Die Entstehungsgeschichte des Hot Hatch ist zwar nicht ganz eindeutig, doch VW schuf 1975 klare Verhältnisse. Hat jemals ein Auto seine Klasse treffender definiert als der Golf GTI MkI? Auch 50 Jahre später folgen wir demselben Rezept: Frontantrieb, ein praktischer Innenraum, ein kerniger Motor und eine lässige Ausstrahlung ohne übertriebenen Aufwand.
Umso seltsamer, dass VW bereits nach wenigen Anläufen vom Kurs abkam. Der MkIII war pummelig, unscheinbar und untermotorisiert. Beim MkIV wurde es noch schlechter. Dann erschien 2005 der MkV. Er wurde zu TGs Auto des Jahres, destillierte die Stärken von MkI und MkII und setzte sie überzeugend in die Moderne um.
Vor zwanzig Jahren sah ich einen im VW-Werk in Wolfsburg. Als Kind hat er mich sofort fasziniert. Er war gerade auf den Markt gekommen, und ich spürte, dass er etwas Besonderes war – mehr als andere VWs.
Fotografie: Jonny Fleetwood
Der MkV GTI hinterliess an diesem Tag einen so bleibenden Eindruck, dass ich einen kaufte. Na ja, irgendwie jedenfalls. Ich bat meinen Vater, mir im Autostadt-Shop ein Modell im Massstab 1:43 zu kaufen. Bis heute zählt diese silberne Miniatur zu meinen liebsten Besitztümern. Sie erinnert mich an meine Herkunft und meine persönliche Verbindung zu VW.
Besuche bei meinem Grossonkel, der in der Stadt lebte und von 1960 bis 1990 für VW arbeitete, waren immer etwas Besonderes. Zuerst war er in der Lackiererei tätig, später kontrollierte er am Band die ursprünglichen Käfer und Golf. Die Geschichten, die er bei unseren Besuchen erzählte, waren lustig und hatten für mich als autoverrücktes Kind eine besondere Bedeutung.
Der VW Golf GTI MkV als persönlicher Auslöser
Die Erinnerung an den MkV GTI ist jedoch die wichtigste: Sie legte den Grundstein für mein Interesse an Autos. Als sich diese Gelegenheit ergab, konnte ich deshalb nicht widerstehen. Würde der MkV Golf GTI meinen Erwartungen viele Jahre später noch gerecht werden?
„Er ist analog und fesselnd – man geht völlig darin auf und fährt ohne Ablenkung.“
Die kurze Antwort lautet: ja. Die Verbindung seiner beiden wesentlichen Seiten – Golf als Schrägheckmodell und GTI als Hot Hatch – gelingt ihm hervorragend. Der turboaufgeladene 2,0-Liter-Vierzylinder mit 197 bhp arbeitet unterhalb von 3.000 U/min unkompliziert und unauffällig. Darüber wirkt es hingegen, als hätte man bei einem Mixer von niedriger auf höchste Stufe geschaltet. Der Klang wird voller, 0–62mph sind in 7.2secs erledigt, und plötzlich wird klar, dass dieser GTI erheblich mehr Tiefe besitzt, als man zunächst erwartet.
Fahrgefühl und klassische GTI-Details
Er belohnt genauso sehr, wie er süchtig macht – besonders in Kurven. Der MkV reagiert bereitwillig und engagiert, wankt zwar leicht, trägt sein Tempo aber locker und mühelos. Das komfortabel abgestimmte Fahrwerk gibt einem das Vertrauen, stärker anzugreifen. Über die Lenkung lässt sich genau nachvollziehen, was passiert; so kann man den MkV GTI durch Kurven fädeln und exakt dort platzieren, wo man ihn haben möchte.
Dabei war ich schon überzeugt, bevor ich überhaupt losfuhr. Der MkV griff jene klassischen GTI-Merkmale wieder auf, die von Beginn an vorhanden gewesen, später aber ohne nachvollziehbaren Grund gestrichen worden waren: Karostoff, Felgen im Telefonwählscheiben-Design, die rote Linie um den Kühlergrill und der Schaltknauf im Golfball-Look. Er sollte sich in meiner Handfläche eigentlich nicht so passend anfühlen, tut es aber. Und wenn man ihn durch die Schaltkulisse bewegt, verfehlt man keinen Gang.
Vor allem ist er analog und fesselnd: Man versinkt einfach im Fahren, frei von Ablenkungen. Wenn einem danach ist, kann man das Tempo anziehen, und er wird zum fokussierten, spielfreudigen Hot Hatch. Ist der Spass vorbei, öffnet man die Türen, lädt Kinder und Gepäck ein, und niemand würde etwas vermuten.
Auch sein Aussehen begeistert mich. Dezent genug, um nicht aufzufallen, aber eigenständig genug, um erkennbar zu bleiben. Die meisten Hot Hatches wollen bewusst auffallen, doch der MkV GTI bleibt seinen Wurzeln treu: nie protzig, sondern nur mit einigen gezielten Hinweisen.
Ich fuhr ihn eine Woche lang und fühlte mich darin sofort wohl und zuhause. Diese gemeinsame Zeit machte mir bewusst, dass er eigentlich alles Auto ist, was man wirklich braucht. Als ich ihn vor all den Jahren in Wolfsburg staunend betrachtete, wusste ich, dass er gut sein würde. Nur wie gut, war mir damals nicht klar. Jetzt weiss ich es.
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