Oberflächlich betrachtet hat McLaren alles, was eine grosse Marke braucht: eine reiche Geschichte mit dem vielleicht ikonischsten Strassenwagen aller Zeiten, neun Konstrukteurstiteln in der Formel 1 sowie eine persönliche Geschichte, die von bescheidenen Anfängen über individuelle Erfolge und wilde Can-Am-Rennwagen bis hin zu grausamer Tragik reicht. Ausserdem dominiert das Unternehmen wieder die Spitze des Motorsports und hat gerade die Rückkehr nach Le Mans in der Hypercar-Klasse angekündigt. Und der 750S zählt zu den besten Supersportwagen, die je gebaut wurden. Was für eine Traumkonstellation.
McLaren unter Forseven
Trotzdem wurde McLaren gerade von Forseven übernommen. Was Forseven eigentlich ist? Eine berechtigte Frage. Auf der LinkedIn-Seite verkündet das Unternehmen stolz, es „entwickelt unvergessliche Autos, die britischen Luxus dauerhaft mit wegweisenden Technologien verbinden“. Dass niemand eines dieser Autos vergessen hat, stimmt tatsächlich. Vor allem deshalb, weil die Firma bislang noch keines gebaut hat.
Forseven gehört CYVN Holdings, einem vom Staat Abu Dhabi unterstützten Fonds, der jüngst auch McLaren Automotive übernommen hat. Das Unternehmen beschäftigt 700 Menschen, verfügt über eine Technologievereinbarung mit dem chinesischen Hersteller Nio, vereint zahlreiche bekannte frühere JLR-Mitarbeiter und wird von der Financial Times als „britisches Start-up ausschliesslich für Elektroautos“ bezeichnet.
Ist Ihnen schon das Herz in die Hose gerutscht? Mir ebenfalls. Fairerweise musste etwas passieren. McLarens Strassenwagensparte verbrennt seit Jahren Geld, und der frühere Eigentümer – der bahrainische Staatsfonds Mumtalakat – hat nach Investitionen von rund 1,5 Milliarden Pfund offenbar genug. Die Lage war derart desaströs, dass McLaren seinen beeindruckenden Hauptsitz verkaufen und anschliessend zurückmieten musste, um Kapital freizusetzen.
Die Probleme von McLaren Automotive
Weshalb diese endlose Unruhe? Die vollständige Erklärung ist sicher ausgesprochen kompliziert. In einer Welt jedoch, in der das Produkt entscheidend ist, lässt sich vieles auf einige grundlegende Punkte zurückführen: eine zu breite Modellpalette in den ersten Jahren, zu viele Zuverlässigkeitsprobleme, ein Überangebot und ein austauschbares Design. Die Folge sind im historischen Vergleich schwache Restwerte gegenüber den Sondermodellen von Ferrari und Porsche. Käufervertrauen zurückzugewinnen, ist enorm schwierig, wenn selbst grossartige Fahrzeuge wie der 750S sieben Minuten nach der Übergabe nur noch die Hälfte kosten.
Wie löst man ein Problem wie McLaren? Ich behaupte nicht, die Antwort zu kennen. Doch alles, was aus den dunklen Ecken des Internets dringt, deutet darauf hin, dass die Führung von Forseven die Lösung in einem SUV mit Elektroantrieb sieht. Warum auch nicht? Schliesslich hat es bei niemand anderem funktioniert, das gesamte Konzept widerspricht McLarens Markenwerten und Geschichte direkt, und die tatsächlichen Probleme etwa beim Artura werden dadurch nicht angegangen. Abgesehen davon klingt es nach einem soliden Plan.
Zak Brown als Hoffnung für McLaren
Das Verrückteste daran: Der einzige Mann, dem ich zutrauen würde, McLaren Automotive wieder auf Kurs zu bringen, arbeitet im selben Gebäude. Sein Name ist Zak Brown. Er liebt Autos, versteht McLaren und hat das Formel-1-Team – an dem CYVN einen deutlich kleineren Anteil erworben hat – mit einem klugen, kompromisslos wettbewerbsorientierten und beständigen Ansatz wieder zu einem Siegerteam gemacht. Der Weg zurück an die Spitze dauerte sechs Jahre und war von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Die Strassenwagensparte ist eine noch grössere Aufgabe, doch Forseven behauptet, einen Sanierungsplan zu besitzen, der „in unglaublichem Tempo“ umgesetzt werde. Oh je. Zak ... kannst du nicht mal ein Wort einlegen?
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