Auf den ersten Blick ist dies ein weiterer Restomod: ein Land Rover Defender, der von den niederländischen Individualisierern The Landrovers restauriert und mit einem glänzenden neuen Antriebsstrang sowie üppigen Leder- und Aluminiumdetails versehen wurde. Bis hierhin also vertrautes Terrain. Doch halt – so einfach ist es nicht.
Wer den Weg einschlägt, den drei Viertel der Kundschaft von The Landrovers wählen, erhält einen Defender mit V8-Motor aus der Corvette: von einem LS3 mit 450 PS bis zum LT4 mit 650 PS. Gekoppelt wird er an ein Automatikgetriebe, was für jene ungestüme Beschleunigung und den dröhnenden Sound sorgt, mit denen eine kantige und eindeutig nicht aerodynamische Defender-Karosserie gerade noch Schritt halten kann.
Die in den Niederlanden gebauten Fahrzeuge starten bei den für Restomods üblichen Summen – umgerechnet rund 335.000 £ –, doch der Preis steigt rasch, sobald sich die 28 jährlichen Käufer mit den nahezu unbegrenzten Möglichkeiten der hochwertigen Individualisierung beschäftigen. Die Auswahl ist so persönlich, dass jeder Auftrag einen eigenen Namensschriftzug und eine markante Uhr im Armaturenbrett erhält; beides gestalten die Käufer gemeinsam mit dem jungen, temperamentvollen Designteam von TLR anhand von Moodboards.
Ein Viertel der Kunden verfügt allerdings über noch üppigere Budgets – und kann dann den hier abgebildeten, vollelektrischen The Landrovers Panterra wählen. Elektromods sind keineswegs neu, entgehen aber selten Kontroversen. Werden überholte Tesla-Batterien in einen alten 911 oder E-Type eingebaut, zieht das im Internet oft Hass an, der sonst meist Politikern vorbehalten ist.
The Landrovers Panterra: weit mehr als ein Elektro-Umbau
Beim Panterra handelt es sich jedoch nicht bloß um einen Antriebstausch. TLR hat sieben Jahre auf diesen Moment hingearbeitet und unter der bekannten Landie-Silhouette beinahe jedes Bauteil neu entwickelt, um der Tiefe der erarbeiteten Technik wirklich gerecht zu werden.
Neue Befestigungspunkte nehmen eine vollständig unabhängige Radaufhängung auf. Sie ist erforderlich, um die vier Radnabenmotoren zu beherrschen, die adaptives Torque Vectoring über das gesamte Fahrwerk ermöglichen. Zur Wahl stehen Luftfedern oder Coilover-Federn. Hinzu kommen eine neue elektrische Lenkung mit deutlich direkterer Übersetzung sowie die nicht unwesentlichen Angaben von 600 PS und 6.400 Nm. Damit soll der 2.900 kg schwere Wagen in 5,5 Sekunden auf 100 km/h sprinten – ein geradezu unwirkliches Erlebnis bei einer solchen Masse.
Schwer ist er tatsächlich: Der Panterra ist noch kein elektrischer G-Wagen, kommt ihm aber sehr nahe. Verantwortlich dafür sind 200 kWh Batteriekapazität, die die Ingenieure in jeden verfügbaren Winkel gepackt haben. Immerhin liegt die Gewichtsverteilung nahe bei 50:50, weshalb das Handling nicht übermäßig unhandlich wird. Dennoch möchte man ihn nicht so forsch bewegen wie den Ferrari Purosangue, der in einer ähnlichen Preisklasse liegt.
Diese Kunden sind schließlich wohlhabend, und die angegebene Reichweite von 604 km ist nötig, damit sie nicht allzu verlegen über den jüngsten Neuzugang in ihrer Garage sprechen müssen. Viele nutzen ihre Fahrzeuge zudem wirklich: Nach einem anstrengenden Sommer voller Abenteuer schicken sie sie jeden Winter zur Pflege zurück zum Amsterdamer Standort von The Landrovers. Beim Potenzial für lange Reisen durfte der Panterra daher keinesfalls nur eine kuriose Fußnote neben dem V8 sein.
Komfort, Rekuperation und Fahrverhalten des Panterra
Angesichts der Investition ist es erfreulich, dass er sich ausgesprochen kompetent fährt. Die Luftfederung dieses Exemplars namens „Rica“ verleiht ihm in der Stadt einen höflichen, gelassenen Charakter. Gleiches gilt für die ordentlichere und präzisere Lenkung gegenüber den benzinbetriebenen Landies von TLR. Das ist ein klassischer Defender, mit dem man entspannt Besorgungen erledigen kann, ohne dass er einem auf die Nerven geht – ein Eindruck, den Antriebsstrang und Gaspedalabstimmung zusätzlich verstärken.
