Warum hat Aston Martin einen Vantage „S“ gebaut?
Der eigentliche Grund lautet: „Weil die Branche für schnelle Autos nun einmal so funktioniert.“
Das Muster ist bekannt: Ein Hersteller präsentiert ein neues Modell und verkündet, es sei das Beste, was er überhaupt bauen könne. Anderthalb Jahre später folgt dann eine überarbeitete, geschärfte und verbesserte Variante. Plötzlich ist dieses Modell dasjenige, das man haben muss. Ein Upgrade wird unvermeidlich.
Der unangefochtene Meister dieses Spiels ist natürlich Porsche. Erst kommt ein 911 als Carrera und Carrera S, dann folgt ein GTS, gerade wenn der Wagen aus dem Gedächtnis der Kundschaft zu verschwinden droht. Anschließend werden GT3, Dakar und Carrera T darübergestreut. Dazu gesellen sich ein Turbo S und ein Touring. Aus einem einzigen Nischenmodell entsteht auf einmal eine komplette Palette, bei der jede Variante den Wunsch auslöst, genau diese besitzen zu wollen.
Aus diesem Grund verkauft Mercedes AMG GTs mit Vierzylinder, V8 und Hybridantrieb. Deshalb gibt es bei Ferrari die regulären Modelle, danach Ferraris mit Assetto-Fiorano-Paket und schließlich Ferrari Speciales. Beherrscht ein Hersteller dieses Verfahren, stehen stets Kunden vor dem Werkstor Schlange. Geht es schief, heißt man vermutlich McLaren.
Beherrscht Aston Martin dieses Spiel?
Traditionell eher nicht. Aston Martin bringt ein Auto auf den Markt und lässt es dann weitgehend unverändert im Programm. Mit etwas Glück erscheint eine „S“-Version mit mehr Leistung und einigen Anpassungen, doch im Vergleich zu den Rivalen geht Aston gewöhnlich deutlich zurückhaltender vor.
Ist diesmal wieder dasselbe passiert?
Auf den ersten Blick scheint es so. Der wunderschöne Vantage S erhält einen neuen Frontsplitter, eine Ducktail-Kante am Heck und Seitenschweller, die optional aus glänzender Carbonfaser gefertigt sind. Darüber lassen sich auf Wunsch zusätzliche Dekore anbringen. Vorsicht allerdings: Einige Konfigurationsmöglichkeiten sind derart geschmacklos, dass sie in den Augen schmerzen.
Die sichtbaren Anbauteile liefern 40 kg Abtrieb. Angeblich sorgen unsichtbare Änderungen am Unterboden für weitere 111 kg. Schön und gut – nur muss man dafür die Höchstgeschwindigkeit von 202 mph erreichen …
Gibt es mehr Leistung?
Ja, doch die Leistung sollte man ignorieren. Ernsthaft. Natürlich fällt es schwer, 671 PS in einem Auto ungefähr von der Größe eines BMW M2 auszublenden. Das ist, als öffne man seinen Spind im Schwimmbad und müsse so tun, als befände sich darin kein Weißer Hai.
Von der absurden Leistung darf man sich aber nicht ablenken lassen: Sie ist lediglich um 15 PS gestiegen, während das Drehmoment weiterhin bei 590 lb ft liegt. Der S erreicht dieselbe Höchstgeschwindigkeit wie der normale Vantage und ist beim Sprint von 0 auf 62 mph, weil er all diese Wucht über die Hinterreifen auf die Straße bringen muss, nur 0,1 s schneller.
Wie gesagt: Die Leistung ist nicht der entscheidende Punkt.
Wenn Leistung kaum zählt und die Karosserie erst bei Gefängnis-Tempo wirkt – wozu dann das Ganze?
Man muss den Unterschied gezielt suchen. Dieses Auto offenbart seine Qualitäten nicht sofort, sondern mit Geduld. Doch inzwischen ist es ein fabelhaft vollständiger Sportwagen. Man sollte ihn nicht als Vantage „S“ betrachten. Es ist der Vantage „Fertig“.
Als wir diese Generation des „kleinen“ Aston mit breiterer Spur, entfesselter Leistung und dramatisch verbessertem Innenraum erstmals fuhren, hatte sie noch einige Eigenheiten. Auf anspruchsvollen Straßen verlor der Wagen seine Karosseriekontrolle, während die Hinterreifen den Grip aufgaben, sobald die Federung sich protestierend aufbäumte.
Die Lenkung besaß zwar ein sattes Gewicht, ließ aber jene Präzision und Klarheit vermissen, die man von einer so rüpelhaften Maschine erwartet. Auch das Getriebe konnte mit den besseren Doppelkupplungs-Schaltgetrieben von Ferrari und Porsche schlicht nicht mithalten.
Ist beim Aston Martin Vantage S nun alles behoben?
Größtenteils schon. Perfekt ist er noch nicht, was aus Gründen, auf die wir zurückkommen, jedoch womöglich keine Rolle spielt. Zunächst zu den Verbesserungen.
Aston Martin räumt stillschweigend ein, dass der normale Vantage nicht das Vertrauen ausstrahlt, das man von einem so muskulösen kleinen Hot Rod erwartet. Daher wurden die Bilstein-Dämpfer mit neuer Software neu abgestimmt. Anschließend kam die Fahrwerksgeometrie auf den Prüfstand.
