Alles begann mit einer Uhr. Nicht mit irgendeinem Zeitmesser, sondern mit einer abnehmbaren mechanischen Uhr von Louis Vuitton. LVMH dürfte vielen ein Begriff sein: Der Konzern ist das wertvollste Unternehmen der Luxusgüterbranche, und sein Eigentümer Bernard Arnault gilt als reichster Mann Europas. Er ist stilvoller als Elon.
Diese Marke geht mit ihrem Markenwert üblicherweise alles andere als großzügig um – umso bedeutsamer ist die Zusammenarbeit mit Singer, den ursprünglichen Restomod-Spezialisten. Was 2009 in einer schlichten Werkstatt in Los Angeles begann, hält heute in der Automobilwelt ein beeindruckend hohes Tempo. Erstklassige Einrichtungen auf beiden Seiten des Atlantiks bedienen die anspruchsvollsten vermögenden Porsche-911-Enthusiasten. Die Partnerschaft mit Louis Vuitton hat gleich zwei Fahrzeuge hervorgebracht, welche die begehrten Kernelemente beider Häuser verbinden. Tief durchatmen: Hier kommen ein Porsche 911 Reimagined by Singer – Classic und sein Zwillingsmodell, ein Classic Turbo Cabriolet. Mehr Maßanfertigung geht kaum – oder vielleicht doch Luxus im völlig überdrehten Bereich.
Louis Vuitton und Singer: Der Porsche 911 Reimagined by Singer – Classic
„Dieses einzigartige und bemerkenswerte Abenteuer begann mit der Anfrage nach einer Armaturenuhr für ein von Singer neu interpretiertes Auto. Neben dem Entwurf und der Fertigung dieser Uhr in den Schweizer Werkstätten von La Fabrique du Temps Louis Vuitton wurde uns schnell klar, dass diese Zusammenarbeit mit Singer die Personalisierung jedes funktionalen Fahrzeugelements erweitern konnte – veredelt durch unsere Kompetenz in der Lederverarbeitung und Uhrmacherkunst“, sagt Jean Arnault, Uhrenchef bei Louis Vuitton. Er ist ein junger Spross der Familiendynastie.
Der Classic ist im Grunde ein typischer Singer – allerdings mit besonderer Note. Louis Vuitton selbst verdiente sein Geld im Frankreich des 19. Jahrhunderts mit der Herstellung von Reisegepäck und prägte dabei die Idee der „Kunst des Reisens“. Seine Enkel Pierre und Jean entwarfen 1909 ihr eigenes Auto, während die Jazz-Ära zwischen den Weltkriegen zahlreiche Möglichkeiten bot – insbesondere für sehr wohlhabende Menschen. Singers LV Classic verkörpert kunstvolles Reisen und besitzt einen maßgefertigten Dachträger für einen Koffer, ein Surfbrett oder ein Paar Ski. Der Besitzer dieses Wagens wird sein Leben in vollen Zügen genießen.
Die Farbgebung aus Safran und Kobaltblau auf der Karosserie aus Carbon orientiert sich deutlich an der charakteristischen Louis-Vuitton-Lackierung und findet sich sogar auf den Reifen wieder. Auf dem Lufteinlassgitter des Motors sitzt zudem ein geometrisches L-und-V-Motiv.
Motorisierung und Details im Classic
Im Heck arbeitet erwartungsgemäß ein luftgekühlter 4,0-Liter-Sechszylinder-Boxermotor nach Singer-Art, kombiniert mit einem Sechsgang-Handschaltgetriebe. Für dieses konkrete Auto nennt Singer keine Leistung, die ohnehin von Fahrzeug zu Fahrzeug variiert. Etwa 400 PS dürften es sein.
