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Marc Philipp Gemballa Marsien im Test: Sportwagen für die Wüste

Blauer Porsche fährt mit Staubaufwirbelung auf sandiger Wüstenstrecke vor Gebirgslandschaft.

Uns ist buchstäblich die Straße ausgegangen. Gerade noch surften wir auf einer Drehmomentwelle, die ein von RUF getunter Porsche-Sechszylinder-Boxermotor liefert. Das turbogeladene Aufkochen ließ den Wagen beim Hochschalten auf dem heißen Asphalt ganz leicht tänzeln; jede winzige Stille zwischen den Gängen wirkte wie der Moment, bevor jemand ein Geheimnis verrät. Die Luft ist erfüllt vom Heulen einer Akrapovič-Titanabgasanlage, während die Vorbeifahrt glitzernde Sandkörner von der Fahrbahn absaugt. Herrlich.

Dann heißt es jedoch schlagartig: kräftig bremsen. Die breiten Reifen ächzen, weil sie nun Traktion in die entgegengesetzte Richtung aufbauen müssen. Die Straße liegt nicht unter einer sanften Schicht verwehten Sands, sondern endet abrupt: Bauarbeiten eingestellt, ein halber Meter Höhenunterschied hinab in die Düne. Als hätte die Wüste sie einfach abgebissen – ein Ende, das leicht mit einem Gesicht voller Airbag enden kann. Für die meisten Sportwagen wäre hier Schluss.

Für den Marc Philipp Gemballa Marsien fängt es hier erst an. Ein Knopfdruck genügt, und der Marsien hebt sich per Fahrwerk von 120 mm auf 250 mm Bodenfreiheit an. Für einen SUV nichts Besonderes, für ein Auto, das wie eine modernisierte Mischung aus Porsche 959 und einem GT-Modell aussieht, jedoch ausgesprochen großzügig. Und genau das ist er in gewisser Weise auch.

Fotos: Mark Riccioni

Marc Philipp Gemballa Marsien: ein Sportwagen für die Wüste

Und doch auch wieder nicht. Der Marsien wird als „Abenteuer-Sportwagen“ positioniert und nimmt sich die Paris-Dakar-Fahrzeuge vergangener Tage zum Vorbild. Das ursprüngliche Design stammt von Alan Derosier, dem Schöpfer des Porsche-908/04-Konzepts. Es ist das erste Auto von Marc Philipp Gemballa, der zweiten Generation eines im Porsche-Tuning sehr bekannten Namens. Marc ist der Sohn von Uwe Gemballa, dem Gründer des ursprünglichen Unternehmens. Diese Gesellschaft befindet sich heute allerdings in anderer Hand, weshalb Marcs eigenständiges Unternehmen bewusst klar abgegrenzt wird.

Der Marsien – das französische Wort für Marsmensch – markiert den Auftakt zu etwas, das sich wie eine reizvolle Wiedergeburt durch die nächste Generation anfühlt. Entwickelt wurde er im roten Sand der VAE, der ein wenig an die Oberfläche des Mars erinnert. Weder Restomod noch klassisches Tuningfahrzeug, ist er eine auf 40 Exemplare limitierte Kleinserie.

Dieses Exemplar basiert auf der technischen Grundlage eines aktuellen Porsche Turbo S. Seine Karosserie besteht vollständig aus Carbonfaser und wird von einem Unternehmen gefertigt, das fünf verschiedene Formel-1-Teams beliefert. Jedes einzelne Karosserieteil wurde verändert. Den Motor überarbeitet die Tuninglegende RUF: serienmäßig auf 750 bhp/686 lb ft, optional auf 830 bhp. Das verstellbare Fahrwerk kommt von KW Automotive; alternativ ist ein starres, rallyeartiges Fahrwerk von Rieger mit fester Bodenfreiheit erhältlich. Hinzu kommt eine komplett neu konstruierte Doppelquerlenker-Aufhängung mit grundlegend anderer Kinematik, anderen Verschränkungseigenschaften, Antriebswellen – schlicht allem.

Sogar die Radhäuser wurden umgeformt und die Ladeluftkühler versetzt. Die modifizierten Antriebswellen nehmen nun Cayenne-Achsschenkel auf, um mehr Beweglichkeit zu ermöglichen. Vorn sitzt ein Kühler hinter dem Lufteinlass in der Nase, darunter schützt ein vollständig ebener Unterfahrschutz aus Aluminium. Dazu kommt die maßgeschneiderte Akrapovič-Auspuffanlage. Selbst die Außenspiegel, die RSR-Rennwagen zitieren, sind Sonderanfertigungen; Gleiches gilt für die Türgriffe. Unter dem vorderen Deckel befindet sich außerdem ein fest integriertes Reifenkompressorsystem. Die Liste ließe sich fortsetzen, und jedes Teil ist TÜV-zugelassen – mit den deutschen Behörden ist schließlich nicht zu spaßen. Das hier ist weit mehr als ein bloßes Bodykit.

