Anders als bei Testwagen aus dem Pressefuhrpark üblich, handelt es sich beim getesteten Volkswagen Tiguan nicht um eine Topversion mit Vollausstattung: Der Tiguan 1.5 TSI (131 PS) Life ist tatsächlich die günstigste Variante des SUV auf dem deutschen Markt.
Volkswagen verlangt etwas mehr als 34.000 Euro für sein (sehr) geräumiges Familien-SUV, doch „unser“ Tiguan liegt mit knapp 35.000 Euro etwas darüber. Verantwortlich dafür sind seine Extras, von denen es allerdings nur zwei gibt: Neben der weißen Lackierung ist lediglich das Digital Cockpit, also das digitale Kombiinstrument, an Bord.
Der Listenpreis liegt über dem seiner wichtigsten Konkurrenten. Berücksichtigt man jedoch die jeweilige Ausstattung, sammelt der Tiguan Life Punkte bei der Wettbewerbsfähigkeit: Zwar ist er die Einstiegsvariante, eine spartanische Ausstattung bedeutet das aber keineswegs.
Ganz im Gegenteil: Der Tiguan Life ist überraschend umfangreich ausgestattet und bietet sogar einige bei einem Basismodell eher ungewöhnliche Annehmlichkeiten. Dazu zählen die Drei-Zonen-Klimaautomatik, ein gekühltes Handschuhfach sowie eine umfangreiche Palette an Fahrassistenzsystemen, inklusive adaptivem Tempomat und selbsttätiger Einparkfunktion.
Die erweiterte Serienausstattung für alle Tiguan gehörte zu den Neuerungen des jüngsten Facelifts. Neben zusätzlicher Ausstattung erhielt das Modell auch optische Änderungen: Front und Heck wurden mit neuen Stoßfängern, serienmäßigen LED-Scheinwerfern, einem überarbeiteten Kühlergrill und LED-Rückleuchten neu gestaltet. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem der neue Tiguan eHybrid – den wir bereits gefahren sind – und der sportlichere Tiguan R.
Überzeugt der Einstiegsantrieb ebenso wie die Ausstattung?
Die kurze Antwort lautet: nicht wirklich. Der Volkswagen Tiguan zählt weder zu den kompaktesten noch zu den leichtesten Fahrzeugen seines Segments. Mit mehr als 1500 kg selbst bei alleiniger Besetzung durch den Fahrer oder die Fahrerin wirkt der 1.5 TSI mit 131 PS und 220 Nm etwas knapp dimensioniert. Das zeigt sich rasch in unterschiedlichen Situationen, etwa wenn an Steigungen zum Halten des Tempos ein Gang zurückgeschaltet werden muss oder beim Überholen Leistungsreserven gefragt sind.
Die Fahrleistungen sind nicht mehr als ordentlich, was jedoch nicht gegen den 1.5 TSI selbst spricht. Wie in anderen bereits von uns getesteten Modellen und Ausführungen – neben dieser 130-PS-Variante gibt es auch eine mit 150 PS – erweist sich der Motor auch hier als sehr kompetente und effiziente Einheit. Sein „Sweet Spot“ liegt zwischen 2000 U/min und 4000 U/min: In diesem Bereich spricht er besonders spontan an, praktisch ohne Turboloch, und wirkt lebhaft. Bei Bedarf dreht er auch problemlos über 5000 U/min hinaus, wo er seine maximale Leistung erreicht.
Zum Motor passt das Sechsgang-Schaltgetriebe sehr gut. Seine Übersetzung ist stimmig, und obwohl Schaltwege, Geschwindigkeit und Gefühl nicht als Maßstab gelten, arbeitet es insgesamt sehr angenehm.
Auf Landstraßen und bei Geschwindigkeiten unter 100 km/h zeigte sich der 1.5 TSI mit 131 PS zudem sparsam: Verbräuche um fünf Liter sind möglich. Unter bestimmten Bedingungen kann er zwei Zylinder abschalten und so noch einige Zehntel einsparen. Wird der Motor stärker gefordert, etwa um die Masse des Tiguan im Stadtverkehr in Bewegung zu bringen, steigt der Verbrauch problemlos auf acht Liter und etwas mehr. Im gemischten Betrieb aus Stadt, Landstraße und Autobahn lag der Endverbrauch bei 7,0-7,5 l/100 km.
Volkswagen Tiguan mit französischer Note …
Umso deutlicher wirkt der Motor etwas „kurzatmig“, weil sich das deutsche SUV als ausgesprochen guter Langstreckenwagen präsentiert, der lange Etappen am Stück mit viel Komfort und Raffinement bewältigt. Die ersten Kilometer am Steuer des Tiguan waren zugleich aufschlussreich und überraschend: Besonders auffällig waren seine Sanftheit bei den Bedienelementen und sein geschmeidiges Abrollen. Fast könnte man ihn für ein französisches statt für ein deutsches Modell halten.
Das steht im deutlichen Gegensatz zur üblichen Wahrnehmung deutscher Autos, die oft wirken, als seien sie aus einem massiven Materialblock geformt. Das äußert sich normalerweise in schwereren Bedienkräften und einem strafferen Fahrverhalten, vor allem im Vergleich mit ihren Wettbewerbern.