Den eigentlichen Höhepunkt der Individualisierung bildet jedoch der Innenraum, dessen Gestaltung von Louis Vuittons berühmtem VVT-Leder beeinflusst ist. Singers Detailbesessenheit zeigt sich überall: etwa an den gelben Fäden der Türverkleidungsnähte, den Belüftungs-„Ösen“ in den Sitzen und dem eingeprägten Rautenmuster. Kunststoffschalter sucht man ebenfalls vergeblich: Verstellknöpfe, Bedienschalter, Schlösser und weitere Komponenten bestehen aus Metall, überwiegend rhodiniert.
Tambour-Uhr und Instrumente von Louis Vuitton
Dann wäre da noch die abnehmbare Uhr, durch welche das gesamte Projekt überhaupt ins Rollen kam. Ihr Entwurf nimmt die Tambour-Uhr von Louis Vuitton zum Vorbild. Auf der Lünette bilden 12 polierte und gravierte Buchstaben den Namen der Maison. Nachdem die Arbeiten daran begonnen hatten, entschied sich das Team, auch die komplette Instrumenteneinheit des Autos neu zu interpretieren: Tachometer, Drehzahlmesser und Zusatzanzeigen folgen nun den grafischen Gestaltungscodes der Tambour. Kobaltblau kehrt auch hier zurück und wird von leuchtend orangefarbenen Akzenten ergänzt. Offenbar war ein Jahr intensiver Arbeit nötig, um all diese Details umzusetzen.
„Jeder Übergang zwischen Materialien, jede metallische Reflexion, jede gerändelte Oberfläche, jede mechanische Interaktion und jedes grafische Element wurde akribisch durchdacht, oft auf nahezu mikroskopischer Ebene“, sagt Octave Chany, leitender Projektdesigner bei Singer.
Classic Turbo Cabriolet unter Nicolas Ghesquière
Für den Classic Turbo zeichnete Nicolas Ghesquière verantwortlich, der künstlerische Leiter der Damenkollektionen von Louis Vuitton. Neben Mode interessieren ihn Autos und Boote. Entsprechend findet sich nautisches Holz in einem eigens gestalteten Gepäckabteil sowie im vorderen Kofferraum, der ein dreiteiliges Gepäckset aufnimmt. Auffällig sind auch die ledernen Befestigungsriemen vorn und hinten. Eine Uhr gibt es in diesem Fahrzeug ebenfalls, ebenso wie Zifferblätter, die das Farbschema des Exterieurs aufgreifen. Modekenner werden beim Leder des Schalthebels Ähnlichkeiten mit Louis Vuittons berühmter Noé-Tasche erkennen.
Dieses Auto erhält einen 3,8-Liter-Biturbo mit rund 510 PS, ein Sechsgang-Schaltgetriebe und wählbare Fahrmodi.
„Die Tiefe des Dialogs zwischen den Welten des Automobildesigns, der hohen Uhrmacherkunst und der Lederverarbeitung macht diese beiden Fahrzeuge besonders bemerkenswert“, schließt Octave Chany. „Die Zusammenarbeit mit Nicolas Ghesquière war ebenso entscheidend, um das Konzept weiterzuentwickeln. Seine Sensibilität für Proportionen, Silhouetten und kulturellen Ausdruck hat eine Perspektive eingebracht, die die Autos über das traditionelle Automobildesign hinausgeführt hat.“
Keine Frage. Ghesquière entwickelte außerdem eine vom Classic Turbo inspirierte Kapselkollektion. Sie umfasst eine Tambour-Automatikarmbanduhr, einen Maßanzug aus Fallschirmseide, einen Kleidersack sowie eine Heritage-Halskette, in der zugleich der Autoschlüssel untergebracht ist. Haben wir eigentlich erwähnt, dass zu all diesem Schmuckstück auch ein Auto gehört?
Unerwähnt blieb bisher der Preis, denn die Beteiligten – insbesondere der betreffende Kunde – denken längst nicht mehr über Nebensächlichkeiten wie Kosten nach. Singer wird diese Zusammenarbeit vermutlich auch nicht wiederholen. Es handelt sich um ein einmaliges Projekt im absoluten Luxussegment. Viel Vergnügen.
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