Die Aufgabe war anspruchsvoll: Den Honda-Ingenieuren ist mit der WN7 ein überzeugendes Elektromotorrad gelungen, das manchen Motorradfahrer zum Umstieg bewegen könnte.
Test durchgeführt von Théo DUPERRET
Das Angebot der etablierten Hersteller auf dem Markt für Elektromotorräder ist nahezu nicht existent. Eine Ausnahme bildet Honda: Wir konnten das erste elektrische Motorrad der Marke, die WN7, fahren.
Wie seit einigen Monaten bekannt ist, wird das Motorrad ab Werk sowohl als A1-Variante (125er-Führerschein) als auch als A2-Version angeboten. Die Nennleistung beträgt 18 kW und wird bei der 125er-Version auf 11 kW reduziert. Damit richtet sich das Modell an ein breites Publikum – vom täglichen Pendler bis zum gelegentlichen Wochenendfahrer.
Eine bei Honda bislang einzigartige technische Basis
Im Zentrum des Motorrads steht eine 9,6-kWh-Batterie, die je nach Strecke und Nutzung eine praxisnahe Reichweite von rund 100 Kilometern ermöglicht. Auf unserer 67,5 Kilometer langen Fahrt im „sportlichen“ Tempo sank der Ladestand von 100 auf 22 %. Ein Kollege, der deutlich entspannter unterwegs war, hatte noch 37 % übrig – ein klarer Hinweis darauf, wie stark der Fahrstil die Reichweite beeinflusst. Technisch gibt es keine Revolution: Honda verwendet eine luftgekühlte Lithium-Ionen-Batterie von LG.
Neu für Honda ist vor allem, dass diese Batterie ein tragendes Element des Motorradrahmens bildet. Bei vielen Wettbewerbern ist dieses Konstruktionsprinzip bereits bekannt, doch vor der WN7 hatte kein Modell der Marke diesen Aufbau. Das neue Know-how wurde überzeugend umgesetzt, denn das Fahrgefühl am Lenker entspricht vollständig dem einer konventionelleren Maschine aus dem Honda-Programm. Zudem wird das Motorrad komplett ohne Schweißnähte montiert; dadurch kommen die Aluminiumverbindungen mit ihren gelungenen Oberflächen besonders gut zur Geltung.
Weniger überzeugend sind einige glänzende Verkleidungsteile. Auch das Scharnier der Ladeabdeckung weist recht viel Spiel auf. Das ist kein Grund zur Beunruhigung, denn insgesamt liegt die Verarbeitungsqualität weiterhin über der zahlreicher Konkurrenten. Dennoch wird deutlich, dass Honda an einigen Stellen gespart hat, um den Preis des Modells nicht ausufern zu lassen.
Älteres Cockpit, moderne Elektronik
Ein riesiges Display wie bei der Honda CUVe Connected wäre denkbar gewesen, doch Honda hat darauf verzichtet. Der 5-Zoll-TFT-Bildschirm sitzt mittig am Lenker, wirkt jedoch nicht besonders modern, da er bei allen Motorrädern der Baureihe zum Einsatz kommt. Er ist übersichtlich gestaltet und gut ablesbar, bietet mehrere Ansichten für den Sport-Modus und lässt sich über einen beleuchteten Joystick an der linken Armatur intuitiv bedienen. Über das RoadSync-System kann ein Smartphone verbunden werden, Android Auto oder CarPlay sind allerdings nicht verfügbar. Für ein derart technisches Motorrad wirkt das etwas „einfach“.
Um die 100 Nm Drehmoment – vergleichbar mit dem Drehmoment eines 900-cm³-Motors – sicher zu beherrschen, gibt es eine abschaltbare Traktionskontrolle und ein hochwertiges ABS, das vereinfacht gesagt mit einem Gyroskop arbeitet. Diese Ausstattung findet man normalerweise bei teureren Motorrädern. Die sicherheitsorientierte japanische Marke ergänzt dies um Funktionen wie die automatische Blinkerabschaltung und eine automatische Warnblinkfunktion bei sehr starkem Bremsen. Ebenfalls vorhanden ist ein Geschwindigkeitsbegrenzer: eher ein Gimmick, aber warum nicht.
Weniger sinnvoll ist die Position der USB-C-Buchse unter der Sitzbank. Deshalb muss ein spezielles Kabel dauerhaft durch die dafür vorgesehene Führung bis zum Lenker verlegt werden.
Honda WN7: Souverän und sicher im Stadtverkehr
Die 217 kg des Motorrads können zunächst abschrecken. Die gut erreichbare Sitzhöhe von 80 cm und die schlanke Bauweise zwischen den Knien erleichtern jedoch den Umgang. Schon nach den ersten Metern wird deutlich, wie sorgfältig die Gewichtsverteilung abgestimmt wurde: Selbst bei sehr niedrigem Tempo bleibt die Maschine stabil. Der Gasgriff lässt sich präzise dosieren, während sich der „Eco“-Modus als wirksamer Begleiter im Stadtverkehr erweist.
