Besser spät als nie. Dass Renault sich so lange Zeit mit der Präsentation des Twingo Electric, der rein elektrischen Variante, gelassen hat, überraschte durchaus. Schließlich ist der „Cousin“ Smart bereits seit 2018 als Elektroauto erhältlich, und die französische Marke hat den Markt für kompakte Elektroautos in Europa in jüngerer Vergangenheit mit dem Zoe geprägt – dem 2020 auf unserem Kontinent meistverkauften Elektroauto.
Hinzu kommt das umfangreiche technologische Know-how innerhalb der Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi: Der Twingo Electric ist Renaults siebtes vollelektrisches Modell. Seine Technik entwickelt sich weiter und nutzt hier ein kompakteres Flüssigkeitskühlsystem für die Batterie, während alle früheren Elektroautos der Marke auf Luftkühlung setzten.
Renault begründet den späten Marktstart damit, dass der Zoe anfangs eine geringere Reichweite als heute bot und sich die beiden Modelle deshalb nicht ausreichend voneinander hätten abheben können.
Optisch unterscheidet sich der Stromer kaum von der Benzinversion. Zu den Erkennungsmerkmalen gehören eine spezielle Kühlergrill-Optik in Blau, diese Farbe an den Rädern sowie bei einigen Ausstattungen eine umlaufend lackierte Linie an der Karosserie. Dazu kommen die Z.E.-Logos für Zero Emissions – obwohl das Auto offiziell Twingo Electric heißt – an den Seiten und am Heck.
Die Ladebuchse sitzt an derselben Stelle wie der Tankstutzen beim Twingo mit Benzinmotor. Auch im Innenraum bleiben die Unterschiede zurückhaltend: Spezifische Individualisierungsmöglichkeiten gibt es über verschiedene Pakete oder über unterschiedliche Farben für die Einfassungen der Luftausströmer, das Lenkrad und den Wählhebel des Getriebes.
Sämtliche Kunststoffe fühlen sich hart an, was bei Fahrzeugen dieser Klasse üblich ist. Das Armaturenbrett kombiniert ein Instrumentendisplay mit analogem Tachometer und einem recht altmodisch wirkenden monochromen Bildschirm mit einem 7-Zoll-Display für die Steuerung und Anzeige aller Infotainment-Funktionen. Nutzer von Apple- oder Android-Smartphones können sich unkompliziert mit dem Twingo Electric verbinden; die üblichen Apps helfen zudem beim Lademanagement und bei der Routenplanung anhand von Reichweite und Strecke.
Geräumiger Innenraum, kleiner Kofferraum
Der Wagen ist schmal und für vier Personen ausgelegt, bietet aber viel Höhe: Selbst Insassen bis 1,90 m stoßen mit dem Kopf nicht an den Dachhimmel. Die Sitzposition fällt hoch aus, weil die Batterien direkt unter dem Bereich der Vordersitze untergebracht sind und die Plattform daher angehoben wurde.
In der zweiten Sitzreihe steht den beiden Passagieren mehr Beinfreiheit zur Verfügung als in den elektrischen Rivalen Volkswagen e-Up, Skoda Citigo und SEAT Mii. Dank des um 7 cm längeren Radstands des französischen Autos finden dort auch Personen mit 1,80 m Körpergröße ohne übermäßige Enge Platz.
In der Gesamtlänge ist der Twingo nur 3 cm bis 5 cm länger als diese Konkurrenten – wobei die drei Modelle des Volkswagen-Konzerns tatsächlich dasselbe Fahrzeug sind. Seine Karosserieüberhänge fallen somit kürzer aus. Der Kofferraum des Renault ist allerdings kleiner: 188-219 l gegenüber 250 l beim Rivalen aus dem Volkswagen-Konzern.
Dass diese Plattform von Beginn an mit Blick auf spätere rein elektrische Varianten entwickelt wurde, erklärt, warum der Kofferraum des Twingo Electric genauso viel fasst wie jener der Verbrennerversionen. Dazu trägt auch bei, dass der Motor stets über der Hinterachse montiert ist und der Elektromotor kleiner ausfällt.
Agiler Renault Twingo Electric, aber enttäuschender Komfort auf schlechten Straßen
Sobald er rollt, hebt sich der Twingo Electric ab. Gegenüber den Versionen mit Dreizylindermotor arbeitet er deutlich leiser und beschleunigt aus dem Stand selbstverständlich wesentlich schneller, sobald das Gaspedal „den Geruch“ der Schuhsohle des Fahrers wahrnimmt. Die 4,2s von 0 auf 50 km/h sorgen für ausgeprägte Wendigkeit im Stadtverkehr. Bis 100 km/h – bei einem primär für die Stadt konzipierten Auto weniger relevant – benötigt er mit knapp 13 Sekunden praktisch genauso lange wie die Benzinvariante mit 95 PS, die inzwischen nicht mehr angeboten wird; erhältlich ist nur noch die Version mit 65 PS.