Das Pedal reagiert so linear, dass es sich in der Stadt, auf der Autobahn und überall dazwischen mühelos dosieren lässt. Wer einen solchen Wagen ins Gelände führt, dürfte von der präzisen Leistungsabgabe profitieren. Außerdem gibt es drei Rekuperationsstufen; wahrscheinlich lässt man das Touchscreen-Menü geöffnet, um während der Fahrt zwischen ihnen umzuschalten.
„Das ist ein klassischer Defender, mit dem man entspannt Besorgungen erledigen kann“
TLR entwickelte die Software für das Zentraldisplay selbst. Tatsächlich stammt mit Ausnahme des modernen Defender-Wählhebels nahezu jedes Bauteil aus eigener Entwicklung, und die Systeme arbeiten hier schneller und weniger frustrierend als viele entsprechende OEM-Lösungen. Der Panterra beweist, dass wirkliches „Bespoke“ weit über seltene Lederarten oder extravagante Lackmuster hinausgeht: Die Spezialisierung jener Komponenten, die man nicht sieht, kann das Fahrgefühl grundlegend verändern.
Bei den Änderungen unter dem Blech würde ich allerdings gern einen Panterra mit Coilover-Fahrwerk ausprobieren, um zu sehen, ob es die Karosseriebewegungen stärker beruhigt. Die Präzision des Antriebs verleitet gelegentlich zu einem Tempo, das das auf Komfort ausgerichtete Setup etwas überfordert und die clevere Arbeit des Torque Vectoring darunter kaschiert. Straffer abgestimmte Federn und straßenorientierte Reifen könnten diesem Fahrzeug echte Kurvenqualitäten entlocken. Auch wenn das letztlich wohl nie seine Hauptdisziplin sein wird …
Preis, Interieur und Zukunft der Radnabenmotoren
Für den Elektroantrieb verlangt TLR weitere 100.000 €, womit der Einstiegspreis knapp unter einer halben Million Euro liegt – beziehungsweise bei etwa 425.000 £. Das ist viel Geld, doch dieser Marktbereich floriert: In 15 Geschäftsjahren hat das Unternehmen mehr als 250 Fahrzeuge gebaut und produziert derzeit 28 pro Jahr, wobei jedes einzelne 3.000 Arbeitsstunden erhält.
Auch der Innenraum ist passend hochwertig. TLR ersetzt sämtliche serienmäßigen Kunststoffteile – etwa die Türgriffe – konsequent durch schön gefrästes Aluminium. Das verbessert nicht nur die Qualität, sondern ermöglicht auch, Teile bei Bedarf einfach aus dem regulären Land-Rover-Teileregal zu ersetzen, falls man in einer abgelegenen Gegend der Welt feststeckt. Leder, Teppiche und Nähte bemühen sich sichtbar, dem Preisschild gerecht zu werden. Die eigenen Sitzuntergestelle des Unternehmens schaffen zudem etwas mehr Beinfreiheit als zuvor, auch wenn die Ellbogen unvermeidlich weiterhin wenig Platz haben.
Entscheidend ist jedoch vor allem, was der Panterra demonstriert. Die Technik unter der Oberfläche wirkt zu vielversprechend, um „nur“ auf restaurierte Defender beschränkt zu bleiben. „Unser Endziel war für ein so kleines Unternehmen wie unseres verrückt“, räumt Frank Tijs ein, der The Landrovers gemeinsam mit den Gründern Peter Zeisser und Daniel van Oort besitzt. „Wir haben einige große Ideen und einen neuen Investor, der dazukommt und unsere Plattform im Grunde in ein völlig neues Fahrzeugprogramm überführt.“
Radnabenmotoren – und das durch sie mögliche Torque Vectoring – nehmen in der Elektroautoindustrie bislang nur einen kleinen Platz ein, doch ihr Potenzial ist groß. Wohin dieses niederländische Unternehmen die Technologie als Nächstes führt, bleibt spannend. Also doch nicht einfach nur ein weiterer Restomod.
The Landrovers Panterra
Preis: ca. 425.000 £
Antriebsstrang: 4x Radnabenmotoren, 600 PS, 6.400 Nm, Allradantrieb
Batterie/Reichweite: 200 kWh/604 km
Fahrleistung: 0–100 km/h in 5,5 Sekunden, k. A. km/h
Gewicht: 2.900 kg
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