Trotzdem muss man dieses Auto draußen erleben. Seine Zielstrebigkeit macht es interessanter als einfach nur schön; es schafft sich eine ganz eigene Präsenz auf der Straße. Weder trägt es den schrillen Trainingsanzug eines modernen Mittelmotor-Supersportwagens, noch besitzt es die visuelle Teflonoberfläche eines aktuellen Restomods. Es ist etwas anderes. Der Marsien wirkt nicht wie ein Tuningauto, nicht wie „modifiziert“. Im Heckspoiler finden sich natürlich Anklänge an den 959, während das Heck auch vage den 935 Moby Dick aufruft – als hätte der Marsien einen 992 911 verspeist. Alles gute Zeichen.

Noch überzeugender wird es, sobald man Verarbeitung und Details mit kritischem Blick prüft. Dann wird klar, dass der Marsien in vielerlei Hinsicht besser verarbeitet ist als die meisten Serienfahrzeuge der Hersteller selbst.

Innenraum und Straßenfahrt des Marsien

Im Innenraum regiert das Prinzip „weniger ist mehr“. Alles ist sehr Porsche – und das ist keineswegs ein Nachteil, schließlich baut Porsche möglicherweise die ergonomischsten und logischsten Cockpits der Welt. Auch der Marsien vermittelt diese Qualitätsanmutung, die an einen sorgfältig polierten Hartholzboden erinnert. Ja, es gibt eine erhöhte Mittelkonsole nach Vorbild des Carrera GT, attraktiv getöntes Carbon einschließlich Überrollkäfig – der auf Wunsch durch Rücksitze ersetzt werden kann –, Stoffschlaufen aus der GT-Reihe an den Türen und einige Logos. Doch statt einer Apokalypse aus nervösem Furnier und fragwürdigen Stoffen handelt es sich um eine geschmackvolle, vernünftige Überarbeitung.

Entscheidend ist allerdings das Fahren. Geschmackvolles Design bringt wenig, wenn das Auto nicht abliefert. Porsche selbst bietet mit dem 911 Dakar bereits eine Interpretation dieses Konzepts an, die Messlatte liegt also hoch. Doch um gleich mit dem Besten zu beginnen: Der Marsien vermittelt auf Asphalt wie abseits davon ein einzigartiges Erlebnis – mit einem ganz eigenen Charakter.

Auf der Straße fühlt er sich wie ein Turbo S mit einem kleinen Extra an Schub an. Die Turbolader dieses Autos gehören nicht zur Sorte mit lang brennender Zündschnur: In erstaunlich wenigen Drehzahlmomenten wechseln sie von Ruhe zu aggressivem Pfeifen. Die „serienmäßige“ Ausführung nutzt einen von RUF entwickelten 750-bhp-Ableger des serienmäßigen 3,8-Liter-Biturbo-Sechszylinder-Boxermotors aus dem Porsche Turbo S; das Optionspaket liefert rund 830 bhp. Das reicht vollkommen aus, denn Marc Gemballa hält die unaufhörliche Jagd nach immer höheren Leistungswerten für ein ziemlich sinnloses Spiel.

Ein Auto muss schnell und spontan sein, selbstverständlich. Doch ordentlich schnell genügt. Schon nach wenigen Beschleunigungen im eingelegten Gang wird deutlich, dass der Marsien weit mehr als nur ordentlich schnell ist. Der Turbo S ist allerdings bereits ein extrem schnelles Auto, weshalb der Marsien geschickt zwischen einer leicht anspruchsvollen Maschine und völliger Absurdität balanciert. Ehrlich gesagt fährt er sich im Straßenmodus zudem unglaublich komfortabel und lässt sich völlig unkompliziert bewegen. Man könnte ihn tatsächlich täglich nutzen.

19 Minuten 6 Sekunden

In der Wüste zeigt der Marsien seine eigentliche Stärke

In der Wüste gibt es natürlich keine Straßen. Karten verändern sich dort, als wären sie lebendig; die Geografie bekommt gewissermaßen wanderlustige Füße und zieht umher, als schlüge ihr ein Herz – unbeeindruckt vom langsamen Fortschritt der Berge. In einem Auto wie diesem wird die gesamte Landschaft zu einer endlosen Auswahl möglicher Richtungen. Einfach hinzeigen und losfahren. Ein Haken nach links, und man erklimmt eine glühende Düne fast im 45°-Winkel. Nach rechts surft man auf einer staubigen goldenen Welle zum Grund einer flachen Schlucht. Geradeaus führen entweder ebene Sandflächen oder sich auftürmende Wellen einer Wüstenpiste, welche das Fahrwerk in beide Richtungen bis an seine Federwegsgrenzen fordern. Der Marsien gerät dabei zu keinem Zeitpunkt in Schwierigkeiten.