Bei diesem Tiguan ist das anders. Selbst gegenüber dem kompakteren und leichteren Golf, den ich ebenfalls getestet habe, fällt auf, dass das SUV nicht nur deutlich leichtere Bedienelemente besitzt. Seine Federung vermittelt auch den Eindruck, über viele Fahrbahnunebenheiten beinahe hinwegzugleiten. Diese Eigenschaft dürfte meiner Ansicht nach wesentlich mit den montierten Reifen beziehungsweise ihren Dimensionen zusammenhängen.
Der Tiguan Life fährt serienmäßig auf 17-Zoll-Rädern mit vergleichsweise schmalen Reifen der Größe 215/65 R17. Das bildet einen deutlichen Kontrast zu den wesentlich größeren und, zugegeben, attraktiveren 19-Zoll-Rädern mit 255/45-Reifen des Tiguan R-Line beispielsweise. Erst das großzügige 65er-Profil schafft das notwendige „Luftpolster“ für den sanften Federungskomfort dieses SUV.
… und dennoch grundsolide deutsch
Im Gegensatz zu manchen komfortablen französischen Modellen ist dieser ebenfalls komfortable Deutsche in bestimmten dynamischen Disziplinen überlegen. Komfort und Geschmeidigkeit gehen nicht zulasten von Präzision, Kontrolle oder fahrdynamischer Wirksamkeit, wenn das Tempo auf kurvenreichen Straßen steigt. Gerade wenn man ihn stärker fordert, zeigt sich, dass hinter seiner scheinbar französischen Sanftheit weiterhin die erwartete deutsche Solidität steckt.
Dann bleibt er jederzeit präzise, progressiv und vorhersehbar, reagiert sehr bereitwillig auf Lenkbefehle und hält die Karosseriebewegungen stets gut unter Kontrolle. Bedauerlich ist lediglich der nahezu fehlende Halt der Sitze, sowohl seitlich als auch im Beinbereich – komfortabel sind sie hingegen durchaus. Der Volkswagen Tiguan ist eher effizient als unterhaltsam, doch er ist eben ein SUV für die Familie und nicht mehr.
Für die Familie
Ansonsten ist er weiterhin der Volkswagen Tiguan, den wir seit 2016 kennen, und behält seine sehr guten Eigenschaften für den Familienalltag. Gemeint ist natürlich das großzügige Platzangebot im Innenraum. Die zweite Reihe ist leicht zugänglich und bietet viel Raum für Beine und Kopf. Nur der mittlere Passagier oder die mittlere Passagierin muss mit einem festeren Sitzplatz und dem ausgeprägten Mitteltunnel leben.
Die Rücksitze lassen sich zudem in Längsrichtung verschieben, und auch die Neigung ihrer Lehnen kann eingestellt werden. Der Kofferraum zählt ebenfalls zu den größten im Segment, kann es mit einigen Kombis aufnehmen, und die Rücksitze lassen sich direkt vom Gepäckraum aus umklappen – eine ausgesprochen praktische Lösung.
Er verfügt weiterhin über einen der solidesten Innenräume seiner Klasse, auch wenn einige „Innovationen“ bedauerlich sind, etwa die neuen Bedienelemente der Klimaanlage. Sie befinden sich zwar nach wie vor außerhalb des Infotainmentsystems, bestehen nun aber aus berührungsempfindlichen Flächen. Im Vergleich zu herkömmlichen Drehreglern sind sie weniger einfach zu bedienen, weil sie mehr Präzision und Aufmerksamkeit verlangen.
Ist der ~~Wagen~~ Tiguan der richtige für mich?
Der günstigste Volkswagen Tiguan, den man kaufen kann, erwies sich sowohl wegen seiner Serienausstattung als auch wegen seines Komforts, seiner Sanftheit und seines Raffinements als angenehme Überraschung. Sein Motor verhindert jedoch eine uneingeschränkte Empfehlung. Das liegt nicht an einem Mangel an Qualitäten des 1.5 TSI, denn davon hat er viele, sondern an den bescheidenen Zahlen dieser Version. Wird der Tiguan wie vorgesehen als Familienauto genutzt und häufig mit Personen sowie Gepäck beladen, sind die 131 PS letztlich etwas knapp.
Ohne die Benzinmotoren zu verlassen, lautet die Lösung der Wechsel zur Variante mit 150 PS und 250 Nm. In Deutschland ist sie allerdings nur mit dem DSG-Doppelkupplungsgetriebe erhältlich, das viele bei einem solchen Fahrzeug ohnehin bevorzugen. Sie ist jedoch auch teurer: Der 1.5 TSI mit 150 PS startet bei ungefähr 37.500 Euro.
Die andere Möglichkeit ist die entsprechende Dieselversion, der 2.0 TDI mit 122 PS. Obwohl er noch weniger Leistung bietet, stellt er 100 Nm mehr Drehmoment bereit, was vor allem bei hoher Beladung einen Unterschied macht. Das Problem ist jedoch … der Preis: Der 2.0 TDI beginnt bei fast 40.000 Euro. Wirklich sinnvoll ist er nur für „Kilometerfresser“.
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