Wie wir hier vor zwei Monaten berichteten, beanspruchte der SSC Tuatara mit einer Höchstgeschwindigkeit von 532,93 km/h und einem Durchschnitt von 517,16 km/h aus beiden Fahrten den Titel des schnellsten Autos der Welt. Später stellte sich jedoch heraus, dass diese Werte tatsächlich nicht erreicht worden waren. Eine umfassende Untersuchung des Rekordvideos belegte dies.
Daraufhin folgte eine Reihe von Ereignissen – einige davon geradezu abenteuerlich. Mehrere Beteiligte, darunter auch SSC North America, gaben Erklärungen ab, die sich teilweise widersprachen. Zudem wurde das Video der Rekordfahrt noch eingehender analysiert.
Schließlich erklärte Jerod Shelby, Gründer und Geschäftsführer von SSC North America, dass der Rekordversuch wiederholt werde, um sämtliche Zweifel am Tuatara endgültig auszuräumen.
Gesagt, getan: Am 12. und 13. Dezember brachte SSC North America den SSC Tuatara erneut auf die Straße. Ziel war es, die Marke von 500 km/h zu übertreffen und als Nachfolger des Koenigsegg Agera RS den Titel des schnellsten Autos der Welt zu übernehmen.
Zweiter Anlauf
Um es gleich vorwegzunehmen: Beim zweiten Versuch erreichte der SSC Tuatara dieses Ziel nicht. Mehrere Probleme verhinderten den Rekord. Dennoch zeigen die erzielten Werte – und vor allem die Umstände, unter denen sie zustande kamen –, dass das Potenzial dafür eindeutig vorhanden ist.
Robert Mitchell erläutert den gesamten Ablauf ausführlich in einem Video auf seinem gleichnamigen Kanal. Er war einer der drei zentralen Akteure bei der „Widerlegung“ des ersten Rekordversuchs des SSC Tuatara; die beiden anderen waren die bekannten YouTuber Shmee150 und Misha Charoudin. SSC North America lud alle drei in die USA ein, damit sie den neuen Versuch vor Ort verfolgen konnten. Wegen der pandemiebedingten Einschränkungen konnte allerdings nur der US-Amerikaner Robert Mitchell anreisen.
Aus Mitchells detaillierter Schilderung im Video geht hervor, dass erneut dasselbe Fahrzeug wie beim ersten Versuch eingesetzt wurde: das erste Exemplar der angekündigten Serie von 100 Fahrzeugen. Am Steuer saß diesmal jedoch der künftige Besitzer, der bereits Erfahrung im Motorsport besitzt.
Der SSC Tuatara wurde umfangreich mit Elektronik ausgerüstet, damit die aufgezeichnete Geschwindigkeit zweifelsfrei der tatsächlich gefahrenen Geschwindigkeit entsprach. Laut Mitchell waren fünf GPS-Systeme installiert, darunter zwei von Racelogic, die vom Geschäftsführer des Unternehmens persönlich überwacht wurden – für Zweifel sollte kein Raum bleiben. Der enorme Kabelaufwand verursachte jedoch selbst Schwierigkeiten: Insbesondere die Leitungen zum Motorraum verhinderten, dass die Motorhaube korrekt schloss, weshalb sie sich mehrfach öffnete.
Am 12. Dezember kam außerdem Regen hinzu, sodass sämtliche vorgesehenen Tests auf den 13. Dezember verschoben werden mussten. Dazu gehörten auch Trainingsfahrten für den neuen Fahrer und Eigentümer, der bislang nur wenig Zeit mit dem Auto verbracht hatte und sich damit vertraut machen sollte. Zu diesem Zweck senkten die Techniker von SSC den Ladedruck der beiden Turbolader des 5,9-l-V8, weshalb der Motor nicht die angekündigten 1770 PS leistete.
Damit mussten am 13. Dezember sowohl die Trainingsläufe des Fahrers als auch der Rekordversuch stattfinden, was weitere Schwierigkeiten mit sich brachte. Ein Auto schrittweise auf 300 mph (483 km/h) zu beschleunigen, ist schließlich nicht mit einigen Sprints auf 100 km/h vergleichbar. Das belastet das gesamte Fahrzeug erheblich, einschließlich des Motors, der bei einer solchen Leistung, wie man sich vorstellen kann, beträchtliche Mengen Wärme erzeugt.
Über 400 km/h mit zwei Zylindern weniger und reduziertem Turbodruck
Genau diese im Motorraum angestaute Hitze führte beim letzten Rekordversuch des Tages zum Ausfall von zwei Zündkerzen des V8. Der Ladedruck der Turbos war somit nicht nur niedriger als gewünscht, da er nicht wieder angehoben worden war; am Ende des Tages lief der V8 zudem nur noch auf sechs Zylindern.
Hier wird es interessant: Selbst in diesem „verletzten“ Zustand erreichte der SSC Tuatara mehr als 400 km/h, konkret 404 km/h, obwohl erst die Hälfte der vorgesehenen Strecke zurückgelegt war. Ab diesem Punkt bemerkte der Fahrer, dass mit dem Herzen des Biests etwas nicht stimmte.
Ungeachtet aller Kontroversen um den ersten Versuch besteht kein Zweifel am enormen Leistungspotenzial des SSC Tuatara. Nach seinen Eindrücken vor Ort zweifelt Robert Mitchell nicht daran, dass der amerikanische Hypersportwagen den Titel des schnellsten Autos der Welt erringen kann, aber …
… wir werden den dritten Versuch abwarten müssen, der bereits geplant wird.
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