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Der neue Nissan Micra kann seine französische Herkunft nicht verbergen

Blauer Nissan Micra-01 Kleinwagen mit schwarzen Details und modernen LED-Scheinwerfern auf Ausstellung.

Der neue Nissan Micra kann seine französische Herkunft nicht verleugnen. Und genau das könnte sein grösster Nachteil sein.


Der Micra zählt zu den wichtigsten Modellen im Nissan-Programm: Seine Markteinführung liegt mehr als 40 Jahre zurück, und inzwischen wurden über sechs Millionen Exemplare verkauft. Kein schlechter Wert.

Für die sechste Generation hat Nissan den bekannten Kleinwagen gemeinsam mit Renault grundlegend neu aufgestellt. Denn technisch basiert der neue Micra vollständig auf derselben Plattform wie der elektrische Renault 5.

Das ist einerseits sehr positiv, schliesslich ist der Renault 5 E-Tech ein ausgesprochen gelungenes Auto. Andererseits setzte diese Grundlage der Eigenständigkeit von Nissan Grenzen. Das zeigt sich etwa beim eigenständigen Karosseriedesign, während sich im Innenraum die Vorlage des französischen „Cousins“ nicht verbergen lässt.

Das ist der Preis für die Nutzung der Synergien zwischen Nissan und seinem Allianzpartner Renault. Ohne sie wäre es kaum möglich gewesen, ein Modell des B-Segments so schnell und zugleich kosteneffizient zu entwickeln.

Er sieht nach einem Micra aus

Seit ich den neuen Micra erstmals live gesehen habe, entdecke ich immer wieder Details, die mich an die dritte Generation erinnern. Diese kam 2003 auf den Markt und fiel vor allem durch ihre oval geformten Frontscheinwerfer auf.

In dieser Hinsicht verdient Nissan Anerkennung: Die Marke hat alles darangesetzt, damit der Micra nicht zum typischen Fall von Badge Engineering wird. Zumindest aussen.

Der Micra wirkt kräftiger und vermittelt einen Hauch von Crossover. Im Innenraum teilt er allerdings die Schwäche seines französischen Verwandten: den begrenzten Beinraum auf den hinteren Sitzplätzen.

Dem Innenraum fehlt eine eigene Nissan-Identität

Der Innenraum des Renault 5 braucht kaum noch vorgestellt zu werden und gehört zu den besten im Segment. Er verbindet „Premium“-Anmutungen – zumindest in den besser ausgestatteten Varianten – mit einfacher Bedienung, einem modernen Ambiente und einem Infotainmentsystem, das sich wirklich angenehm nutzen lässt. Als Ausgangsbasis ist das durchaus überzeugend.

Das Problem: Nissan hat kaum etwas unternommen, um den Innenraum des eigenen Modells abzugrenzen. Abgesehen vom Logo auf dem Lenkrad, den Oberflächen von Sitzen und Armaturenbrett sowie ein oder zwei weiteren Details ist praktisch alles identisch.

Die enge Verwandtschaft der beiden Modelle lässt sich dadurch unmöglich ausblenden. Weil der Nissan Micra später kommt, trägt er dafür den höheren Preis.

Wer noch nie in einem R5 gesessen hat, wird darin möglicherweise kein Problem sehen. Ich bin den Elektro-Renault in den vergangenen Monaten jedoch mehrfach gefahren, und genau das hat mich irritiert. Angesichts der Geschichte des Micra hätte ich zudem einen mutigeren Innenraum erwartet, der besser zum auffälligen Exterieur passt.

Nissan Micra: wenig Platz im Fond und Kofferraum

Aus den bereits genannten Gründen hat der Micra dasselbe Raumproblem wie der Renault 5. Vorn sitzen die Insassen komfortabel, auf der Rückbank ist die Grosszügigkeit hingegen deutlich geringer.

Im Fond geht es eng zu. Personen mit einer Körpergrösse von mehr als 1,75 m werden Mühe haben, weder mit den Knien die Vordersitzlehnen noch mit dem Kopf den Dachhimmel zu berühren.

Trotzdem lässt sich ein Kindersitz mit ISOFIX-Basis montieren, sofern der Beifahrersitz nicht vollständig nach hinten geschoben ist. Eine solche Basis benötigt grundsätzlich mehr Platz:

Im Kofferraum sieht es kaum besser aus, denn das Volumen liegt bei lediglich 277 Litern. Wer den Innenraum des Micra genauer kennenlernen möchte, kann sich das Video ansehen – oder nochmals ansehen –, das ich bei der Weltpremiere des Modells aufgenommen habe:

Zwei Batterien stehen zur Wahl

Wie beim Renault 5 kann auch der Micra mit zwei unterschiedlichen Batterien bestellt werden: Die kleinere besitzt 40 kWh und ist mit einem Elektromotor mit 90 kW Leistung (122 PS) sowie 225 Nm kombiniert. Die grössere Batterie mit 52 kWh ist ausschliesslich zusammen mit dem 110-kW-Motor (150 PS) und 245 Nm erhältlich.

Mit der Batterie geringerer Kapazität beträgt die WLTP-Reichweite bis zu 310 km. Die grössere Batterie – sie kam bei diesem Testwagen zum Einsatz – soll bis zu 408 km mit einer Ladung ermöglichen.

Während meiner Tage mit dem Micra konnte ich ihm maximal rund 350 Kilometer Reichweite entlocken. Dieser Wert hängt selbstverständlich immer auch davon ab, wie viele Autobahnkilometer gefahren werden.

Klein, leicht und agil

Schon bei den ersten Metern im Nissan Micra fallen die leichtgängigen Bedienelemente und die Agilität auf. Bei einem kleinen Elektroauto dieser Art macht das einen entscheidenden Unterschied.

Den Sprint von 0 auf 100 km/h erledigt er in 8 s, die Höchstgeschwindigkeit ist bei 150 km/h begrenzt. Diese Werte passen sehr gut zu ihm. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Bedürfnis nach mehr Leistung oder besseren Reserven. Ich könnte mehrere Zeilen darauf verwenden zu erklären, weshalb ich kompakte Elektroautos mit mehreren hundert PS für einen völlig sinnlosen Trend halte. Das heben wir uns aber für ein anderes Mal auf.

All das macht den Micra zu einem unterhaltsamen Auto: Enge Kurven und abruptere Richtungswechsel schrecken ihn nicht ab. Dynamisch wirkt er bei allem, was man von ihm verlangt, stets souverän – ein klarer Pluspunkt. Die Lenkung dürfte aus meiner Sicht lediglich etwas schwerer und rückmeldungsstärker sein.

Die Dämpfung fühlt sich geringfügig straffer an als beim französischen Cousin, wird aber selbst mit 18-Zoll-Felgen nie unkomfortabel. Und natürlich hilft das unter dem Innenraumboden montierte Batteriegewicht dabei, dass das gesamte Fahrzeug sehr satt auf der Strasse liegt.

Dabei bleibt stets ein Mass an Kultiviertheit und Komfort erhalten, das in diesem Segment nicht selbstverständlich ist – auch für die Passagiere im Fond. Dafür sorgt unter anderem die unabhängige Hinterradaufhängung.

Und was kostet er?

Der Nissan Micra ist in Portugal bereits erhältlich. Die Preise beginnen bei 26.589 Euro für die Ausführung mit 40-kWh-Batterie und bei 32.089 Euro für die Variante mit 52-kWh-Batterie.

Lässt man die günstigste R5-Version mit 95 PS ausser Acht, die Nissan nicht anbietet, liegen die Preise der beiden Modelle dicht beieinander. Der Einstiegs-Micra ist rund 1.150 Euro günstiger als der vergleichbare Renault 5. Bei den 150-PS-Versionen gilt dies jedoch nicht mehr: Dort hat der R5 beim Preis einen Vorteil von etwa 850 Euro.

Das sind viele Zahlen für eine recht einfache Erkenntnis: Die Entscheidung für eines der beiden Modelle wird kaum vom Preisunterschied abhängen. Ausschlaggebend dürfte vielmehr das Aussendesign sein, das letztlich den grössten Unterschied zwischen ihnen ausmacht.

Schon bald wird die Auswahl allerdings deutlich grösser sein. Schliesslich handelt es sich um eines der umkämpftesten Marktsegmente: etwa mit dem neuen CUPRA Raval oder dem Volkswagen ID.Polo, ganz zu schweigen vom Kia EV2 oder dem etablierten Peugeot e-208.

Der Kreis lässt sich zudem auf Modelle des darüberliegenden Segments erweitern, deren Preise mit einigen dieser Fahrzeuge konkurrieren können. Dazu zählen der MG4 oder der neue GAC Aion UT, den wir gerade im Video getestet haben:

Für den Micra sprechen seine sehr ordentliche Fahrdynamik, die ausgeprägte Agilität und eines der besten Infotainmentsysteme am Markt. Auf der anderen Seite stehen eine überschaubare Reichweite und ein recht enger Innenraum, insbesondere auf den hinteren Plätzen.

Wenn man all diese Aspekte gegeneinander abwägt, erscheint mir der Preis der Topversion höher als ideal. Das könnte den Verkaufserfolg des Nissan Micra beeinträchtigen. Trotz eines traditionsreichen Namens steht er vor der Frage, die sich alle potenziellen Käufer stellen werden: Warum nicht einfach einen Renault 5 kaufen?

Urteil

Technische Daten

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