Noch vor nicht allzu langer Zeit brachte Audi jeweils nur ein einziges RS-Modell gleichzeitig auf den Markt: RS2, RS4 und RS6 waren die jeweiligen Einzelgänger ihrer Ära. Doch Audi hat bekanntlich keine Scheu davor, auch kleinste Nischen auszunutzen, und empfand die mächtige RS-Marke offenbar als viel zu selten eingesetztes Instrument. Daher prangten die beiden Buchstaben bald auf einer ganzen Reihe vertrauter Modelle. Aktuell baut Audi den RS3, RS6, RS5 und TT RS, wobei die letzten beiden sowohl als Coupé als auch als Cabriolet erhältlich sind. Nun kommt ein weiterer RS hinzu: der neue RS4 Avant.
Audi RS4 Avant: Karosserie und Auftritt
Der Zusatz Avant ist hier besonders wichtig, denn den RS4 gibt es diesmal ausschließlich als Kombi. Audi ist der Ansicht, dass RS5 Coupé und Cabriolet die übrigen Karosserievarianten bereits abdecken, und möchte keine Verkäufe innerhalb des eigenen Modellprogramms kannibalisieren. Außerdem steckt in diesem Auto eine Menge Technik – also der Reihe nach.
Beim Design bleibt es zunächst vergleichsweise übersichtlich: Der RS4 setzt auf jene zurückhaltend-markante Erscheinung, für die RS-Modelle bekannt sind. Dazu gehören ein neuer, streng nach Bauhaus-Art gezeichneter Singleframe-Kühlergrill, der klare Blick der jüngst überarbeiteten A4-Scheinwerfer und eine tief gezogene Frontschürze mit großen Lufteinlässen. Hinzu kommen die typischen ausgestellten, beinahe quadratischen Radhäuser und kräftigere Seitenschweller. Hinten sitzen ein Diffusor in der Stoßstange sowie die traditionellen ovalen RS-Endrohre auf beiden Seiten.
Gegenüber dem A4 liegt er 20 mm tiefer und rollt serienmäßig auf geschmiedeten Zehnspeichenrädern aus Aluminium im 19-Zoll-Format. Die Reifen im Format 265/35 sorgen zusätzlich für einen stimmigen Stand.
Der RS4 wirkt wie ein wütender Roboter: unauffällig genug, um im Verkehr unterzugehen, aber aggressiv genug, damit Kenner ihn sofort erkennen. Genau das passt. Unter dem Blech steckt erwartungsgemäß jede Menge quattro-Technik, ergänzt um verschiedene mechanische Änderungen für mehr Fahrspaß. Die Grundverteilung des Drehmoments beträgt vorne zu hinten 40:60. Bis zu 85 Prozent der verfügbaren Kraft können an die Hinterräder fließen, bis zu 70 Prozent an die Vorderräder.
Das Sportdifferenzial ermöglicht zudem eine aktive Drehmomentverteilung. Je nach Situation kann es mehr Kraft an das Rad mit dem besten Grip schicken. Falls nötig, leitet es außerdem etwas Leistung an ein äußeres, diagonal gegenüberliegendes Rad, um Untersteuern zu reduzieren.
Fahrwerk und Bremsen des RS4 Avant
Optional ist wie beim RS5 das DRC-System erhältlich, kurz für Dynamic Ride Control. Dabei sind diagonal gegenüberliegende Stoßdämpferpaare über Hydraulikleitungen und ein Zentralventil miteinander verbunden. Unter hoher Belastung kann sich das Auto dadurch effizienter stabilisieren, weil das kurvenäußere Vorderrad besonders kontrolliert wird, wenn man es wirklich fliegen lässt. Allerdings ist auch das serienmäßige Fahrwerk bereits sehr überzeugend abgestimmt.
Ebenfalls serienmäßig verbaut Audi ungewöhnlich geformte „Wave“-Bremsscheiben, wie man sie von vielen Sportmotorrädern kennt. Sie erinnern an Ausstechformen, sind zur Wärmeabfuhr innenbelüftet und liefern eine vergleichbare Bremsleistung wie gewöhnliche Stahlscheiben. Durch die ausgesparten Bereiche sparen sie jedoch rund drei Kilogramm ungefederte Masse. Wer sich besonders konsequent festlegen möchte, kann Carbon-Keramik-Bremsen bestellen. Sie reduzieren das Gewicht nochmals, dürften aber kaum nötig sein – außer der tägliche Arbeitsweg führt über die Nordschleife oder den Stilfser Joch.
Bis hierher folgt alles dem vertrauten RS-Rezept. Nun wird es jedoch interessant. Unter der Haube arbeitet ein frei atmender, direkt einspritzender 4,2-Liter-FSI-V8-Benziner. Er leistet 444 bhp bei 8.250 U/min, dreht bis 8.500 U/min und stellt sein maximales Drehmoment von 430 Nm zwischen 4.000 und 6.000 U/min bereit. Im Grunde handelt es sich um den Motor des RS5, allerdings mit einigen Anpassungen.
Die Kraft gelangt ausschließlich über Audis 7-Gang-S-tronic-Doppelkupplungsgetriebe auf die Straße. Das ist durchaus bemerkenswert: ein Kombi mit hochdrehendem V8 und blitzschnellem Doppelkupplungsgetriebe. Das klingt sehr nach einem Auto für Top Gear.
V8-Charakter und Fahrverhalten
Umso überraschender ist der erste Fahreindruck: „Das ist sehr … nett.“ Beim entspannten Dahinrollen wirkt der RS4 recht straff, selbst im Komfortmodus. Das Getriebe wechselt jedoch lautlos die Gänge, der Motor brummelt zufrieden vor sich hin, und man könnte fast glauben, in einer deutlich bescheideneren S-line-Variante zu sitzen. Beim Start lässt der V8 zwar ein kurzes Wummern hören, doch mit der serienmäßigen Abgasanlage – optional gibt es eine lautere Sportabgasanlage – verrät zunächst wenig sein Potenzial. Selbst der Innenraum entspricht, abgesehen von den hervorragenden Sportsitzen in Fledermaus-Form, weitgehend dem gehobenen Audi-Standard.
Erst bei höherem Tempo beginnt der RS4 wirklich Eindruck zu machen. Während unseres Tests auf ausgesprochen schönen österreichischen Bergstraßen regnete es in Strömen – bessere Bedingungen hätte es kaum geben können. Wasserlachen mitten in Kurven, Unebenheiten und überraschend bedrohliche Abgründe machten den quattro-Antrieb zum verdienten Held der Stunde.
Das passendste Kompliment lautet, dass sich dieses komplexe Systempaket erstaunlich natürlich anfühlt. Der Grip ist enorm, vor allem in lang gezogenen, stark belasteten Kurven. Das leicht untersteuernde, kräftige Fahrverhalten vermittelt bei Nässe viel Vertrauen. Gibt man sanft etwas mehr Gas, lässt sich das Auto sogar zum Übersteuern bewegen; dabei unterstützt auch das selbstsperrende Mittendifferenzial mit Kronenrad. Einen Hecktriebler imitiert der RS4 dennoch nie wirklich – und das soll er auch nicht. Gerade diese Sicherheit und Souveränität gehören zu den wichtigsten Gründen, einen RS4 zu kaufen.
Während in einem C63 AMG die Traktionskontrollleuchte munter flackern würde oder man wie ein Rallyefahrer quer unterwegs wäre, packt der RS4 einfach zu und zieht los – oder schiebt sanft über die Vorderachse vom Scheitelpunkt weg. Geht man beim Übergang aus der Geradeausfahrt etwas rabiater vor und ist es glatt genug, kann der RS4 spektakulärer reagieren. Am wohlsten fühlt er sich aber, wenn man sauber und präzise fährt.
Das Getriebe arbeitet schnell und souverän. Seine technische Effizienz lässt ein manuelles Getriebe beinahe grobschlächtig wirken, während es beim Herunterschalten die köstlichsten Zwischengasstöße außerhalb eines Ferrari ausstößt. Zudem kaschiert es hohes Tempo hinter einer Schicht so exakter Kontrolle, dass man das tatsächliche Leistungsvermögen vermutlich erst begreift, wenn man einem RS4 in einem anderen Auto folgt. Er ist wirklich schnell und außergewöhnlich vertrauenerweckend.
Allerdings gibt es einen kleinen Haken: Um das Fahrwerk voll auszunutzen, muss man den Motor gnadenlos drehen lassen. Normalerweise wäre ein klangstarker V8, der immer wieder in den Begrenzer bei 8.500 U/min läuft, eine wunderbare Sache. Allein der großartige Sound macht süchtig. Bei dieser kurzen Begegnung fühlt sich das aber einen Schritt zu extrem für einen Kombi an.
Es bleibt der nagende Eindruck, dass dem RS4 ein drehmomentstärkerer, kräftigerer Motor besser stehen würde als dieser Schreihals. Langsam ist er keineswegs, doch man benötigt ständig ein oder zwei Gänge weniger, als man zunächst erwartet. Dann denkt man unweigerlich an den ebenfalls von Audi gebauten, mächtigen Biturbo-Sechszylinder-Diesel – und plötzlich schleichen sich allerhand ketzerische RS-Gedanken ein.
Trotzdem bietet der RS4 eine ordentliche Ausstattung und für diese Leistungsklasse einen angemessenen Preis. Vor allem seine grundsätzliche Alltagstauglichkeit macht ihn durchaus zu einem möglichen einzigen Auto. Ergänzt man das Sportpaket mit DRC und Dynamiklenkung – sie verändert die Lenkkräfte und lenkt in manchen Situationen sogar gegen –, die Sportabgasanlage mit schwarzen Endrohren, die unverzichtbar ist, sowie größere 20-Zoll-Rotorräder, kostet das alles £2.250. Gegenüber einer Einzelbestellung der Komponenten entspricht das einer Ersparnis von knapp £3.000. Viel mehr würde man kaum brauchen.
Grundsätzlich ist dieses Auto nur schwer zu kritisieren: Sämtliche Komponenten sind hervorragend abgestimmt und außergewöhnlich sorgfältig konstruiert. Nur der Motor harmoniert nicht ganz mit dem übrigen Konzept. Das ist zweifellos kleinlich, doch bei Audis großer Modellvielfalt darf man diesen Anspruch wohl haben. Audi selbst bezeichnet den RS4 als „Paradox aus Alltagstauglichkeit und Extreme“. Das trifft zu. Nur ist nicht sicher, ob dieses Paradox so funktioniert, wie Audi es sich erhofft hat.
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