Sturz, Nachlauf und Vorspur wurden komplett überarbeitet. Auf den stärker gewölbten und ausgefahrenen Straßen Großbritanniens spürt man das, wenn der Vantage Spurrillen von Lkw und Straßenbahnen gierig nachläuft. Gleichzeitig wirkt die Lenkung weniger gefühllos, und man kann sich im S viel eher darauf verlassen, ohne dass er etwas tut, das einen spontan neue Schimpfwörter erfinden lässt.
Haben sie es dabei belassen?
Nein. Das Achtganggetriebe, das zur besseren Gewichtsverteilung des 1.745 kg schweren Vantage hinten sitzt, ist nun an leicht weicheren Lagern befestigt. Das klingt seltsam, doch diese zusätzliche Beweglichkeit soll die Auswirkungen ausgleichen, die dadurch entstehen, dass der hintere Hilfsrahmen jetzt direkt mit der Aluminiumkarosserie verschraubt ist, statt über Gummibuchsen befestigt zu werden. Es geht eben um Geben und Nehmen.
„Man könnte annehmen, ein ‚S‘-Modell werde einfach härter, straffer, wütender und anstrengender sein … doch dieser Vantage hat gelernt, seine Superkräfte zu zähmen“
Aston erklärt: „Die Steifigkeit der hinteren Federunterstützung wurde reduziert, um Druck- und Zugstufe für einen besseren Fahrkomfort bei niedriger Geschwindigkeit auszubalancieren.“ Und damit liegt die Marke richtig. Man könnte vermuten, ein „S“-Modell müsse, wie Daft Punk einst sangen, einfach härter, straffer, wütender und ermüdender sein. Vielleicht.
Ist es aber nicht. Dieser Vantage hat gelernt, seine Superkräfte zu beherrschen und sinnvoll einzusetzen.
Das klingt alles ziemlich nerdig …
Ist es auch. In der Kneipe spricht niemand über den neuen Sturz oder die Getriebelager seines Aston Martin. Dort erzählt man eher, dass das Auto mehr Leistung als ein Ferrari Enzo hat. Doch der Vantage S ist ein ausgesprochen cleveres Fahrzeug, weil er all diese Kraft nachvollziehbar nutzbar macht. Das Ergebnis ist eine enorm unterhaltsame Maschine, die man genießen sollte.
Wodurch genau?
Denn die eingangs erwähnten Hierarchien von Porsche, AMG und Ferrari umfassen fast immer irgendein ausgeklügeltes Allradsystem, einen Hybrid-Boost oder elektrische Turbolader. Der Vantage besitzt … nichts davon. Für einen neuen Sportwagen im Jahr 2026 ist er erstaunlich unkompliziert.
Vorn arbeitet ein donnernder V8, dazu gibt es Hinterradantrieb und eine so zugängliche Balance, dass man sich vollständig dazu ermutigt fühlt, mit der achtstufigen Traktionskontrolle zu spielen. Selbst diese ist unkompliziert: ESP-aus-Taste gedrückt halten und anschließend den Ring um den kostspieligen gläsernen Startknopf drehen, um festzulegen, wann der Schutzengel eingreift. Auch sein Eingreifen bleibt dezent – entscheidend für die Pflege des eigenen Egos.
Was muss Aston Martin noch verbessern?
Einige Ärgernisse bleiben, vor allem im Innenraum des Vantage. Nach vorn ist die Sicht nicht so gut wie in einem Ferrari Amalfi oder Porsche 911: Die Motorhaubenlinie liegt zu hoch, und es fehlen Karosseriedetails, die beim Einordnen der Fahrzeugnase helfen würden.
Hinter dem Fahrer sind die Hüften schlicht zu breit, um den Wagen auf einer Landstraße entspannt zu genießen, ohne Straßenreflektoren zu streifen oder den Lack an nahen Brombeersträuchern abzureiben.
Hinzu kommt, dass Astons eigenes Touchscreen-System bereits altert. Die Untermenüs sind umständlich, die Reaktionen träge und die Beleuchtung der Mittelkonsole zu schwach. Man stelle sich vor: Es ist ein sonniger Tag, und man denkt: „Nehmen wir doch den Aston.“ Doch man erkennt nicht, ob der manuelle Modus aktiviert ist oder welche Einstellung für Auspuff und Fahrwerk gewählt wurde.
Über die wenig intuitiven Lenkradtasten oder die billigen Instrumente könnten wir ebenfalls klagen, lassen es aber.
„Der Vantage S ist großartig … er ist fesselnd und charaktervoll, aber auch involvierender als seine Rivalen“
Denn unterm Strich ist der Vantage S großartig. Er wirkt stimmig und ausgereift – wirklich fertig. Er ist fesselnd und charaktervoll, bindet seinen Fahrer aber stärker ein als die Konkurrenz. Mit einem Preis von rund £170.000 vor Optionen ist er zudem günstiger als sämtliche Rivalen mit blauem Blut.
Er fühlt sich durch und durch modern an und ist dennoch irgendwie ein Rückblick. Ja, der Valhalla-Hypercar wird 2026 mehr Schlagzeilen machen, aber dieser S ist Astons bester Sportwagen seit Generationen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen