„Oooooh, was ist das? Ist das ein Lamborghini?“
Der extrem grell lackierte MG Cyberster wurde gerade bis vor meine Wohnung geliefert – und mein Nachbar liefert dazu gleich die Steilvorlage, bei der das fortschrittliche MG-Designteam in London und die SAIC-Chefs in China wohl breit grinsen dürften. In Sant’Agata sieht man das vermutlich weniger entspannt.
Aus der Nähe erkennt man zwar schnell, dass dieser zweisitzige MG mit Stoffverdeck nicht direkt aus Italien stammt. Aber aus der Distanz lässt sich der Cyberster erstaunlich leicht für ein Auto halten, das klar im sechsstelligen Bereich liegt. Allein diese Scherentüren machen Eindruck. Und der Lack in Inca Yellow – eine alte British-Leyland-Farbe und heute eine Option für £695 – trägt seinen Teil dazu bei.
Erster Eindruck: MG Cyberster, Showeffekt und Alltag
Das Wetter zeigt sich typisch britisch, und so spektakulär die Türen aussehen: Im Alltag sind sie nicht gerade ein Muster an Pragmatismus. Sie öffnen und schliessen elektrisch – nur eben etwas gemächlich, wenn man im Regen wartet. Und beim Schliessen sorgen sie gleich noch dafür, dass Wasser auf die Einstiegsleisten und über die Teppiche läuft.
Fotografie: Huckleberry Mountain
Trotzdem: Britische Sportwagen waren noch nie Inbegriff der Vernunft, und ein paar Eigenheiten verzeiht man leichter, wenn das Gesamtpaket stimmt. Und das tut es – der vollelektrische Cyberster sieht mit offenem wie geschlossenem Dach richtig gut aus. Lange Motorhaube, breite Schultern: klassisches Roadster-Profil. Die LED-Rückleuchten im Union-Jack-Look sind dann der erste deutliche Hinweis, dass hier keine Retro-Nummer gefahren wird.
Apropos klassisches Roadster-Rezept: BMW hat zuletzt daran gearbeitet, den G29 Z4 mit Reihensechszylinder und Hinterradantrieb durch ein manuelles Getriebe noch nostalgischer zu machen. Offenbar ist sich die Branche nicht einig, was Roadster-Kundschaft wirklich will. Also: Old School gegen New School – Zeit fürs Duell.
Antrieb & Fahrspass: MG Cyberster vs. BMW Z4 M40i Handschalter
Das Handschalter Pack (bevor irgendwelche schrägen Gedanken kommen: das bedeutet tatsächlich „manual switch“ auf Deutsch) ist beim Z4 M40i offiziell ein Extra. Setzt man im Konfigurator das Häkchen für £5,325, gibt’s nicht nur das Sechsganggetriebe – man wird gleichzeitig auf eine sehr konkrete Zusammenstellung festgelegt: Innenraum in tanfarbenem Leder, Lack in Frozen Deep Green und rote Bremssättel. Im Ergebnis ist das praktisch eine Sonderedition mit genau einer Konfiguration. Dagegen haben wir nichts.
Und so wie Toyota den verwandten Supra vor ein paar Jahren mit Handschaltung deutlich aufgewertet hat, passt das Selberschalten auch dem Z4 hervorragend. BMW sagt, das Getriebe sei exklusiv für dieses Auto entwickelt worden – räumt aber ebenso ein, es handle sich um eine „modulare Transmission, die M-spezifische Komponenten integriert“. Eine kurze Recherche zeigt ausserdem: Die Übersetzungen sind exakt dieselben wie beim Supra und beim M2 mit Handschaltung.
Als Schaltgetriebe ist es nicht das Nonplusultra: Der Hebel liegt gut zur Hand, die Schaltwege sind angenehm kurz – aber dieses leicht gummige Gefühl, das viele BMW-Handschalter begleitet, ist auch hier da. Dazu stehen die Pedale etwas zu weit rechts. Und trotzdem macht genau das den Z4 im Vergleich zur serienmässigen Achtgang-Automatik deutlich fesselnder. Man ist langsamer „unterwegs“, das Auto übernimmt beim Runterschalten das Zwischengas, und die Verbindung zum Wagen wirkt unmittelbarer, als es ein Automatik-Z4 hinbekommt.
Nebenbei nutzt man dadurch mehr Drehzahl und arbeitet den Motor stärker. Und was für einen Motor: Der aufgeladene 3,0-Liter-B58 läuft seidig und liefert 335bhp; die Spitzenleistung liegt zwischen 5,000rpm und der 6,500rpm roten Linie. Das Handschalter Pack belässt es zudem bei den vollen 369lb ft Drehmoment und verliert im Sprint 0–62mph (0–100 km/h) nur eine Zehntelsekunde auf die Automatik. Den motorsportartigen Klang eines Porsche-Boxers hat er nicht – aber Druck ist reichlich da. Und trotzdem standen am Tag dieses Shootings 32.8mpg (ca. 8,6 l/100 km) zu Buche.
Natürlich können die E-Motoren des MG den Charakter eines BMW-Reihensechsers nicht kopieren. Was dem Cyberster an Geräuschkulisse fehlt, kontert er aber mit Leistung. Der Cyberster Trophy (Serie, £54,980) fährt als Hecktriebler mit einem Motor – und trifft mit 335bhp genau die Leistung des Z4. Doch mit Handschalter Pack liegt der BMW über £60k; für ähnliches Geld kann man beim MG auf den Cyberster GT wechseln, wie er hier steht. Dann sind es 496bhp, 535lb ft, Allradantrieb und 0–62mph (0–100 km/h) in nur 3.3 Sekunden.
Drückt man am Lenkrad den leuchtend roten Super-Sport-Knopf, aktiviert man den Track-Modus, schaltet die Traktionskontrolle aus und ruft die Launch-Control auf. Gaspedal durchtreten, Bremse lösen: Erst ein Hauch Schlupf, während die Vorderräder auf nassem Asphalt Grip suchen – und dann wird man fast sofort die Strasse hinunter katapultiert. Ein ziemlich spektakulärer Trick, erst recht, wenn man mit offenem Dach den Elementen ausgesetzt ist.
In den Modi Komfort und Sport wird die Leistungsabgabe für ein sanfteres Vorankommen spürbar geglättet; Sport wirkt dabei wie der beste Kompromiss. An der Abstimmung des Fahrwerks ändern die Modi allerdings nichts – anders als beim Z4 ist das Setup passiv, mit Doppelquerlenkern vorn und Mehrlenkerachse hinten. MG sagt, der Cyberster habe ein „umfangreiches 18-monatiges Performance- und Handling-Entwicklungsprogramm“ durchlaufen, gesteuert vom Longbridge-Ingenieurteam (ja, wirklich). Trotzdem merkt man: Das Auto zielt eher auf den Gran Turismo als auf den kompromisslosen Sportwagen.
Denn bei der Karosseriekontrolle gibt es Luft nach oben. Federn und Dämpfer wirken eigenartig weich; der Cyberster hat Mühe, sein Gewicht von knapp zwei Tonnen einzufangen. Auf welliger Landstrasse geht es zwar flott voran, aber der Wagen kommt nie richtig zur Ruhe. In Kurven neigt er sich, und auf ausgefeiltes Torque Vectoring verzichtet er. Die Lenkung liefert wenig Rückmeldung, und das Bremspedal ist im oberen Bereich zu leichtgängig – hat man den ersten Totweg überwunden, ist das Gefühl jedoch ordentlich.
Und dann sind da noch die Wippen hinter dem Lenkrad: Ohne simulierte Gangwechsel würde man erwarten, links mehr Rekuperation zu wählen und rechts wieder zu reduzieren – als zusätzliches Element für Fahrbeteiligung. Genau davon bin ich zunächst ausgegangen, und es hat länger gedauert, als mir lieb ist, bis klar war: Links schaltet durch die Rekuperationsstufen, rechts wechselt den Fahrmodus. Ein wenig merkwürdig.
Der direkte Wechsel in den Z4 macht die fehlende Souveränität des MG noch deutlicher. Mit dem Handschalter Pack hat BMW nicht nur das manuelle Getriebe ergänzt, sondern auch die adaptiven Dämpfer neu abgestimmt, vorn eine verstärkte Befestigung der Stabilisator-Klemme montiert, rundum eigene Zusatzfedern verbaut und Lenkung, Traktionskontrolle sowie das M-Sport-Hinterachsdifferenzial feinjustiert. Ziel war demnach, „schärfere Handling-Eigenschaften zu erreichen, die von Fahrpuristen geschätzt werden“ – und tatsächlich ist das der beste G29 bislang.
Wo der Cyberster eher schwebend und entkoppelt wirkt, kontrolliert der Z4 die Aufbaubewegungen, ohne bretthart zu sein – und gibt dadurch das Vertrauen, schneller zu fahren. Mit 50:50-Gewichtsverteilung und Antrieb auf die (nun breiteren) Hinterräder fühlt sich das nach dem natürlicheren Roadster an. Die Lenkung ist im Sportmodus vielleicht etwas künstlich schwer, doch das lässt sich im Modus Individual entschärfen, während der Motor in seiner freiesten Konfiguration bleibt. Und wer möchte, kann dort auch die Zwischengas-Automatik deaktivieren, um selbst mit Spitze-Ferse zu arbeiten.
Innenraum, Dach, Reichweite: Komfort gegen Klassiker – und das Ergebnis
Interessant ist ausserdem: Obwohl er hier der Old-School-Kandidat ist, ist der Innenraum des Z4 am Ende der angenehmere Ort. Man sitzt tief, das Leder wirkt hochwertig, und selbst der manuelle Schalthebel sieht überraschend wenig nach späterer Pflichtübung aus. Dazu echte Tasten am Armaturenbrett und am Lenkrad – endlich.
MG hat im Cyberster sichtbar versucht, Innenraumdrama zu erzeugen. Das gelingt optisch und haptisch durchaus: Kunstleder, echtes Alcantara und ein Bose-Soundsystem hinterlassen einen starken Eindruck. Allerdings zwingt der Akku im Unterboden zu einer viel zu hohen Sitzposition, und vier Displays sind schlicht Informationsüberfluss. Der hochformatige Zentralbildschirm im McLaren-Stil funktioniert gut für Klima und diverse Fahrereinstellungen, aber die beiden 7-Zoll-Touchscreens links und rechts des 10.25in-Instrumentendisplays werden fast komplett vom Lenkrad verdeckt – ungünstig, wenn dort Navigation oder Smartphone-Spiegelung laufen.
Auch die Bedienlogik ist teils eigenwillig: Die Türen werden über einen Schalter in der Mittelkonsole bedient, die Warnung zum Tempolimit ist in Untermenüs versteckt, und der rechte Touchscreen zeigt standardmässig die Wettervorhersage. In einem Roadster – na gut, irgendwie passend. Immerhin: Die Cupholder sind im MG tatsächlich nutzbar. Im Z4 muss dafür der Deckel der Mittelkonsole offen bleiben, was wiederum die Schaltarbeit behindert. Vielleicht war das am Ende doch ein Nachgedanke.
Die Bayern haben den Z4 zu einem echten Sportwagen gemacht
Beim Wettrennen um das Klappdach liegt der Z4 vorn: Rund 10 Sekunden gegen 15 Sekunden beim Cyberster (beide funktionieren bis etwa 30mph, also ca. 48 km/h). Ausserdem bietet der BMW einen minimal grösseren Kofferraum. Dafür wirkt der MG mit geschlossenem Stoffdach kultivierter. Klar, ohne Motorgeräusch ist das leichter – aber auch Abroll- und Windgeräusche dringen weniger in den Innenraum, und der Cyberster gibt auf langen Autobahnetappen einen ordentlichen Begleiter.
Da wir problemlos 3.2 miles pro kWh (ca. 5,1 km/kWh bzw. rund 19,6 kWh/100 km) geschafft haben, sollte er auch recht nahe an seine angegebene WLTP-Reichweite von 276 miles (ca. 444 km) herankommen. Und wenn Laden nötig wird: Schnellladen ist mit bis zu 144kW möglich, der Sprung von 10 auf 80 Prozent dauert 38 Minuten.
Wie erwartet, gewinnt in diesem Vergleich am Ende der BMW. Mit den Fahrwerksanpassungen und dem manuellen Getriebe haben die Bayern aus dem Z4 einen echten Sportwagen gemacht – und das zu einem Preis, der unter dem eines vierzylindrigen Porsche Boxster liegt. Der Cyberster passt womöglich niemandem über 6ft (ca. 1,83 m) wirklich gut und hat fahrdynamisch etwas zu kämpfen, aber als Idee ist er ohne Frage spannend.
Und MG ist allen zuvorgekommen – sogar Porsche mit dem kommenden Boxster: Ein elektrischer Roadster, der gut aussieht, sehr schnell ist und Türen wie ein Supersportler hat. Jetzt bleibt nur die Frage, ob der Markt dafür tatsächlich bereit ist.
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