Natürlich bleibt er ein Sportwagen: Wirft man ihn in einem zu steilen Winkel auf eine Düne, wird der Frontsplitter zur Schaufel. Landet man zu hart, findet man irgendwann die Anschlagpuffer. Seine Fähigkeiten sind dennoch beeindruckend. Das Beste daran: Anders als ein Geländewagen pflügt sich der Wagen nicht durch die Landschaft. Er huscht vielmehr wie ein Insekt darüber, nutzt gewissermaßen die Oberflächenspannung, um auf dem Sand zu gleiten, statt sich in ihn hineinzuwühlen.

Traktion zu kontrollieren ist hier naturgemäß schwierig, weil der Sand sich nicht entscheiden kann, welche Art von Sand er sein möchte. Manche Passagen sind verdichtet und fest, andere glitzern und sind rutschig, wieder andere fühlen sich an wie das Waten durch Talkumpuder. An jedem Rad ist der Grip vermutlich – aber keineswegs garantiert – anders. Dass der Marsien nicht einfach in zunehmend sinnlosen Kreisen pirouettiert, spricht für Porsches Traktionsmanagement. Porsche leistet hervorragende Arbeit, auch wenn der Marsien mit deutlich anderer Software arbeitet.

Mit der Zeit vernebelt die Leichtigkeit des Ganzen das Gehirn, und man wird immer unvernünftiger. Erwähnenswert ist wohl, dass es beim blauen Testwagen ein sehr kleines Problem mit der Traktionskontrolle gab: Bestimmte Werte waren leicht verstellt, weshalb sich das System nicht vollständig deaktivieren ließ. Mitten in der Wüste war das nicht zu beheben. Glücklicherweise hatte MPG einen weiteren Marsien mitgebracht, dessen Traktionssysteme komplett abgeschaltet waren. Die Kombination aus Porsche-Allradantrieb und niedrigem Gewicht – der Marsien wiegt genauso viel wie ein normaler Turbo S – vermittelte uns sämtliche benötigten Fahreindrücke.

„Er hat die Avengers der Teilelieferanten und Ingenieurskunst versammelt, um für ein Debüt ein verdammt beeindruckendes Auto zu schaffen.“

Abseits befestigter Wege verhält sich dieser Performancewagen eher wie ein Wüstenbuggy und jagt unbekümmert durchs Gelände. Ja, wir haben ihn einmal festgefahren, doch das lag eher am Fahrer als am Auto. Und ja, die breiten All-Terrain-Reifen nehmen dem Fahren auf der Straße etwas Präzision. Kunden erhalten jedoch serienmäßig sowohl Straßen- als auch Offroad-Reifen, jeweils auf eigenen geschmiedeten Zentralverschlussrädern. Mit Straßenbereifung stehen 0–62 mph in 2.6 Sekunden sowie 208 mph Höchstgeschwindigkeit auf dem Programm. Mehr als alles andere erinnert der Marsien an ein erwachsen gewordenes Rallycross-Auto, das inzwischen darauf achtet, wie es sich kleidet.

Wir verbrachten einige Tage mit dem Serien-Marsien, dem Prototyp und dem Team dahinter. Und es gibt vieles, das überzeugt. Marc Gemballa ist mit 31 ein junger CEO: engagiert, nachdenklich und detailverliebt. Seine persönliche Geschichte dürfte außerdem Autos mit eigener Erzählung und Herkunft hervorbringen. Vor allem aber hat er die Avengers aus Teileversorgung und Ingenieurwesen versammelt, um für ein Debüt ein verdammt beeindruckendes Auto zu schaffen.

Und was kostet das alles? Für einen Marsien braucht man einen Porsche 911 Turbo S (£168k als Neuwagen) sowie €500,000 (£414k zu aktuellen Wechselkursen). Daraus ergibt sich ein Gesamtpreis von grob £582,000. Im Optionskatalog steckt selbstverständlich noch reichlich Spielraum. Verglichen mit Restomods für mehrere Millionen Pfund wirkt das bei einer limitierten Kleinserie allerdings auffällig preiswert – ein 911 Dakar kostet £173k und wird 2,500 Mal gebaut. Es gibt nur ein Problem: Mindestens 40 wohlhabende Menschen sehen das offenbar ebenso, denn der Marsien ist bereits ausverkauft und vermutlich in den persönlichen Area 51 dieser Käufer verschwunden. Von Marc Gemballas Unternehmen wird jedoch noch mehr kommen. Und wenn dieser Marsmensch ein Maßstab ist, sollten wir eine Invasion willkommen heißen.

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