Die attraktiven und sicheren Lenkerendenspiegel sind beim Durchfahren von Fahrzeugreihen nicht ideal, bieten aber eine gute Sicht. Die Doppelscheibenbremse vermittelt ihrerseits ein ausgezeichnetes Sicherheitsgefühl, auch wenn eine reflexartige Bremsung das ABS schnell aktivieren kann.
Auf Landstraßen spielt sie ihre Stärken aus
Da das Motorrad nur 129 km/h erreicht – beziehungsweise 120 km/h als 125er-Version –, fühlt es sich auf Nebenstraßen besonders wohl. In lang gezogenen Kurven überzeugt es mit hoher Stabilität und lenkt zugleich leichter ein als manche Maschinen mit stärker aufrecht stehender Gabel.
In der A2-Ausführung sind die 68 PS nicht direkt mit einem Verbrennungsmotor vergleichbar. Fest steht jedoch: Der Elektromotor beschleunigt aus dem Stand kräftig. Am Lenker fühlt sich die Beschleunigung sehr energisch an, begleitet von nahezu absoluter Stille dank schrägverzahnter Zahnräder und Riemenantrieb. Typisch und unvermeidlich für Elektromotoren nimmt die verfügbare Schubkraft mit steigender Geschwindigkeit ab. Selbst bei 90 km/h bleibt aber genug Reservierung, um jede Situation souverän zu meistern.
Honda ist es gelungen, die WN7 zu einem intuitiv fahrbaren Motorrad zu machen. Die Orientierung fällt leicht, sodass man zügig fahren kann, ohne von den Reaktionen der Maschine überrascht zu werden. Die etwas zurückhaltend wirkende Hinterradbremse wird wie bei den meisten Motorrädern per Fuß betätigt. Dank der Rekuperation lässt sich vollständig über die Motorbremse fahren. Deren Stärke wird sowohl von den Fahrmodi beeinflusst als auch manuell über die „+“- und „–“-Tasten an der linken Hand eingestellt. Sehr praktisch: Die Motorbremswirkung kann während der Fahrt angepasst werden.
CCS2-Schnellladen als entscheidender Vorteil
Mit einem CCS2-Anschluss muss kein Kabel mehr mitgeführt werden. Damit lassen sich die Gleichstrom-Ladesäulen des Automobilnetzes nutzen. Das Motorrad soll seinen Akkustand in 30 Minuten von 20 auf 80 % erhöhen können. Diese Funktion verändert die Ausgangslage gegenüber Konkurrenzmodellen deutlich: Diese ermöglichen bestenfalls das Laden über einen Typ-2-Stecker, was umständlicher und erheblich langsamer ist.
Konkret lautet das Versprechen: 80 km entspannt hinfahren, während der Mittagspause laden und anschließend wieder zurückfahren. Gleiches gilt für Besorgungen oder einen kurzen Umweg für einen Kaffee, sofern sich eine Schnellladesäule in der Nähe befindet. Die Honda WN7 ist derzeit das günstigste Motorrad mit CCS2-Anschluss.
Hoher Preis ohne staatliche Förderung
Während Autofahrer jahrelang von Umweltprämien profitieren konnten, wurde das Motorrad großzügig übergangen. Derzeit gibt es keine Förderung, welche die Rechnung reduziert. Für die WN7 werden daher 14.999 € fällig, alternativ 199 € pro Monat nach einer Anzahlung von 1710 €. Gegenüber Maschinen mit Verbrennungsmotor mag dieser Preis hoch erscheinen, im Vergleich zum Elektromotorradmarkt und angesichts des Honda-Angebots mit CCS2-Schnellladung ist er jedoch nachvollziehbar.
Das Motorrad verfügt inklusive Batterie über eine sechsjährige Garantie ohne Kilometerbegrenzung und benötigt nur wenig Wartung: Alle 10.000 km stehen Kontrollen der Verschleißteile wie Bremsen und Reifen an, bei 40.000 km werden Flüssigkeiten und Riemen gewechselt. Dank der Stärke von Honda könnte dies durchaus ein Elektromotorrad sein, das seinen Wert mittelfristig behält. Wer ist also bereit, den Schritt zu wagen?
Honda WN7
14.999 €
| Gesamtwertung | Bewertung |
|---|---|
| Honda WN7 | 7.3 |
| Kategorie | Bewertung |
|---|---|
| Design und Verarbeitung | 8.0/10 |
| Leistung | 7.0/10 |
| Komfort und Handlichkeit | 7.0/10 |
| Reichweite und Laden | 7.0/10 |
| Preis-Leistungs-Verhältnis | 7.5/10 |
Das gefällt uns
- CCS2-Schnellladen
- Straßenlage
- Leiser Betrieb
- Bremsanlage
- Allgemeine Qualität
Das gefällt uns weniger
- Zu harte Sitzbank
- Kunststoffanmutung an einigen Stellen
- Reichweite mitunter knapp
- USB-Anschluss unter der Sitzbank
- Älteres Display, kein CarPlay / Android Auto
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