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Mercedes S600 AMG: Der japanische W140 mit F1-Sound

Silberner Mercedes-Benz auf Abschleppwagen vor Lagerhalle unter bewölktem Himmel.

Tempo, Stille, Effizienz: So stellt man sich die Zukunft des modernen Autofahrens vor – und genau das ist alles, was ein Mercedes S600 nicht verkörpert. Oder besser gesagt: nicht dieser hier, ein von AMG veredeltes Exemplar aus dem ehrwürdigen Japan.

Mehr als zwei Tonnen bringt er auf die Waage. Unter der Haube arbeitet ein Aggregat mit 12 Zylindern, das pro Umdrehung 6,0 Liter Hubraum in Bewegung setzt. Das Wort „Verbrauch“ sollte man bei ihm höchstens im Zusammenhang mit der fleischlastigen Ernährung seiner Insassen verwenden – nicht für irgendein schickes Spritspar-Gerede. Im Kosmos moderner Mobilität ist er das, was das Startaufstellungs-Model für die Formel 1 ist: grotesk aus der Zeit gefallen und von der Generation Y gern ins Visier genommen … aber hinter verschlossenen Türen eben ziemlich unterhaltsam.

  • Text und Fotos: Mark Riccioni

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Mercedes S600 AMG: Der japanische W140 als kaum bekanntes AMG-Werk

Haltet euch fest – jetzt wird es nerdig. Der Mercedes S600 (beziehungsweise 600SEL, bevor Mercedes 1993 das Namensschema umstellte) kam ab Werk mit einem 402bhp starken 6,0-Liter-V12. Natürlich musste AMG irgendwann seine eigene Interpretation liefern: den S70 AMG. Der Grund für den Namen war simpel, denn der V12 wuchs auf 7,0 Liter Hubraum und leistete 496bhp. Wer AMG genug Geld auf den Tisch legte, konnte das Paket sogar auf 7,3 Liter und 525bhp erweitern.

Der S600 AMG ist dagegen ein weitgehend unbekanntes Kapitel. Dieses Modell war Japan vorbehalten – und zudem ein echtes AMG-„Werk“-Fahrzeug. Neben AMG-Bodykit, AMG-Felgen und allerlei weiteren AMG-Details bekam er einen 6,0-Liter-V12 mit neuen Kolben, Nockenwellen, Pleueln und einem angepassten Steuergerät, wodurch die Leistung auf 439bhp stieg. Wie viele Exemplare offiziell für den japanischen Markt gebaut wurden, ist nicht eindeutig dokumentiert; gemunkelt wird jedoch, dass es weniger als 100 waren.

Jede Verbraucherberatung würde euch sagen, dass so etwas in der heutigen Wirtschaftslage ein katastrophaler Kauf ist … und damit liegt sie richtig. Aber das hier ist eben kein gewöhnlicher S600: Er mag aussehen, als sei er reif fürs automobile Altenheim, doch seine Geräuschkulisse kann es mit der eines Formel-1-Wagens aus den Neunzigern aufnehmen. In den Achtzigern, als Übermass noch als Tugend galt, pumpte Mercedes Unmengen an Geld in das S-Klasse-Programm. Wer dem Internet Glauben schenkt, lag diese Summe bis zum Ende der anfänglichen Entwicklung bei deutlich über einer Milliarde Dollar. Und ehrlich: Kann man es ihnen verdenken? Die S-Klasse gilt seit Jahrzehnten als Massstab des Autofahrens.

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M120-V12: Statussymbol, Ingenieurskunst und die Brücke zum Pagani Zonda

Der V12 im W140 (intern M120 genannt) hatte schon damals enormes Prestige – und hat es bis heute. Er liefert nicht nur in jedem Drehzahlbereich wuchtiges Drehmoment, die V12-Bauart ist von Natur aus perfekt ausbalanciert. Übersetzt in Alltagssprache: Man kann eine Münze hochkant auf den Ansaugkrümmer stellen, den Motor hochdrehen, als wäre man ein besessener YouTuber, und dabei beobachten, wie sich im Idealfall nichts bewegt.

So kompromisslos war der Mercedes M120 konstruiert, dass er sehr schnell auch in Fahrzeugen ausserhalb von Mercedes landete – am prominentesten im Pagani Zonda. Die frühen C12 nutzten einen komplett serienmässigen 6,0-Liter-M120 (mit 402bhp), spätere Varianten erhielten dagegen eine von AMG überarbeitete Version, bei der der Hubraum auf 7,0 oder sogar 7,3 Liter anwuchs. Der Zonda klang trotz identischem Grundmotor nie wie ein Rentner-Mercedes. Heisst das also, dass man einen 23 Jahre alten Mercedes so hinbekommt, dass er wie einer der bestklingenden Supersportwagen überhaupt wirkt? Aber sicher – und damit sind wir wieder genau bei dem Wagen, um den es hier geht.