Gegenüber dem Volkswagen e-up ist der Twingo jedoch klar langsamer: Seine 12,9 Sekunden bedeuten eine Sekunde mehr für denselben „Sprint“. Das liegt weniger an der Leistung – 82 PS beim Renault, 83 PS beim Volkswagen – als am geringeren Drehmoment von 160 Nm statt 210 Nm sowie am ungünstigeren Luftwiderstandsbeiwert. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 135 km/h, sodass der Twingo Electric bei Autobahnfahrten zwischen den „Haien“ bestehen kann.
In seinem eigentlichen Revier, der Stadt, fühlt er sich allerdings deutlich wohler – wie ein „Fisch im Wasser“. Seine Agilität beeindruckt auch durch den extrem geringen Platzbedarf beim Drehen auf der Stelle, denn die Vorderräder können ohne Motor zwischen ihnen stärker einschlagen. Für eine vollständige 360°-Drehung benötigt er 9,1 m zwischen Mauern beziehungsweise 8,6 m zwischen Bordsteinen – einen halben Meter weniger als seine Wettbewerber. Das reicht aus, um dem Fahrer bei den ersten Manövern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern: Es wirkt, als bliebe ein Rad stehen, während die drei anderen eine komplette Runde drehen.
Andererseits hält der Hinterradantrieb Vibrationen und Antriebskräfte von der Lenkung fern, was das Fahren ausgesprochen entspannt macht. Beim Feedback bleibt die Lenkung jedoch recht leicht, und am Lenkrad muss viel gedreht werden (3,9 Umdrehungen), gerade weil die Räder mit 45° stärker einschlagen als üblich.
Beim Fahrverhalten könnte man wegen der schmalen und hohen Karosserie stärkere Wankbewegungen erwarten. Durch das höhere Gewicht, den niedrigeren Schwerpunkt und die relativ straffe Fahrwerksabstimmung bleibt das Auto aber stabil – auch wenn der Abrollkomfort auf schlechten Straßen darunter leidet.
Mit dem Wählhebel des Einganggetriebes werden Vorwärtsfahrt, Rückwärtsfahrt und Stillstand eingestellt; außerdem lässt sich darüber eine von drei Stufen der Bremsenergierückgewinnung wählen. Tatsächlich ist der Unterschied zwischen den drei Rekuperationsstufen B1, B2 und B3 zu gering – vermutlich der kleinste, den ich bislang in irgendeinem Elektroauto erlebt habe.
Zusätzlich zu diesen drei Stufen gibt es die per Knopfdruck im unteren Bereich des Armaturenbretts wählbaren Fahrmodi Normal und Eco. Im letztgenannten Modus werden Höchstgeschwindigkeit und Leistung begrenzt. Bei vollständig durchgetretenem Gaspedal wird diese Einschränkung aufgehoben, etwa wenn dringend Leistung benötigt wird.
Vor- und Nachteile beim Laden
Damit kommen wir zu zwei Aspekten, die den Kauf eines Twingo Electric gegenüber einem Rivalen rechtfertigen können – oder genau das Gegenteil bewirken. Positiv ist sein besonders vielseitiges Ladegerät, das Wechselstrom-Ladevorgänge mit Leistungen zwischen 2 und 22 kW ermöglicht.
Zusammen mit dem smart forfour ist er allerdings auch der Einzige, der eine derart hohe AC-Ladeleistung erreicht; der Volkswagen e-Up beschränkt sich auf 7.4 kW AC. Das schlägt sich in wesentlich kürzeren Ladezeiten nieder: Eine vollständige Batterieladung dauert 1,5 Stunden, und für 80 km Reichweite genügen eine halbe Stunde. Die Rivalen aus dem Volkswagen-Konzern benötigen dafür bis zu 5 Stunden.
Im Gegenzug bietet der Renault keine Schnellladefunktion per DC beziehungsweise Gleichstrom. Anders als der Volkswagen, SEAT und Skoda können die drei technisch identischen Konzernmodelle bei 40 kWh, ihrer maximal akzeptierten Leistung, die Batterie in nur einer Stunde auf 80 % laden. Mit der zunehmenden Verbreitung öffentlicher DC-Ladestationen ist dies ein relevanter Punkt.
Reichweite durch kleine Batterie begrenzt
Die Batterie ist mit 21,4 kWh Nettokapazität kleiner und liegt damit 11 kWh unter den genannten Konkurrenten. Daraus ergibt sich eine offizielle WLTP-Reichweite von 190 km im kombinierten Zyklus, verglichen mit 260 km beim Fahrzeug des deutschen Konzerns.
Je nach Bedingungen kann die Reichweite allerdings zwischen 110 km bei besonders ungünstigen Umständen – etwa sehr niedrigen Außentemperaturen, denn Batterien vertragen Kälte nicht gut, eingeschaltetem Radio und Klimaanlage – und 215 km im Eco-Modus liegen. Ausschließlich im Stadtverkehr sind sogar bis zu 250 km möglich.
Im Durchschnitt legt ein europäischer Stadtfahrer in einem Fahrzeug dieses A-Segments nicht mehr als 30 km täglich zurück, sodass es möglich ist, praktisch die ganze Woche ohne „an die Steckdose“ zu müssen. Dennoch bleibt dies ein Nachteil für den Renault. Sein geringeres Gewicht könnte ein Vorteil sein: Mit 1135 kg wiegt er 50 kg weniger als die erwähnten Rivalen. Das schlägt sich jedoch weder in den Fahrleistungen, die schlechter ausfallen, noch im angegebenen Verbrauch nieder, der mit 16 kWh der höchste ist; das Trio der „teutonischen Feinde“ liegt zwischen 13,5 und 14,5 kWh.
Interessanterweise blieb ich in diesem Test unter dem homologierten Durchschnitt, obwohl ich ganz normal fuhr und keinerlei Versuch unternahm, es ins Guinness-Buch in der Kategorie des sparsamsten Elektroautos zu schaffen. Die 81 km lange Strecke begann in Loures, führte über ein Stück Autobahn nach Lissabon, durch das Zentrum von Lissabon – Alamedas, Baixa und Santa Apolónia – und über das Zentrum von Alverca zurück nach Loures. Sie kombinierte also Schnellstraßen, Landstraßen und Stadtverkehr.
Der Durchschnitt lag bei 13,6 kWh/100 km. Nach der Fahrt blieben 52 % Batterieladung übrig, ausreichend für weitere 95 km, und das an einem kalten, regnerischen Tag. Die gefahrenen 81 km und die verbleibende Reichweite von 95 km ergeben zusammen 175 km und liegen damit nahe bei den von der französischen Marke versprochenen 190 km.
Technische Daten
| Renault Twingo Electric | |
|---|---|
| Elektromotor | |
| Position | Hinten, quer eingebaut |
| Typ | Synchronmotor |
| Leistung | 82 PS (60 kW) zwischen 3590-11450 U/min |
| Drehmoment | 160 Nm zwischen 500-3950 U/min |
| Batterie | |
| Typ | Lithium-Ionen |
| Kapazität | 21,4 kWh |
| Spannung | 400 V |
| Anzahl Module/Zellen | 8/96 |
| Gewicht | 165 kg |
| Garantie | 8 Jahre oder 160 000 km |
| Kraftübertragung | |
| Antrieb | Hinterradantrieb |
| Getriebe | Eingang-Reduktionsgetriebe mit Rückwärtsgang |
| Fahrwerk | |
| Federung | VA: Unabhängig, MacPherson; HA: Starrachse vom Typ De Dion |
| Bremsen | VA: Belüftete Scheiben; HA: Trommeln |
| Lenkung | Elektrische Servounterstützung |
| Wendekreisdurchmesser | 8,6 m |
| Abmessungen und Kapazitäten | |
| L. x B. x H. | 3615 mm x 1646 mm x 1557 mm |
| Radstand | 2492 mm |
| Kofferraumvolumen | 188-219-980 l |
| Räder | VA: 165/65 R15; HA: 185/60 R15 |
| Gewicht | 1135 kg (EU) |
| Fahrleistungen und Verbrauch | |
| Höchstgeschwindigkeit | 135 km/h (elektronisch begrenzt) |
| 0-50 km/h | 4,2s |
| 0-100 km/h | 12,9s |
| Kombinierter Verbrauch | 16 kWh/100 km |
| CO₂-Emissionen | 0 g/km |
| Kombinierte Reichweite | 190 km |
| Laden | |
| Ladegerät | Anpassungsfähiges Ladegerät, ein- oder dreiphasig (2 kW bis 22 kW) |
| Zeiten für Vollladung | 2,3 kW: 15 Stunden; |
3,7 kW: 8 Stunden (Wallbox);
7,4 kW: 4 Stunden (Wallbox);
11 kW: 3h15min (Ladestation, dreiphasig);
22 kW: 1h30min (Ladestation, dreiphasig) |
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen