Von Paris nach Tokio: Mit einer eher günstigen Fluggesellschaft kommt man schon für rund 300 Pfund ans Ziel. Für diesen Preis gibt es allerdings womöglich einen kostenlosen 20-stündigen Zwischenstopp sowie den Abdruck des Ellenbogens des Sitznachbarn im Ohrläppchen.
Oder man steigt einfach in seinen Peugeot 104 und fährt los. Darf ich vorstellen: Renan Favigny.
Wer unbedingt zwischen den französischen und japanischen Hauptstädten mit dem Auto unterwegs sein will, findet zweifellos besser ausgestattete Fahrzeuge für die knapp 12.875 Kilometer lange Strecke. Warum Renan ausgerechnet mit einem heruntergerockten Peugeot 104 aufbrach? Seine Erklärung: „Jeder könnte es mit einem teuren Camper machen. Die Leute geben Zehntausende Euro für Ausrüstung aus. Ich wollte herausfinden, ob es auch mit etwas klappt, das sich normale Menschen leisten können.“
Fotografie: Toby Thyer
Dieser spezielle 104 war tatsächlich Renans erstes Auto. Vor zehn Jahren kaufte er ihn in der Bretagne für 1.000 €, völlig im Serienzustand. Betrachtet man den Wagen heute, würde man diesen Betrag vermutlich nicht mehr zahlen, doch Renan beteuert, dass er bis vor wenigen Monaten in tadellosem Originalzustand gewesen sei. Eine interkontinentale Fahrt hinterlässt eben Spuren.
Mit dem Peugeot 104 auf ersten Langstreckenfahrten
Renans erste Expedition über eine längere Distanz führte ihn von Paris in die schottischen Highlands. Beim ersten Versuch blieb er allerdings schon acht Kilometer hinter Dover liegen. Er wollte sich und seinen Peugeot nicht von den Britischen Inseln besiegen lassen, also startete er einen zweiten Anlauf. Dieses Mal gelangte er sicher hinter die Mauer und wurde mit kräftigem Haggis sowie dem durchdringenden Klang von Dudelsäcken empfangen.
„Ich wollte schon immer ein großes Abenteuer erleben. Ich liebe es, Dinge von Grund auf und mit fast keinen Mitteln oder Werkzeugen zu machen“, sagt er. „Noch bevor ich meinen Führerschein hatte, verstand ich nicht, warum Menschen ihr Auto nicht für Reisen ins Ausland nutzten. Ich wollte wissen, ob ein ganz normaler Typ ohne mechanische Kenntnisse und mit begrenztem Budget das schaffen könnte.“
Im Herbst 2024 traf Renan seine Vorbereitungen und belud den 104 mit einem Solarpanel sowie einer Powerbank, um seine Gadgets und Kameraausrüstung aufzuladen. Vernünftigerweise nahm er außerdem ein Zelt, einen Rucksack voller Kleidung und einige Ersatzteile für den Peugeot mit. Was sollte da schon schiefgehen?
Bereits am zweiten Tag hatte Renan einen Platten. Am dritten Tag begann Benzin aus dem Tankeinfüllstutzen herauszuströmen. Beides ließ sich unkompliziert reparieren, und Renan verlor nicht den Mut, denn seiner Ansicht nach „kann man einem 50 Jahre alten Auto nicht vorwerfen, dass es gegen eine transkontinentale Reise protestiert“.
Über die Türkei und Kasachstan nach Russland
Die nächsten Länder durchquerte er ohne Probleme – weder für den Fahrer noch für den betagten Peugeot. Dann stand Renan jedoch vor einer großen Entscheidung: Sollte seine Route durch China oder durch Russland führen? Dass er Russland statt China wählte, lag letztlich allein daran, dass man für Fahrten in Nordkorea oder China einen chinesischen Führerschein benötigt – und Renan konnte einen solchen schlicht nicht bekommen.
Seine Entscheidung, stattdessen durch Russland zu fahren – ebenfalls nicht gerade Disneyland –, wirkt plötzlich geradezu naheliegend und vernünftig. Allerdings befand sich der einzige garantiert mögliche Grenzübergang in das Land in Georgien. Deshalb musste er über die Türkei nach Süden und durch Kasachstan wieder nach Norden fahren, anstatt die direktere Route über Polen und Lettland zu nehmen.
Doch natürlich läuft nie alles einfach: In Kasachstan stellte Renan fest, dass es überraschend schwierig war, einen Platz für sein Zelt zu finden. Er suchte die örtliche Polizei auf und fragte zu deren großer Verwunderung, wo er sein Lager aufschlagen könne. Die Beamten empfahlen ihm daraufhin den Marktplatz der Stadt. Ziemlich öffentlich, aber zumindest praktisch für den Einkauf.
Unfall in Russland und Ankunft in Tokio
Zurück auf der Straße verschlechterte sich die Lage, als Renan Russland erreichte. Er war in einen Unfall verwickelt: Bei einem heftigen Auffahrunfall wurde der kleine 104 so zerknittert wie eine französische Bulldogge. Die Hinterachse war bis dorthin geschoben worden, wo eigentlich die Rücksitze sein sollten, und die Karosserie war vollständig demoliert – wie ein Akkordeon auf Rädern. Erschwerend kam hinzu, dass Russland zu diesem Zeitpunkt mitten im sibirischen Winter steckte. Die Arbeiten am beschädigten Peugeot gingen dadurch quälend langsam voran, sodass Renan seine Reise buchstäblich auf Eis legen und auf besseres Wetter warten musste.
Als das Heck des Peugeot schließlich erfolgreich und zu einem Schnäppchenpreis repariert war, fuhr Renan weiter ostwärts. Seine gewaltige Fahrt setzte er fort, bis er schließlich Wladiwostok erreichte. Dort erhielt er für sich und seinen 104 einen Platz auf einem Frachtschiff nach Busan in Südkorea.
Danach verlief der Rest der Reise einfach. Renan reservierte einen Platz auf der Autofähre von Busan über das Japanische Meer – dem größten physischen Hindernis der gesamten Route – und kam im Hochsommer in Japan an. Bei 38 °C und ohne Klimaanlage war es très unangenehm, doch das Ziel war nun greifbar.
Japan bedeutete einen völligen Kulturschock. Zunächst befürchtete Renan, die Menschen könnten auf einen alten, umweltschädlichen Peugeot negativ reagieren, doch er vertraute auf die menschliche Natur. Fast sofort begegnete er jemandem, der über ihn und seine Fahrt von Paris nach Tokio twitterte – dieser Tweet erzielte 10 Millionen Aufrufe. Er und der 104 wurden über Nacht zu Berühmtheiten, und Auto-Spotter suchten sie täglich auf.
Seine Bekanntheit erreichte ihren Höhepunkt, als bei seiner Ankunft in Tokio eine riesige Menge auf ihn wartete, darunter der CEO von Peugeot Japan. Und wie feierte der Peugeot? Er setzte seine Benzinpumpe außer Gefecht und weigerte sich, auch nur einen weiteren Zentimeter zu fahren. Respekt. Da fragt man sich allerdings, wie Renan wieder nach Hause kommen will.
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