Im Netz dürften Hardcore-Fans dieses Auto längst kennen: Auslöser zahlloser Blogbeiträge mit Titeln in der Art von „Wie man einen gebrauchten Mercedes wie ein F1-Auto klingen lässt“. Das hier ist das Ergebnis – genau der Wagen, der online berühmt wurde, weil er mit sehr zurückhaltendem Tempo durch japanische Tunnel schoss und dabei einen V12-Krawall veranstaltete. Und nun ist er gerade in Southampton angekommen.

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Von Tunneln, LINE-Chats und dem Import: Wie dieser S600 AMG zu mir kam

Wie sich herausstellte, gehörte ich selbst zu diesen Internet-Nerds, die das Auto viel zu gut kannten – genauso wie das Team hier bei Top Gear. Tatsächlich hatte ich schon seit mehreren Jahren mit Sasaki-san geschrieben, dem Mann hinter diesem Wahnsinn. Als im Januar eine E-Mail von ihm eintraf, sprangen mir ein paar Formulierungen sofort ins Auge: „Grüsse, liebster Mark-san“, ein traditionelles Hallo. „W140 Mercedes AMG“, sehr passend zu meinen Interessen. „Jetzt muss ich verkaufen“, Moment mal. „Ware mit exzellentem Geräusch“, tja – Google Translate lässt grüssen.

Wir verlegten das Gespräch kurz darauf zu LINE, Japans Pendant zu WhatsApp (mit Echtzeit-Übersetzung und der Möglichkeit, ganze Unterhaltungen nur mit Emojis zu führen). Und tatsächlich: Sasaki-san wollte genau den Wagen verkaufen, der ihm seine Internet-Popularität eingebracht hatte. Zufällig – und nicht nur wegen des Autos – plante ich ohnehin, ein paar Wochen später zur Tokyo Auto Salon nach Japan zu fliegen. Noch merkwürdiger: Sasaki-sans Werkstatt lag nur zehn Minuten von dem Hotel entfernt, das ich mir ausgesucht hatte. Dass wir Versandoptionen ausgerechnet ausschliesslich mit Boot- und Meeres-Emojis diskutierten, war natürlich reiner Zufall … irgendwie.

Ich hatte zuvor noch nie ein Auto aus Japan gekauft; ausserdem bin ich miserabel im Autokauf, weil ich dazu neige, viel zu schnell „ja“ zu sagen. Solange das Ding nicht brannte, hätte ich Japan niemals ohne Deal verlassen. Und selbst wenn das Heck in Flammen gestanden hätte, hätte ich vermutlich aufmunternd genickt, während ich die Anzahlung überweise.

Ganz ehrlich: Reibungslos lief das alles nur dank Ozz und dem Team von Harlow Jap Autos. Da ich in der Vergangenheit bereits japanische Fahrzeuge über Ozz gekauft hatte, weiss ich, dass es kaum einen Aspekt dieses Prozesses gibt, den er nicht kennt. Von auf 1.000bhp getunten Skylines bis hin zu künftigen Klassikern mit wenig Laufleistung wie dem Evo 6 TME ist Ozz die Anlaufstelle für alles, was in Japan cool ist. Der einzige Haken daran, so regelmässig bei ihm aufzuschlagen: Man sieht die Neuzugänge in der Werkstatt und muss sich mit aller Kraft davon abhalten, das eigene Haus neu zu beleihen.

Ist ein S600 AMG eine furchtbare Idee? Ohne jeden Zweifel – und gleichzeitig eine grossartige Möglichkeit, Spass zu haben, ohne dabei Gefahr zu laufen, etwa das Tempolimit zu sprengen oder den Lambo Performante eines Freundes an einer stark befahrenen Strasse in einen Baum zu katapultieren.

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Denn hier steckt ein Dilemma, das uns als Autofans alle betrifft. Moderne Performance-Autos sind so absurd schnell, dass selbst geübte Fahrer diese Leistung auf der Strasse kaum sinnvoll nutzen können. Und meistens klingen sie auch noch ziemlich bescheiden (Hubraumverkleinerung, Turbolader und Elektrifizierung lassen grüssen) – sodass man, sofern man nicht zufällig etwas Teures aus Italien besitzt, irgendwann Sätze sagt wie: „Klingt gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt …“

Klang ist eine unterschätzte Währung, die im heutigen Autofahren zunehmend verschwindet. Dabei kann ein guter Sound ein Auto fesseln, unabhängig davon, wie schnell es theoretisch ist – oder wie gut man selbst fährt. Wenn unsere Zukunft von verpflichtenden Geschwindigkeitsbegrenzern und immer kleineren Motoren überschattet wird, fällt mir kein besserer Zeitpunkt ein, bewusst Tempo herauszunehmen und die Lücken mit einer Klangkulisse zu füllen, die an eine der grossartigsten Epochen der Formel 1 erinnert.

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