiden. Die Bremsen sollten erst betätigt werden, nachdem das Bugfahrwerk Bodenkontakt hatte und die Spoiler manuell ausgefahren worden waren.
Während des Abfangens befanden sich die Schubhebel bereits in der Stellung „Leerlauf“, die Triebwerksleistung nahm jedoch noch weiter ab. Das Flugzeug setzte mit 138 Knoten auf, woraufhin der Kapitän den Einsatz von Schubumkehr und Spoilern anordnete.
Laut ANSV verhinderte der Bodeneffekt jedoch, dass die Maschine sofort vollständig auf dem Hauptfahrwerk auflag; ein Gewicht-auf-Rädern-Signal lag daher noch nicht vor. Trotzdem wurden die Bremsen rund vier Sekunden nach dem Aufsetzen betätigt. Vibrationsgeräusche deuteten darauf hin, dass die Räder blockierten.
Schäden an Reifen, Rädern und Startbahn
Die Spoiler wurden erst drei Sekunden später aktiviert, nachdem am linken Hauptfahrwerk ein Gewicht-auf-Rädern-Signal erkannt worden war. Durch das Blockieren wurden alle vier Hauptfahrwerksreifen zerstört, drei Räder erheblich beschädigt sowie Schäden am Rumpf und an den Landeklappen verursacht. Die Startbahn wurde großflächig beschädigt und musste für Reparaturen fast 12 Stunden geschlossen bleiben.
Die ANSV führt die fehlerhafte Abfolge trotz des Briefings auch auf menschliche Faktoren zurück. Dazu gehörten automatisch ablaufende Reaktionen, die auf dem durch zahlreiche Landungen mit aktivem Anti-Skid-System erworbenen prozeduralen Gedächtnis beruhten, sowie fehlendes spezielles Training für Landungen mit einem nicht funktionsfähigen System.
Zudem beschrieben die Handbücher keine eindeutige und rechtzeitige Abfolge für eine solche Landung. Geringfügige Unterschiede in der Systemlogik zwischen den Varianten 737 MAX 8-200 und 737-800 könnten die Verzögerung beim Betätigen der Schubumkehrhebel und beim Ausfahren der Spoiler verursacht haben.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen