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Kia e-Niro im Test: Der interessanteste Niro bisher

Blauer Kia E-Niro Elektro-SUV im Showroom neben Ladestation vor großen Fenstern mit Stadtblick.

Fast ein Jahr nachdem wir den überarbeiteten Niro als Hybrid (HEV) getestet haben, ist nun der Kia e-Niro, die vollelektrische Variante, an der Reihe. Auf das Fazit muss man nicht warten: Er ist bisher der interessanteste aller Niro, auch wenn er zugleich die teuerste Ausführung ist.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Vor allem ist er der stärkste und schnellste der drei verfügbaren Antriebe – HEV (Hybrid), PHEV (Plug-in-Hybrid) und e-Niro (Elektro) – und kurioserweise bietet er zudem den größten Kofferraum der Baureihe. Damit passt sein Ladevolumen endlich besser zu den familiären Ansprüchen dieses Crossovers.

Vorbildliche Effizienz

Am meisten beeindruckte beim e-Niro jedoch die hervorragende Effizienz seines Antriebsstrangs. Die angegebenen 15,9 kWh/100 km sind gut, sogar sehr gut – insbesondere weil sie auf dem Niveau der offiziellen Werte zahlreicher kompakterer, schwächerer und leichterer Elektroautos liegen oder diese sogar unterbieten.

Zunächst erschien mir dieser Wert recht optimistisch. Schließlich handelt es sich um einen elektrischen Crossover mit fast 1.800 kg Gewicht, 204 PS und 395 Nm. Angesichts anderer Elektroautos, die ich bereits getestet habe oder die schon in der Garage von Razão Automóvel standen, musste ich allerdings anerkennen, wie überraschend leicht sich nicht nur die offiziellen 15,9 kWh/100 km erreichen, sondern sogar unterschreiten lassen. In der Praxis lagen die Werte üblicherweise im oberen 14er- und unteren 15er-Bereich.

Auch auf der Autobahn erwies sich der Kia e-Niro als äußerst konkurrenzfähig. Obwohl seine Stirnfläche größer ist als bei kompakteren Elektroautos – die Karosserie ist höher und breiter, zudem fällt die Bodenfreiheit größer aus –, bewegte sich der Verbrauch zwischen 20 und 22 kWh/100 km. Das entspricht vollkommen den Werten kleinerer Elektrofahrzeuge.

Beschränkt sich der Einsatz auf Stadt- und Vorortfahrten und werden die verlockenden 204 PS/395 Nm nicht übermäßig „ausgereizt“, sind mehr als 400 km pro Ladung ohne großen Aufwand möglich – Reichweitenangst? Nicht einmal ein „flaues Gefühl im Magen“ … Sofern nicht täglich 100 km gefahren werden, wird der Kia e-Niro vermutlich nur einmal pro Woche geladen werden müssen.

Längere Fahrten? Kein Problem

Die nachgewiesene Effizienz, das gute Platzangebot und die verfügbare Leistung machen den Kia e-Niro zu einem angenehmen Begleiter für (gewagte) längere Strecken, etwa für einen Wochenendausflug – oder zumindest, sobald dies wieder möglich ist.

Seine Langstreckenqualitäten werden zusätzlich durch den hohen Komfort und die kultivierte Atmosphäre an Bord unterstrichen. Dazu tragen zum Teil die Sitze bei – ihnen fehlt etwas Seitenhalt, mit Ausnahme der elektrisch einstellbaren Lordosenstütze –, ebenso die sehr gute Geräuschdämmung und die eher komfortabel-weiche Fahrwerksabstimmung.

Der Kia e-Niro fühlt sich auf offenen, breiten Straßen wohler – seine Stabilität ist hoch – als auf schmalen und kurvenreichen Strecken. Das weich abgestimmte Fahrwerk und die Michelin Primacy sind nicht die idealen Partner, um das gesamte „Temperament“ der 204 PS und insbesondere der unmittelbar anliegenden 395 Nm auszukosten.

Wird das Fahrpedal wie ein On-off-Schalter benutzt, überfordern die abrupten Drehmomentschübe die weichen Vorderreifen recht schnell, die ihren Protest deutlich hörbar äußern. Dennoch bleibt das Fahrverhalten des e-Niro stets kompetent und in seinen Reaktionen gutmütig, wenn auch nicht besonders aufregend – persönlich würde ich etwas Komfort gegen eine passendere Fahrwerksabstimmung und Reifen eintauschen, die besser mit der gebotenen Leistung umgehen können.

Wer das Fahrpedal etwas kultivierter einsetzt, um die Reifen nicht zu sehr zu strapazieren, wird die unmittelbaren 204 PS und 395 Nm gegen nichts eintauschen wollen. Ein etwas kräftigerer Tritt aufs Pedal genügt, und der Kia e-Niro schießt entschlossen nach vorn: Überholmanöver werden zum Kinderspiel, und nahezu jede Steigung wirkt, als wäre sie gar nicht vorhanden – so mühelos gewinnt und/oder hält er sein Tempo.

Schaltwippen als mögliche Interaktion

Anders als andere Elektroautos verfügt der e-Niro am Getriebewählhebel nicht über einen B-Modus, also über eine Einstellung mit maximaler Energierückgewinnung. Stattdessen sitzen hinter dem Lenkrad Schaltwippen an jener Stelle, an der sich bei einem Fahrzeug mit Automatikgetriebe die Wippen zum Gangwechsel befänden. Mit ihnen lässt sich die Rekuperationsstufe beim Verzögern steuern.

Die Abstufung reicht von Stufe 0 (keine Rekuperation) bis Stufe 3 (maximale Rekuperation). Es dauerte nicht lange, bis sie zu einem festen Bestandteil des Fahrerlebnisses wurden und dieses interaktiver machten, als es bei dieser Art von Fahrzeugen üblich ist.

Bergab lässt sich beispielsweise die Wirkung der Motorbremse nachbilden: Ein oder zwei Betätigungen der linken Wippe erhöhen die Rekuperationsstufe und ermöglichen es, eine konstante Geschwindigkeit zu halten. Wird dieselbe Wippe gedrückt gehalten, ist die Rückgewinnung kräftig genug, um den e-Niro zum Stillstand zu bringen.

Hält man die rechte Wippe gezogen, wird der automatische Rekuperationsmodus aktiviert. In diesem Modus wählt der e-Niro die Rekuperationsstufe selbstständig, wobei er die vorausfahrenden Fahrzeuge berücksichtigt, die sein Radar erkennt.

Ist der Kia e-Niro das richtige Auto für mich?

Wie viele andere Elektroautos richtet sich auch der Kia e-Niro aufgrund des geforderten Preises von fast 50.000 Euro (ohne Aktionen) eher an Unternehmen als an Privatkunden. Nicht umsonst wurde er bei den Prémios Fleet Magazine 2020 zum „Elektroauto für Unternehmen“ gewählt.

Obwohl die Serienausstattung sehr umfangreich und vollständig ist – als Option gibt es lediglich die Metallic-Lackierung –, spiegelt der Preis des Kia e-Niro eher die weiterhin hohen Kosten der Elektrotechnik als den Wert des Fahrzeugs selbst wider.

Ein Vergleich mit den anderen, elektrifizierten Niro-Modellen genügt: Der e-Niro kostet 10.000 Euro mehr als der PHEV (Plug-in-Hybrid) und 20.000 Euro mehr als der HEV (Hybrid). Zu seinen Gunsten spricht jedoch ein Leistungsniveau, von dem seine „Brüder“ nur träumen können und das viel zum positiven Gesamteindruck des Modells beiträgt.

Derzeit gibt es nicht viele Alternativen zum Kia e-Niro, die dieselbe Kombination aus Platz, Effizienz und Leistung bieten. Die nächstliegende Alternative ist sein „Cousin“, der Hyundai Kauai Electric aus einem niedrigeren Segment. Er besitzt denselben Antriebsstrang und kostet sogar einige Tausend Euro weniger, doch seine kompakteren Abmessungen zeigen sich in einem geringeren Innenraumangebot.

In diesem Jahr werden weitere elektrische Crossover/SUV auf den Markt kommen, etwa der Skoda Enyaq. Er dürfte in Preis und Antriebseigenschaften der engste Rivale des Kia e-Niro sein, obwohl er bei den Abmessungen deutlich größer ausfällt.

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