Zum Inhalt springen

Encor Series 1: Der faszinierende Lotus Esprit Restomod

Silberner Sportwagen mit futuristischem Design vor roter beleuchteter Wand im Showroom.

Noch ein Restomod? Jeder Anflug von Ermüdung verfliegt in dem Moment, in dem man den Encor Series 1 sieht. Der Name klingt zwar nach einem Kopierer, doch nur wenige Autos wirken bereits ab Werk derart atemberaubend.

Natürlich hilft es enorm, dass er den ursprünglichen Lotus Esprit „neu abmischt“ – jenes Statement-Auto der 1970er, das Colin Chapmans unkonventionelles Ingenieurdenken mit Giorgetto Giugiaros kühner Designvision verband. Weltberühmt wurde er, als ein gewisser James Bond ihn in Der Spion, der mich liebte ins Tyrrhenische Meer fuhr. Ein ziemlich starkes Alleinstellungsmerkmal.

Encor besteht aus ehemaligen Führungskräften von Aston Martin und Lotus sowie dem britischen Ingenieurunternehmen Skyships und widmet sich damit einem sehr modernen Leiden. Neue Autos mögen schnell und intelligent sein, doch sie sind zugleich schwer, kompliziert und häufig übermotorisiert. Dieses neue Fahrzeug ist deshalb ebenso eine Philosophie wie ein Auto. Es hebt jene Eigenschaften hervor, die den ursprünglichen Esprit so cool machten – das Keildesign und sein verblüffend agiles Fahrwerk – und beseitigt zugleich seine Schwächen. Vor allem steht es für die Überzeugung, dass 400 PS in einem Auto mit weniger als 1.200 kg Gewicht völlig ausreichen.

Fotografie: Olgun Kordal

Encor Series 1: Esprit V8 als technische Basis

Möglich wird das, weil Encor selbstverständlich ein Spenderfahrzeug verwendet und nicht an die verschachtelten Emissions- und Sicherheitsvorschriften gebunden ist. Obwohl der Wagen wie ein Esprit S1 aussieht, steckt darunter tatsächlich ein 3,5-Liter-V8 aus den letzten Produktionsjahren, die bis 2004 reichten. Dynamisch und leistungsmäßig der Höhepunkt des Esprit.

Der Type-918-Motor besaß einen Aluminiumblock, eine Flachkurbelwelle, 32 Ventile und zwei Turbolader. Das hintere Transaxle-Getriebe stammte ursprünglich vom Renault 25, schaltete aber selbst nach umfangreichen Lotus-Modifikationen nie besonders geschmeidig. Robust war es ebenfalls nicht. Tatsächlich reduzierte Lotus das V8-Potenzial von über 500 PS auf 350 PS, damit das Getriebe nicht zerstört wurde. Vom Spenderauto übernimmt Encor die Grundlagen: das Stahl-Rückgratfahrgestell, den Motorblock, das Getriebegehäuse und einige Nebenaggregate. Mit nachvollziehbarer Begründung betont Encor, dass sein S1 im Grunde ein Neuwagen sei.

Dan Durrant, der das Exterieurdesign des Lotus Emira leitete, hat die ursprüngliche Form bewahrt. Wegen des V8-Antriebsstrangs ist der Wagen jedoch breiter und massiger als Giugiaros schlanker Pfeil aus der Mitte der 1970er.

Die umlaufende Linie auf mittlerer Höhe des S1 ist verschwunden; sie diente ursprünglich lediglich dazu, die Verbindung der beiden Hälften der GFK-Karosserie zu kaschieren. Auch die Türgriffe des Morris Marina gehören der Vergangenheit an. Die Klappscheinwerfer leben nun als flache LED-Projektoren weiter. Die Verglasung wurde größtenteils erneuert und schließt bündig mit der neuen Karosserie ab. Solche Details gehörten in den 1970ern nie zu den Stärken von Lotus. Hier sind die Spaltmaße eng und die Toleranzen millimetergenau.

Carbon-Karosserie und modernisiertes Fahrwerk

Und es wird noch besser: Die Karosserie des Esprit S1 war strukturell kaum steifer als ein Dessert und bot nur minimalen Überschlagschutz. Diese Version besteht aus Carbonfaser und wurde von KS Composites in Leicestershire gefertigt. Das Unternehmen verantwortet auch die Verbundwerkstoffe des GMA T.50 – ein Gütesiegel erster Klasse. „In gewisser Weise ist es ein Design-Cheatcode“, erklärt Durrant. „Mit Carbonfaser lassen sich Formen erzeugen, die sich mit herkömmlichen Verfahren nur schwer aus Stahl herstellen ließen. Außerdem ermöglicht sie uns ein sehr hohes Maß an Präzision.“ Tatsächlich ist der Encor S1 so verwindungssteif, dass er das Rückgratfahrgestell – abgesehen vom Erhalt seiner Identität – nicht benötigt. Das Original war verzinkt; hier wurde es zusätzlich dampfgestrahlt und beschichtet. Korrosion sollte daher kein Thema sein.

Der Motor erhält geschmiedete Kolben, neue Turbolader, neue Verdichterräder, eine neue Drosselklappe sowie eine elektronische Drosselsteuerung in einem maßgeschneiderten Aluminiumgehäuse. Das Original lief im Leerlauf rau, doch eine neue Motorsteuerung soll das beseitigen. Eine neue Abgasanlage soll zudem den Klang verfeinern. Auch das Getriebe wurde deutlich aufgewertet: Neue Zahnräder, Synchronringe und Buchsen kommen zum Einsatz. Ergänzt werden sie durch eine Zweischeibenkupplung und ein Quaife-Sperrdifferenzial, das die ohnehin ausgeprägten Handlingtalente verstärkt. Daran mangelte es dem Esprit V8 ohnehin nicht. Gleiches gilt für die hydraulische Servolenkung, die überholt statt verändert wurde.

Esprits sind für Überhitzungsprobleme berüchtigt, weshalb der Encor neue Kühler erhält. Hinten wird Kühlluft über Einlässe neben den hinteren Seitenscheiben zum Motor geführt. Ein schmaler Streifen am oberen Rand der Heckklappe verbessert die Kühlung zusätzlich. Weitere Kanäle unter dem Fahrzeug leiten heiße Luft ab.

Das Fahrwerk verfügt über neue Radträger, Bilstein-Stoßdämpfer und Ibax-Federn. Verbaut sind außerdem neue Bremsen mit Sechskolben-Bremssätteln vorn und Vierkolben-Bremssätteln hinten; die frühere Fliegerhandbremse wurde durch eine elektrische Feststellbremse ersetzt. Die Räder werden aus Aluminiumblöcken gefräst: 17 Zoll vorn, 18 Zoll hinten. Bereift ist der Wagen mit Bridgestone Potenza, dem modernsten verfügbaren Reifen für diese klassisch dimensionierten Räder. Die Reifenflanken bleiben bewusst hoch, um den Gesamtkomfort zu bewahren. Lotus ist dafür bekannt, Autos zu bauen, die mit der Straße „atmen“ – und dieser hier wird das ebenfalls tun.

Innenraum, Technik und Exklusivität des Encor Series 1

Der Encor besitzt eine vollständig neue elektrische Architektur, während das Infotainment auf demselben System basiert, das GMA und Pagani verwenden. Damit bietet er nicht nur eine Konnektivität, die jeden Esprit-Besitzer sprachlos machen dürfte, sondern sollte auch zuverlässig sein. Genau das ist schließlich das Kerngeschäft von Skyships.

Der Türöffner versteckt sich in den Lufteinlässen, danach steigt man tief in einen Innenraum hinab, der umfassender umgestaltet wurde als bei jedem Restomod, in dem wir je gesessen haben. Das Instrumentengehäuse wirkt vertraut, besteht nun jedoch aus zwei Teilen aus Aluminiumblöcken. Die Halterungen sind kunstvoll ausgeführt. Das Lenkrad ist neu, übernimmt aber das markante Design des S1. Die komplette Armaturenbrettstruktur besteht aus Carbonfaser, und an den Schwellern ist sichtbares Carbon zu sehen. Das vereinfacht und erleichtert die Türstruktur. Ein zentraler Touchscreen sowie eine neue Klimaanlage mit verdeckten Luftauslässen vollenden diese Mischung verschiedener Generationen.

Dann fällt der hoch positionierte Schalthebel auf, ganz im Sinne von Colin Chapmans Vorliebe, mit einem Knauf aus Eichenholz. Ebenso eigenwillig und gerade deshalb brillant ist die Karostoff-Ausstattung. Sie erinnert ebenfalls an das Original und daran, dass sich der Zukunftsblick von Lotus nicht nur auf seine revolutionären Formel-1-Autos bezog. Giugiaro zeichnete das Exterieur; im Innenraum ließen sich die Unternehmensdesigner von zeitgenössischer Streetwear und Vivienne Westwood inspirieren. Im Grunde Punks aus Norfolk. Eine 360°-Parkkamera ist eine willkommene Neuerung, ebenso wie ein hochwertiges Audiosystem, das ebenfalls von Skyships entwickelt wurde.

Lotus baute 1.237 Esprit V8, von denen nicht alle besonders gut erhalten sind. Encor ist dennoch zuversichtlich, die vorgesehenen 50 Fahrzeuge beschaffen zu können. Das Unternehmen will weder die begehrte Kleinserie Sport 350 noch andere unberührte Sammlerfahrzeuge zerschneiden. Ein Prototyp fährt bereits, das erste Kundenauto soll im April ausgeliefert werden. Encor hat zudem alles finanziert, ohne im Voraus Kundengeld zur Finanzierung des Projekts einnehmen zu müssen. Wie Singer und Kimera – dem kürzlich von Top Gear gekürten PCOTY – plant Encor ein umfassendes Kunden-Erlebnisprogramm.

„Zusammen haben wir mit vielen Kleinserienherstellern gearbeitet und gesehen, welchen Weg ein Unternehmen wie Pagani gegangen ist“, sagt Geschäftsführer Will Ives. „Wir besitzen oder besaßen außerdem alle Esprits und glauben, dass hier Platz für etwas wirklich Cooles ist. Es gibt derzeit einen Trend zurück zu Autos mit weniger Leistung und geringerem Gewicht, die sich wegen all der Vorschriften heute kaum noch neu bauen lassen.“

Der Encor wird außerdem extrem exklusiv sein, nicht zuletzt weil potenzielle Käufer rund 550.000 £ benötigen werden, um einen zu erwerben, einschließlich Spenderfahrzeug und lokaler Steuern. Das ist viel Geld für einen wiedergeborenen Esprit, doch die Umsetzung ist hier faszinierend. Nur sollte man ihn nicht unter Wasser fahren.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen